Mi., 30.01.2019

Missbrauch im Kreis Lippe: Warum lebte ein Pflegekind bei einem Junggesellen im Wohnwagen? Viele Opfer, viele Fragen

Der Campingplatz »Eichwald« in Lügde-Elbrinxen war bis Dienstag vor allem Dauercampern aus den Niederlanden und dem Ruhrgebiet bekannt.

Der Campingplatz »Eichwald« in Lügde-Elbrinxen war bis Dienstag vor allem Dauercampern aus den Niederlanden und dem Ruhrgebiet bekannt. Foto: Christian Müller

Von Christian Althoff

Lügde/Detmold (WB). Ein arbeitsloser Junggeselle, der in einem Wohnwagen lebt und trotzdem nach eigenen Angaben vom Jugendamt ein Pflegekind anvertraut bekommt – der Fall wirft Fragen auf, zumal der Mann jetzt unter Missbrauchsverdacht in Untersuchungshaft sitzt.

Frank Schäfsmeier führt den Campingplatz »Eichwald« in Lügde. Foto: Christian Althoff

Der Campingplatz »Eichwald« in Lügde-Elbrinxen war bis Dienstag vor allem Dauercampern aus den Niederlanden und dem Ruhrgebiet bekannt. »Die Leute lieben die Ruhe hier«, sagt Frank Schäfsmeier, dessen Familie die Anlage seit 48 Jahren betreibt. Jetzt ist der Platz bundesweit bekannt: Einer der Dauercamper, den hier alle kannten und beim Spitznamen riefen, soll – wie berichtet – zusammen mit zwei weiteren Männern Kinder missbraucht haben – insgesamt etwa 20, sagt die Staatsanwaltschaft Detmold.

Als die Vorwürfe bekanntgeworden seien, habe er sie erst nicht glauben wollen, sagt der Platzwart. »Auch die anderen Camper konnten sich so etwas nicht vorstellen.«

»Wir hatten keinen Grund, etwas Böses zu denken«

Polizisten haben rot-weißes Absperrband um die Parzelle gezogen, auf der der Hauptbeschuldigte seit Jahrzehnten gelebt hat. Zwei alte Wohnwagen, rundherum ein paar marode, hölzerne Anbauten – die Unterkunft wirkt heruntergekommenen. »Ich schätze, dass er bis zu seiner Festnahme 30 Jahre hier gelebt hat. Das war sein Wohnsitz. Etwas anderes hatte er nicht«, sagt Frank Schäfsmeier. »Schon seine Eltern, die inzwischen verstorben sind, haben hier gecampt.« Jeder hier habe den Mann gekannt, sagt der Platzwart, aber einen richtigen Freund habe er wohl nicht gehabt. »Früher ist er, glaube ich, mal Lkw gefahren. Aber sonst hat er beruflich nichts gemacht.« Hilfsbereit sei er gewesen, wenn man ihn gefragt habe, und er habe niemals Alkohol getrunken. »Nicht einen Tropfen!«

Dass der Junggeselle vor etwa zwei Jahren mit einem kleinen Mädchen auf dem Campingplatz »Eichwald« auftauchte, hat angeblich niemanden stutzig gemacht. »Klar haben wir gefragt. Er sagte, es wäre sein Pflegekind. Und von der Familienhilfe kamen regelmäßig Leute vorbei, um nach dem Mädchen zu sehen. Wir hatten keinen Grund, etwas Böses zu denken.« Er habe sich zwar schon gewundert, dass das Jugendamt ein kleines Mädchen zu einem alleinlebenden Mann in einen Wohnwagen gebe, sagt der 54-Jährige. »Aber ich dachte, das Amt wird schon wissen, was es tut.« Das Mädchen sei »ganz normal« jeden Tag zur Schule gegangen. »Und wenn es draußen spielte oder vor meinem Büro mit dem Fahrrad im Kreis fuhr, hatte man den Eindruck, dass es ihm gut geht.«

Im ersten Stock dieses Hauses renovierte der Hauptbeschuldigte gerade eine Wohnung für sich und das Mädchen. Foto: Christian Althoff

So ganz geheuer war die Sache dem Jugendamt aber wohl doch nicht. Nach WESTFALEN-BLATT-Informationen soll die Behörde den Mann aufgefordert haben, sich eine richtige Wohnung zu suchen. Die fand er 2018 nicht weit vom Campingplatz entfernt über der früheren Sparkassenfiliale von Elbrinxen. Ein älterer Mann aus der Nachbarschaft: »Ich habe mitbekommen, dass er die Wohnung tapeziert hat. Aber eingezogen ist er bis heute nicht.« Eine Nachbarin habe ihm erzählt, dass sie den Mann einmal mit zwei jungen Mädchen in der Wohnung gesehen habe. »Ich will keine Gerüchte in die Welt setzen, aber das kam der Frau schon komisch vor.«

Pflegetochter soll zu den Opfern gehören

Die Pflegetochter soll aus dem benachbarten Niedersachsen stammen und ins zweite Schuljahr gehen. Sie soll ebenfalls zu den Opfern gehören und von ihrem Pflegevater missbraucht worden sein.

Wie der Mann in Verdacht geriet, wollen die Ermittler heute mitteilen. Sie hatten Ende 2018 die Parzelle durchsucht, ein Handy sichergestellt und andere Camper befragt. Bei diesen Ermittlungen soll sich der Verdacht gegen die beiden mutmaßlichen Mittäter ergeben haben.

Das Jugendamt wollte sich gestern nicht zu dem Fall äußern. Man wolle erst abwarten, was die Polizei bekanntgebe, sagte eine Sprecherin.

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