Fr., 28.06.2019

Mario S. (34) lässt als einziger Angeklagter persönliche Worte öffentlich vortragen »Ich schäme mich«

Mario S. (mit Anwalt Jochen Bogner) ließ sich fotografieren. Andreas V. versteckte sich dagegen hinter einem Aktenordner. Rechts sein Anwalt Johannes Salmen.

Mario S. (mit Anwalt Jochen Bogner) ließ sich fotografieren. Andreas V. versteckte sich dagegen hinter einem Aktenordner. Rechts sein Anwalt Johannes Salmen. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Detmold (WB). Natürlich kennt Anke Heldt den Missbrauchsfall Lügde aus der Zeitung. Aber als die Mitarbeiterin des »Weißen Rings« am Donnerstag die Mutter zweier missbrauchter Kinder ins Gericht begleitet und dort die Anklage hört, nimmt sie das doch sehr mit. »Ich habe selbst eine Tochter. Diese fürchterlichen Details zu hören – das war nicht einfach.« Die Frau neben ihr drückt ihr die Hand und verliert eine Träne. Es ist die Mutter der Opfer.

Um kurz vor neun werden die Angeklagten in Saal 165 gebracht. Andreas V. (56) aus Lügde hat sich die Kapuze seines Pullis über den Kopf gezogen und hält sich einen Aktenordner vors Gesicht. Auch Heiko V. (49) aus Stade verbirgt seinen Kopf hinter einem Aktendeckel. Nur der rotbärtige Mario S. (34) aus Steinheim versteckt sich nicht vor den Kameras und den Zuschauern. »Das sollte auch ein Zeichen sein«, erklärt sein Anwalt Jürgen Bogner später in einer Prozesspause. »Er steht zu seinen Taten. Sie tun ihm unendlich leid, und er will reinen Tisch machen.«

 Der Prozess beginnt, wie berichtet, mit einer persönlichen Erklärung der Vorsitzenden Richterin Anke Grudda. »Es ist abscheulich und erschreckend, was auf dem Campingplatz passiert sein soll«, sagt sie. Die Zahl der Taten, die Art und Weise des Missbrauchs, die Vielzahl der Opfer – das mache fassungslos. »Trotzdem gilt auch in diesem Verfahren die Unschuldsvermutung«, sagt sie und verspricht den Angeklagten einen fairen Prozess: »Wir gehen unparteiisch und unvoreingenommen an die Sache heran.« Die Angeklagten hören das ohne sichtbare Regung. Keiner von ihnen wird an diesem Tag auch nur einmal in Richtung der Zuschauerbänke blicken, wo auch Eltern von Opfern sitzen.

Überraschendes Geständnis

Während diese Eltern bleiben dürfen, müssen die übrigen Zuschauer und die Reporter den Saal verlassen, als die Staatsanwältinnen Jaqueline Kleine-Flaßbeck und Helene Werpup die Anklagen vorlesen. Sie brauchen dafür eine Stunde, denn es geht um fast 500 Taten, darunter sehr viele Vergewaltigungen von Kindern. 34 Namen von Opfern lesen die Staatsanwältinnen vor, und die Anonymität dieser Kinder soll gewahrt bleiben.

Ohnehin verbringen Zuschauer und Journalisten an diesem ersten Verhandlungstag mehr Zeit auf dem Gerichtsflur als im Saal. Immer wenn die Gefahr besteht, dass bei Befragungen Namen von Opfern fallen könnten, schickt Richterin Anke Grudda das Publikum auf Antrag der 18 Nebenklageanwälte oder der Staatsanwaltschaft nach draußen.

Dann verkündet Rechtsanwalt Johannes Salmen überraschend, dass Andreas V. die Vorwürfe mit ein paar wenigen Ausnahmen zugebe. Dem Gericht zugewandt erklärt er: »Er gesteht die Taten. Er wird aber keine Fragen des Gerichts beantworten. Er wird sich auch nicht zu seiner Person äußern. Und er wird nicht an einer Begutachtung mitwirken. Mehr gibt es nicht zu sagen.«

Auch der dritte Angeklagte gesteht

Deutlich emotionaler ist wenig später die Erklärung, die Anwalt Jürgen Bogner für den zweiten Hauptangeklagten Mario S. (34) vorliest: »Ich schäme mich und bereue die Taten. Ich habe schon in der Untersuchungshaft versucht, einen Therapieplatz zu bekommen, aber das hat nicht geklappt. Ich werde es aber weiter versuchen. Meine Entschuldigung ist aufrichtig und ehrlich gemeint, und ich sehe meiner Verurteilung entgegen.« Anschließend ergreift der Angeklagte das Wort und sagt unter Tränen: »Ich wünschte, ich könnte alles ungeschehen machen, aber ich weiß, dass das nicht geht.«

In einer Verhandlungspause erklärt Verteidiger Jürgen Bogner: »Mein Mandant hat in der Untersuchungshaft die Aussagen der Kinder gelesen. Daraufhin hat ein Umdenken stattgefunden. Er hat realisiert, was er ihnen angetan hat und weiß, dass das unumkehrbar ist. Er will aber alles tun, um den Fall aufzuklären und den Kindern Aussagen zu ersparen.«

Das Geständnis des dritten Angeklagten darf die Öffentlichkeit nicht mithören. Da es um das Sexualleben von Heiko V. gehe, sagt die Vorsitzende Richterin, überwiege sein Schutzinteresse vor dem Interesse der Öffentlichkeit, alle Dinge zu erfahren. Und so gibt der 49-Jährige hinter geschlossenen Türen zu, mehrmals über eine Webcam von Stade aus beim Kindesmissbrauch in Lügde zugesehen und sich einmal vor den Augen eines Kindes befriedigt zu haben. Auch den Besitz zigtausender Kinderpornos gesteht der Mann.

Gericht möchte sich Eindruck von den Opfern verschaffen

Zu dem jahrzehntelangen Kindesmissbrauch auf dem Campingplatz kann der Angeklagte nichts sagen, er ist auch nie dort gewesen. Deshalb überlegt das Gericht, der Anregung von Verteidiger Jann Popkes nachzukommen und das Verfahren gegen V. abzutrennen. Popkes: »Ich gehe davon aus, dass mein Mandant in Kürze verurteilt wird und dann nur noch die beiden Hauptangeklagten vor Gericht stehen werden.«.

Anwalt Thorsten Fust aus Lichtenau, der ein Opfer vertritt, sagt später, mit ihren Geständnissen hätten die Angeklagten den Kindern viel erspart. »Sie müssen jetzt keine detaillierten Aussagen mehr machen.« Anhören wird das Gericht die Kinder trotzdem, die ersten sind für heute geladen. Das Gericht möchte sich einen Eindruck von den Opfern verschaffen, und angeblich, so ist zu hören, dürfen die Kinder dann selbst entscheiden, ob und wieviel sie über die Taten sprechen. Sie kennen die Vorsitzende Richterin bereits, denn Anke Grudda hat den Kindern in der vergangenen Woche den Gerichtssaal gezeigt, und die Kleinen durften sich auch mal auf ihren Richterstuhl setzen. Zum Schluss des ersten Verhandlungstages regt Grudda an, dass die nicht betroffenen Nebenklageanwälte bei der Kinderbefragung den Saal verlassen. »18 Erwachsene in schwarzer Kleidung – das kann ein Kind schon erschrecken.«

In Video-Interviews erklären die drei Verteidiger, warum ihre Mandanten gestanden haben:

Jann Popkes, Anwalt von Heiko V.

Johannes Salmen, Anwalt von Andreas V.

Jürgen Bogner, Anwalt von Mario S.

Ein Kommentar von Christian Althoff

Lügde-Prozess wird wohl schneller enden als gedacht. Drei Geständnisse machen die Beweisaufnahme viel einfacher und ersparen lange Befragungen missbrauchter Kinder. Klar: Die Angeklagten erhoffen sich dafür einen Rabatt, und der steht ihnen laut Gesetz auch zu. Aber viel wird das nicht werden, und im Fall von An­dreas V. dürfte es unerheblich sein, ob er 13 oder 14 Jahre bekommt. Denn ihm droht anschließend die Sicherungsverwahrung, und die bedeutet wahrscheinlich einen Lebensabend hinter Gittern. Diesem Schicksal versucht Mario S. zu entgehen, indem er sich so gibt, wie er es gestern tat. In jedem Fall ist den Opferfamilien mit den Geständnissen eine große Last genommen. Endlich mal eine gute Nachricht im Fall Lügde!

Die gesamte Berichterstattung des WESTFALEN-BLATTES: www.westfalen-blatt.de/OWL/Missbrauchsfall-Luegde.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6728508?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198397%2F2949437%2F