Missbrauchsfall Lügde: Kinder erzählten zu Hause von den Taten, aber nichts geschah
Einige Eltern wussten doch Bescheid

Lügde (WB). Der Kindesmissbrauch auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde (Kreis Lippe) ist doch nicht allen Eltern verborgen geblieben – aber sie haben offenbar nichts unternommen.

Montag, 01.07.2019, 02:59 Uhr aktualisiert: 01.07.2019, 06:34 Uhr
Auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde wurden Kinder hundertfach vergewaltigt. Das haben die Angeklagten im Prozess zugegeben. Foto: Christian Althoff
Auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde wurden Kinder hundertfach vergewaltigt. Das haben die Angeklagten im Prozess zugegeben. Foto: Christian Althoff

Das sollen Zeugenbefragungen der EK »Eichwald« ergeben haben, von denen das WESTFALEN-BLATT jetzt erfuhr. Demnach sollen der Polizei allein aus jüngerer Zeit drei Fälle bekannt geworden sein, in denen Eltern An­dreas V. hätten anzeigen können. Der 56-Jährige hatte am Donnerstag vor dem Landgericht Detmold annähernd 300 Kindesmissbräuche und Vergewaltigungen gestanden.

Fall 1

Im Lemgoer Schwimmbad »Eau Le« soll An­dreas V. mehrfach mit einem Finger in ein Mädchen eingedrungen sein, wenn er es beim Spielen im Wasser hochhob. Die Mutter des Mädchens soll aber erst im Zuge der Lügde-Ermittlungen 2019 bei der Polizei ausgesagt haben. Sie gab an, sie und ihr Mann seien häufiger mit dem Kind im Schwimmbad gewesen und hätten dort einen »Andi« kennengelernt, der immer mit anderen Kinder gespielt habe. Irgendwann habe ihre Tochter nicht mehr ins »Eau Le« gewollt. Sie habe nach dem Grund gefragt, und das Mädchen habe gesagt, der »Andi« habe ihr beim Hochheben immer den Finger in die Scheide gesteckt. Das Mädchen habe gesagt, er solle das lassen, aber er habe einfach weitergemacht. Die Eltern gaben außerdem gegenüber der Kripo an, Andreas V. habe dem Mädchen Nachrichten aufs Handy geschickt und es als »meine Süße« bezeichnet.

Fall 2

Ein anderes Mädchen war zehn, als es vor Jahren zum ersten Mal in der Behausung von An­dreas V. übernachtete. Nach Ermittlungen der Polizei soll der Mann nachts die Arme des sich wehrenden Kindes festgehalten und es im Intimbereich angefasst haben. Erst 2019 soll die Mutter bei ihrer Befragung durch die EK »Eichwald« ausgesagt haben, ihre Tochter habe damals plötzlich nicht mehr zu An­dreas V. gewollt. Ihre Tochter habe ihr damals erzählt, dass Andreas V. sie zwischen den Beinen angefasst habe.

Fall 3

Nach Ermittlungen der Polizei soll ein Mädchen im Alter von sieben Jahren regelmäßig von An­dreas V. missbraucht worden sein, einige Taten sollen Vergewaltigungen gewesen sein. Inzwischen geht die Staatsanwaltschaft von mehr als zwei Dutzend Taten aus. Die Polizei befragte die Mutter Anfang dieses Jahres. Da sagte sie, sie habe Andreas V. vor Jahren über eine Ebay-Kleinanzeige kennengelernt. Er sei immer sehr großzügig und hilfsbereit gewesen. Ihre kleine Tochter habe seinerzeit in den Osterferien, den Sommerferien und den Herbstferien bei Andreas V. und seiner Pflegetochter übernachtet, in den Sommerferien sogar mehrere Wochen. Die Mutter soll ausgesagt haben, schon nach den Osterferien habe ihre Tochter Albträume gehabt, und die Kleine habe ein auffallend sexualisiertes Verhalten an den Tag gelegt. Die Frau soll weiter angegeben haben, ihre Tochter habe nach den Übernachtungen auf dem Campingplatz immer über Schmerzen und Rötungen im Intimbereich geklagt, die sie dann mit Salbe behandelt habe. Ihr sei außerdem aufgefallen, dass ihre Tochter nach den Aufenthalten bei Andreas V. ihre Wäsche frisch gewaschen mit nach Hause gebracht habe.

Die Fälle zeigen, dass die Fassade, die sich Andreas V. aufgebaut hatte, nicht so perfekt war wie bisher von der Öffentlichkeit angenommen. Scheinbar haben sich mehr Kinder als bisher bekannt nicht einschüchtern lassen, sondern sich ihren Eltern offenbart oder zumindest Signale gegeben.

Müssen Eltern, die Hinweise kannten, jetzt mit Konsequenzen rechnen? Eine gesetzliche Pflicht, Straftaten anzuzeigen, die schon geschehen sind, gibt es nicht. Es ist jedoch strafbar, ein Kind trotz Kenntnis des Missbrauchs weiter zum Täter zu lassen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Detmold gibt es derzeit aber keine Ermittlungsverfahren gegen Eltern von Lügde-Opfern.

Ein Kriminalbeamter: »Wahrscheinlich will das niemand hören. Aber manche Eltern waren sicherlich auch froh, ihre Kinder ab und zu für ein paar Tage bei An­dreas V. unterbringen zu können.«

Die bisherige Berichterstattung: www.westfalen-blatt.de/OWL/Missbrauchsfall-Luegde

Kommentare

A.G.  schrieb: 02.07.2019 14:27
Ich finde es unbegreiflich, wie Eltern nichts unternehmen können. Hat der Schutz des Kindes keinen Vorrang? Als meine Tochter (damals 9) auf dem Nachhauseweg von einem fremden, jungen Mann aus einem Auto heraus angesprochen wurde, ob sie mitfahren wolle, habe ich das sofort der Polizei mitgeteilt. Gott sie dank hat sie richtig reagiert und hat laut "nein!" gesagt. Sie hat den Mann und den Wagen auch ziemlich detailiert beschreiben können. Sowas MUSS man ernst nehmen! Ich verstehe solche Eltern nicht. Werde ich wohl auch nie.
Hanna  schrieb: 02.07.2019 09:57
Als Betroffene kenne ich das. Ich habe es damals meinen Eltern erzählt und die wollten es nicht glauben. Heute denke ich mir, dass sie Angst hatten. Als sie mir nach Jahren wirklich ein bisschen angefangen haben zu glauben, dass da was gewesen sein könnte, war es verjährt. Bis heute konnte ich nie mehr jemand an mich lassen. Therapie gabs nie und mein Leben war kaputt. Trotzdem hab ich meine Eltern sehr lieb. Aber wenn sie mir geholfen hätten, hätte ich vielleicht auch mal Familie haben können. Aber die extremen Schmerzen kann ich bis heute nicht vergessen und wie gesagt, ich ertrage gar keine Berührungen von niemand. Das hat mich sehr einsam gemacht. Ich hatte auch schöne Urlaube, mein Leben ist nicht nur schlecht, aber es hat mit mir was gemacht. Ich bin seit 30 Jahren alleine und wenn ich Angst habe, zittere ich am ganzen Körper. Mir gibt deshalb niemals jemand die Chance irgendwo einen Job zu bekommen. Und wenn ich so lese, dass man doch die armen Kinder schützen muss und wenn es einem passiert, steht man ganz alleine und verlassen da und bekommt nicht mal Arbeit, weil einem die Leute ganz schief ansehen, wenn man körperliche Ausfallerscheinungen hat, Ich höre nur bei jedem Vorstellungsgespräch: Ach Gott zittern Sie, Sie möchten wir aber nicht bei uns haben. Man wird im Leben dafür auch noch hart bestraft, weil niemand auf der Welt einem eine Chance gibt. Wenn man arbeiten will, muss man perfekt sein. Für mich gehört auch sowas zum Schutz. Jemand mal eine Chance geben, dass man wenigstens nicht aus der Gesellschaft ausgeschlossen wird, weil der Missbrauch Spuren hinterlässt. Und die kamen erst so mit 30. Ich werde aus Hartz 4 nie mehr rauskommen, weil ich gegen das Zittern nichts tun kann. Das macht mir mehr zu schaffen, als meine zerstörte Kindheit. Ich büße heute noch dafür . Sorry, aber das musste mal raus aus mir.
Bianca Mischke  schrieb: 01.07.2019 23:40
Da schliesse ich mich Anne Rotthoff an!!!
Ich bin sprachlos, mir fehlen die Worte vor Entsetzen, das es Eltern gibt, die da nichts unternommen haben.
Anne Rotthoff  schrieb: 01.07.2019 15:03
Eltern die da Bescheid wussten und es billigend in Kauf genommen haben, gehören natürlich wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt und verurteilt. Kein vernünftiger Mensch hätte sein Kind zu ihm gelassen sondern ihn sofort angezeigt.
4 Kommentare
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