Kreis Lippe: Eines durfte schon wieder zu seiner Mutter zurück
Jugendamt Detmold nimmt sechs Kinder in Obhut

Detmold/Lügde (WB). Nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsserie auf dem Campingplatz »Eichwald« in Lügde hat das Jugendamt Detmold – wie berichtet – sechs Kinder in Obhut genommen.

Donnerstag, 21.03.2019, 03:00 Uhr aktualisiert: 21.03.2019, 06:38 Uhr
Der Vorraum zu der Unterkunft von Andreas V. auf dem Campingplatz in Lügde. Foto: Althoff
Der Vorraum zu der Unterkunft von Andreas V. auf dem Campingplatz in Lügde. Foto: Althoff

Steffen Adams, der Sprecher des Kreises Lippe, sagte am Donnerstag, aus Gründen des Opferschutzes werde man keine näheren Details bekanntgeben. »Es geht darum, weiteren Schaden von den Kindern fernzuhalten.«

Nach Angaben unter anderem aus dem NRW-Innenministerium ergibt sich folgendes Bild: Zuerst nahm das Jugendamt Lippe die kleine Pflegetochter des Hauptbeschuldigten Andreas V. in Obhut. Später kamen vier Kinder eines alleinerziehenden Vaters hinzu. Bei ihm besteht laut Innenministerium der Verdacht, er könne von dem Missbrauch gewusst und seine Kinder trotzdem zu Andreas V. gelassen haben.

Das sechste Kind, das in Obhut genommen wurde, gehört einer alleinerziehenden Mutter. Hier soll das Jugendamt wegen desolater Wohnverhältnisse eingegriffen haben. Nachdem sich die Wohnsituation deutlich gebessert haben soll, wurde das Kind der Mutter zurückgegeben.

Innenministerium: Bis auf eines gelten alle der Kinder als Missbrauchsopfer

Nach Angaben des Innenministeriums gelten bis auf eines der vier Geschwister alle genannten Kinder als Missbrauchsopfer. Nach der Rückgabe des einen Kindes an seine Mutter sind nunmehr noch fünf Kinder aus dem Komplex Lügde vom Jugendamt Lippe in Pflegestellen untergebracht.

Zu dem Fall des vierfachen Vaters sagte Oberstaatsanwalt Ralf Vetter, die Hinweise auf eine Beihilfe hätten sich bisher nicht bestätigt. »Stand heute spricht alles dafür, dass wir das Verfahren einstellen werden.« Das könnte dann das Signal für das Kreisjugendamt Lippe sein, auch dem Vater seine Kinder zurückzugeben.

Insgesamt sind den Ermittlern im Fall Lügde nach letzten Angaben 34 Kinder bekannt, die missbraucht worden sein sollen. Alle Taten sollen auf dem Campingplatz geschehen sein.

Landrat Tjark Bartels bezeichnet Hürden für Inobhutnahme als zu hoch

Tjark Bartels (SPD), der Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont, hat unterdessen die Hürden für Inobhutnahmen als zu hoch bezeichnet. »Es gibt etliche Fälle, in denen Jugendamtsmitarbeiter Bauchschmerzen haben, in denen aber die gesetzlichen Voraussetzungen für eine Inobhutnahme nicht vorliegen«, sagte Bartels. Das Bundesverfassungsgericht habe 2014 entschieden, dass ein Sorgerechtsentzug nur möglich sei, wenn ein »gravierend schädigendes Erziehungsversagen« mit hinreichender Gewissheit feststehe. Bartels sagte, im Fall des Mädchens sei es nicht möglich gewesen, der Mutter das Sorgerecht entziehen zu lassen, um das Kind möglicherweise in einer anderen Umgebung unterzubringen. »Die Mutter war kooperativ und hat die Pflegestelle auf dem Campingplatz selbst vorgeschlagen. Wir mussten das als milderes Mittel statt eines Sorgerechtsentzugs akzeptieren.« Im Hinblick auf die Wohnsituation auf dem Campingplatz sagte der Landrat, es wäre wohl eine Kindeswohlgefährdung gewesen, hätte man das Kind von seiner einzigen vertrauten Person, nämlich dem Pflegevater, getrennt.

Das Jugendamt des Kreises Hameln-Pyrmont hatte 2017 mit dem inzwischen Hauptbeschuldigten Andreas V. einen Pflegevertrag für die Tochter der erziehungsunfähigen Mutter geschlossen und steht deshalb in der Kritik. Mitarbeiter sollen drei Hinweise, mit denen Andreas V. des Kindesmissbrauchs verdächtigt wurde, nicht konsequent verfolgt haben. Außerdem hatte eine Jugendamtsmitarbeiterin selbst in der Akte notiert, es gebe ein wiederkehrendes Muster: Andreas V. suche den Kontakt zu jungen Mädchen und versuche, sie in seine Abhängigkeit zu bringen.

Im Dezember, nach der Festnahme von Andreas V., hatte die Mitarbeiterin diesen Vermerk aus der Akte gelöscht. IT-Spezialisten rekonstruierten ihn, die Frau wurde beurlaubt.

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