So., 14.04.2019

Staatsanwaltschaft Detmold will Anklage noch vor Mai fertigstellen Pannen und Fehler im Missbrauchsfall Lügde

Die Polizei hat die Parzelle des Hauptverdächtigen Andreas V. abgesperrt.

Die Polizei hat die Parzelle des Hauptverdächtigen Andreas V. abgesperrt. Foto: dpa

Detmold (dpa). Das passt ins Bild: Im Fall des mutmaßlich tausendfachen sexuellen Missbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde an der Grenze von Nordrhein-Westfalen zu Niedersachsen stehen seit Wochen nicht mehr die Haupttäter und Opfer im Mittelpunkt. Bevor die Staatsanwaltschaft in Detmold – nach bisheriger Planung – noch vor Mai die Anklage fertig haben will, überlagert die Aufarbeitung von Pleiten, Pech und Pannen bei Jugendämtern und Polizeidienststellen den Blick auf den Fall. Und die Politik.

Zuletzt wurden am Donnerstag bei Abrissarbeiten auf dem Campingplatz in einem Hohlraum unter einer Holzplanke CDs und Disketten gefunden. Die Arbeiter übergaben die Funde der Polizei. Ob belastendes Material auf den Speichermedien ist, ist noch nicht bekannt. Die SPD als Oppositionspartei im Düsseldorfer Landtag fordert wegen der neuen Entdeckung den Rücktritt von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU).

Der Fund weiterer Beweismittel sei »einfach unfassbar und erschüttert die Glaubwürdigkeit des Ministers«, erklärte auch die innenpolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, Verena Schäffer, mit Blick auf Reul. »Er hat die Aufklärung zu seinem Projekt gemacht – daran muss er sich messen lassen.«

Polizei Bielefeld nimmt Reul in Schutz

Ob Reul dieser Fund anzukreiden ist? Die Datenträger hätten mit bei einer Durchsuchung zulässigen Mitteln nicht gefunden werden können, teilte die Polizei in Bielefeld mit – und nimmt so ihren Dienstherrn in Schutz. Der Besitzer des Campingplatzes konnte erst nach der Einhaltung von Kündigungsfristen und nach Absprache mit dem Anwalt des Parzellenbesitzers und Hauptbeschuldigten die Bagger anrollen lassen.

Reul zeigt sich immer wieder empört über den Fall – besonders wenn es um Fehler und Pannen bei Polizei und Behörden geht. Sein Spruch »Meine Oma hätte gemerkt, dass da was nicht stimmt« bezog sich auf die Situation auf dem Campingplatz. Hier wurde ein Pflegekind auf Wunsch der Mutter vom Jugendamt an den Hauptverdächtigen gegeben. Mit dem Zitat brachte Reul allerdings auch Polizisten gegen sich auf, weil die sich unter Generalverdacht sahen. Auf der Straße wurden Beamte vielfach angepöbelt.

Hauptverdächtiger hatte guten Ruf auf Campingplatz

Wie katastrophal die Zustände auf der Parzelle des 56-jährigen Dauercampers waren, ist heute bekannt. Aber selbst Nachbarn auf dem Campingplatz hatten das lange nicht geahnt. Der Mann hatte einen guten Ruf. Er hatte Ausflüge und Spiele für Kinder organisiert und seine Pflegetochter, die er ebenfalls missbraucht haben soll, als Lockmittel für andere Opfer eingesetzt. Dieses perfide Szenario schilderten die geschockten Ermittler bei der ersten Pressekonferenz Ende Januar in Detmold zum Teil mit tränenerstickter Stimme.

Dass diese Ermittler kurz danach von dem Fall abgezogen wurden, lag an einer Reihe von Pannen und Führungsversagen bei der Polizei in Lippe . Ausgerechnet ein Polizeischüler sollte die gefundenen Videos und Fotos mit Kinderpornomaterial auswerten. Es gab keine Sicherungskopien, und dann war ein Teil der Datenträger aus einem Raum der Polizei in Lippe verschwunden.

Auch ein Sonderermittler des Landeskriminalamtes konnte den Verlust der 155 CDs und DVDs nicht aufklären. Die Empörung war groß, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Aber auch wenn die Speichermedien nicht mehr auftauchen, ist der Schaden wohl begrenzt: Verschwunden sind rund fünf Prozent des Beweismaterials.

»Wir drehen jeden Stein auf dem Campingplatz um. Notfalls wird jeder Stein geröntgt«

Nach dem Fund in der vergangenen Woche fällt Reul ein weiteres Zitat auf die Füße. Im Februar hatte er im Landtag gesagt: »Wir drehen jeden Stein auf dem Campingplatz um. Notfalls wird jeder Stein geröntgt.« Jetzt muss Reul sich die Frage gefallen lassen, warum eine Abrissfirma Holzlatten umdrehen musste, bevor weitere Beweismittel gefunden wurden – ohne dass Polizeibeamte den Abriss begleiteten.

Dass der Missbrauch für einige Opfer hätte verhindert werden können, ist eine der tragischen Erkenntnisse. Nachweislich gab es bereits 2016 Hinweise an Polizeibeamte und Jugendämter. Mindestens seit 2008 wurden Kinder mutmaßlich tausendfach missbraucht. Aber es gab auch Hinweise auf frühere Taten, die zum Teil wohl verjährt sind oder nicht angezeigt wurden, weil den Opfern nicht geglaubt wurde.

Der Landrat des Kreises Hameln/Pyrmont räumte im niedersächsischen Landtag Fehler seiner Mitarbeiter bei der Bewertung früher Hinweise ein. »Dass dieser Mensch das getan haben soll, konnten sich viele nicht vorstellen«, sagte er im März. Der 56-Jährige sei nur als »komischer Typ und ein bisschen verschroben« beschrieben worden. Bartels räumte erneut ein, dass das Jugendamt trotz Hinweisen auf Pädophilie und möglichen sexuellen Missbrauch 2016 ein Mädchen bei dem Dauercamper weiter wohnen ließ und ihm Anfang 2017 sogar die Pflegschaft übertrug.

In Lügde ist nichts mehr, wie es war

Heute wissen die Ermittler von 40 Opfern . Nach dpa-Informationen stammen alle Kinder aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Dazu kommen noch 12 Verdachtsfälle. Die Zahl der Beschuldigten liegt bei acht, neben den drei inhaftierten Hauptbeschuldigten wird gegen weitere Beschuldigte wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material von dem Campingplatz, Strafvereitelung oder Beihilfe zum Missbrauch ermittelt.

Nach den Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft hat der 56-Jährige mit einem Komplizen aus Steinheim bei Höxter Kinder über Jahre hinweg missbraucht und dabei gefilmt. Die Beiden und ein 48-Jähriger aus Stade sitzen in Untersuchungshaft. Der Stader soll die Missbrauchstaten live im Internet verfolgt haben.

»Seit dem 31. Januar ist in Lügde nichts mehr, so wie es war in der ländlich strukturierten, friedlichen, idyllischen Gemeinde«, sagte Lügdes parteiloser Bürgermeister Heinz Reker vor Wochen dem WDR. Im Juni soll der Prozess gegen die Hauptbeschuldigten am Landgericht Detmold beginnen. Dann geht es um die mutmaßlichen Täter und deren Opfer – und nicht mehr um den Ort im Weserbergland, der dem Fall seinen Namen gibt.

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