Polizei in NRW bündelt Kompetenzen zum Schutz von Kindern
Die Lehren aus Lügde

Düsseldorf/Lügde (WB). Die Lektion ist gelernt: Es war vielleicht die schmerzlichste Erkenntnis, dass die Polizei in NRW beim Umgang mit Verdachtsfällen auf sexuellen Kindesmissbrauch in den vergangenen Jahren vielfach überfordert war. Der Fall des massenhaften sexuellen Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde hat das offenbart. Damit sich das nicht wiederholt setzte Innenminister Herbert Reul (CDU) eine Stabstelle ein, die alle Prozesse in den 47 Kreispolizeibehörden auf den Prüfstand gestellt – und umgekrempelt hat.

Freitag, 24.04.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 24.04.2020, 16:30 Uhr
NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU). Foto: dpa
NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU). Foto: dpa

Entscheidender Punkt: Über eine neue Plattform sind alle Polizeibehörden miteinander und mit dem personell massiv verstärkten Landeskriminalamt verbunden, um schnellstmöglich Hinweise und Beweismaterial auswerten und auf Basis einer zentralen Datenbank konzentriert ermitteln zu können. Im Fall des in Bergisch Gladbach aufgedeckten Netzes von Kindesmissbrauch habe sich das erstmals bewährt, zog Ingo Wünsch, Leiter der vor einem Jahr eingesetzten Stabsstelle, am Donnerstag Bilanz. Konzentrierte Ermittlungen gegen Kinderpornografie „sind das Auge in das Dunkelfeld des Missbrauchs“.

Dass bisher jede Kreispolizeibehörde Anzeigen für sich bearbeitet, ist damit passé. Reul sagte: „Wir vernetzen diese Dutzenden Einzelbüros zu einem landesweiten Großraumbüro.“ Künftig sollen die Ermittlungen zu sexuellem Kindesmissbrauch von den 16 Kriminalhauptstellen – meist Polizeipräsidien – übernommen werden. Auch das eine Reaktion auf die Überforderung, wie sie im Fall Lügde zu spät erkannt wurde. Dieser Schritt sei noch nicht umgesetzt, erklärte der Minister. „Das wird auch noch zu höherem Personalbedarf führen.“

Kapazitäten von 104 auf 267 Stellen ausgeweitet

Dabei haben die Kreispolizeibehörden im vergangenen Jahr die Kapazitäten von 104 auf nun 267 Stellen ausgeweitet. Trotzdem lag die Zahl unerledigter Durchsuchungsbeschlüsse Ende März weiter bei 540 Fällen und damit fast so hoch wie vor einem Jahr. Das sei aber Folge des in Bergisch Gladbach aufgeflogenen Massenfalls, für den viele Ermittler abgezogen wurden, betonte Wünsch.

Binnen eines Jahres hat sich die Zahl der Fälle von sexuellem Missbrauch und Kinderpornografie auf rund 3700 fast verdoppelt. In diese Zahl fließen viele Einzeldelikte ein, wie Wünsch am Beispiel einer Chat-Gruppe illustrierte: So habe ein Jugendlicher den 135 anderen Mitgliedern einer Whatsapp-Gruppe ein kinderpornografisches Bild geschickt – gegen 135 Empfänger werde wegen des Besitzes von Kinderpornografie ermittelt.

Wegen stark gestiegener Fallzahlen sei diese Altersgruppe Ziel einer Aufklärungskampagne im Herbst, kündigte Reul an. Ihnen solle klar werden, dass sie Kinder zu Opfern und sich selbst strafbar machen, wenn sie Bilder teilen.

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