Do., 10.10.2019

Anzeige eines Familienvaters ist verschwunden Fall Lügde: Computer-Problem soll zu Pannen beigetragen haben

Lügde: Hier wurden Kinder missbraucht.

Lügde: Hier wurden Kinder missbraucht. Foto: Althoff

Von Christian Althoff

Lügde (WB). Probleme mit dem polizeiinternen Computerprogramm IGVP sollen 2016 zu den Ermittlungspannen im Missbrauchsfall Lügde beigetragen haben.

Damals bekam die Polizei in Blomberg (Kreis Lippe) über den Kinderschutzbund einen Hinweis auf den inzwischen verurteilten Andreas V. Der Hinweisgeber war Jens Ruzsitska (56) , ein Familienvater aus Bad Pyrmont. Er war im August 2016 mit seinen sechs und acht Jahre alten Töchtern auf einem Grillfest, auf dem sich auch Andreas V. herumtrieb. Ruzsitska beobachtete nach eigenen Angaben, wie Andreas V. Mädchen hochhob und ihnen in den Schritt fasste. Dazu soll er eine obszöne Bemerkung gemacht haben. »Für mich war sofort klar, dass der Mann pädophil ist«, sagt Ruzsitska, der seine Beobachtungen damals gleich weitergab.

Computerprogramm soll nicht funktioniert haben

Als die Polizei Blomberg die Anzeige erhielt, soll das Computerprogramm IGVP mal wieder nicht funktioniert haben – ein komplexes Programm, in dem Vorgänge angelegt, bearbeitet und verwaltet werden.

Wegen des IGVP-Ausfalls will der Polizist nach WESTFALEN-BLATT-Informationen die Anzeige offline im Computer notiert, ausgedruckt und in den Ausgangskorb gelegt haben. Üblicherweise werden Vorgänge aus dem Ausgangskorb an die Führungsstelle weitergegeben, die sie an die zuständige Stelle in der Behörde leitet. In diesem Fall wäre das die Kripo gewesen. Ob das geschehen ist, ist bis heute unbekannt.

Dass das Computerprogramm ausfällt (es wird im Moment landesweit durch ein neues namens VIVA ersetzt), ist keine Seltenheit. Eine Dienstvorschrift in Lippe sieht vor, dass Anzeigen, die wegen IGVP-Ausfalls nur offline erfasst und ausgedruckt werden können, später in IGVP importiert werden müssen. Wer das zu tun hat, regelt die Vorschrift nicht.  Sie erwartet aber von demjenigen, der den Vorgang angelegt hat, dass er den Import sicherstellt.

Ausdruck verschwunden

Wer auch immer 2016 zuständig gewesen sein mag: Der Import des Hinweises von Jens Ruzsitska ins Computersystem IGVP unterblieb, und der Ausdruck soll auf ungeklärte Weise verschwunden sein.  Deshalb tauchte bei späteren Abfragen der Name Andreas V. nicht im Polizeicomputer auf.

Dass es den Hinweis von Jens Ruzsistka überhaupt gegeben hatte, wurde im Zuge der Lügde-Ermittlungen bekannt, als man bei der Durchsuchung des Jugendamts Lippe einen entsprechenden Hinweis fand. Gegen den inzwischen pensionierten Polizisten der Wache Blomberg, der die Anzeige damals ausgedruckt haben will, ermittelt die Staatsanwaltschaft Detmold wegen des Verdachts der Strafvereitelung. Rechtsanwalt Dr. Detlev Binder, der den Pensionär vertritt: »Strafvereitelung setzt einen Vorsatz voraus. Ich denke nicht, dass man dem Beamten diesen Vorwurf ernsthaft machen kann. Ich habe deshalb die Einstellung des Verfahrens beantragt.«

Hinweise nicht nachgegangen

Auch gegen eine Kriminalbeamtin aus Detmold wird ermittelt. Sie soll einem anderen Hinweis auf Andreas V. nicht konsequent nachgegangen und die Staatsanwaltschaft nicht informiert haben. Weitere Verfahren laufen nach Angaben von Oberstaatsanwalt Ralf Vetter gegen acht Mitarbeiter der Jugendämter Lippe und Hameln-Pyrmont sowie gegen vier Mitarbeiter sozialer Organisationen, die sich im Auftrag des Jugendamtes Hameln-Pyrmont um Andreas V. und seine Pflegetochter kümmern sollten. Alle zwölf stehen im Verdacht, die Fürsorgepflicht verletzt zu haben.

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