Lehmann: Hinweise auf Missbrauch „nachträgliche Interpretation“
Lügde: Lippes Landrat nimmt sein Jugendamt in Schutz

Düsseldorf/Lügde (dpa/WB/as). Der Landrat des Kreises Lippe, Axel Lehmann (SPD), hat im Missbrauchskomplex Lügde das Kreisjugendamt in Schutz genommen. Von elf Ermittlungsverfahren ge­gen Behördenmitarbeiter habe sich nur eines gegen eine Mitarbeiterin des Jugendamtes des Kreises Lippe gerichtet.

Dienstag, 23.06.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 23.06.2020, 05:01 Uhr
Lippes Landrat Dr. Axel Lehmann (SPD) hat gestern im Untersuchungsausschuss zu den Missbrauchsfällen in Lügde ausgesagt. Foto: dpa
Lippes Landrat Dr. Axel Lehmann (SPD) hat gestern im Untersuchungsausschuss zu den Missbrauchsfällen in Lügde ausgesagt. Foto: dpa

Dieses sei eingestellt worden, weil sich keine Hinweise auf Pflichtverletzungen ergeben hätten, sagte Lehmann dem Untersuchungsausschuss des Landtags in Düsseldorf am Montag. Es gebe nicht einmal Anlass für arbeitsrechtliche Konsequenzen.

Die Akten seien sauber geführt und der Fall gut dokumentiert gewesen. Die Mitarbeiterin habe mehr veranlasst, als gesetzlich vorgegeben gewesen sei. Zwar sei der Kreis Lippe zuständig gewesen für Hinweise auf Kindeswohlgefährdung, aber das fallführende niedersächsische Jugendamt Hameln-Pyrmont habe auf Anfrage mitgeteilt, den Hinweisen sei bereits nachgegangen worden. Es habe sich nichts gefunden.

Die Entscheidung, den inzwischen verurteilten Andreas V. als Betreuer eines Pflegekindes einzusetzen, obwohl dieser auf ei­nem Campingplatz lebte, sei in Niedersachsen getroffen worden, dort sei der Fall des Pflegekindes verantwortlich betreut worden.

Dennoch sei man Hinweisen etwa auf eine schlechte Wohnsituation des Pflegekindes mit mehreren Hausbesuchen nachgegangen und habe eine Besserung durchgesetzt. Hinweise auf Missbrauch seien auch dabei keine entdeckt worden. Die Hinweise, die heute nachträglich als Hinweise auf sexuellen Kindesmissbrauch interpretiert würden, seien damals – ohne Missbrauchsverdacht – nicht so eindeutig gewesen. „‚Für Süßigkeiten tut er alles‘ hätten meine Eltern vielleicht auch über mich gesagt“, sagte Lehmann.

Die ungeheuerliche Bedeutung, die solchen Sätzen mit dem Wissen von heute zugemessen werde, habe man ihnen damals noch nicht zumessen können. Lehmann räumte aber „eklatante Fehlleistungen“ einzelner Polizisten ein und nannte das Verschwinden von Asservaten. Die Kreispolizeibehörde Lippe habe allerdings zuvor 13 Prozent ihrer Stellen eingebüßt. „Lippe hat die geringste Polizeidichte in NRW“, sagte Lehmann. Er habe mehrmals bei den Innenministern Ralf Jäger (SPD) und Herbert Reul (CDU) mehr Personal angemahnt.

Als er Landrat geworden sei, seien zudem mehrere Führungsstellen der Polizei unbesetzt gewesen. Trotz der schlechten Personalausstattung habe man die höchste Aufklärungsquote in NRW vorweisen können.

Der Untersuchungsausschuss durchleuchtet seit September 2019, inwieweit Fehleinschätzungen oder Versäumnisse von Regierungsstellen oder Behörden den Missbrauch auf einem Campingplatz im lippischen Lügde begünstigt haben. Dort hatte es über viele Jahre hundertfach sexuelle Gewalt gegen zahlreiche Kinder gegeben. Das Landgericht Detmold hatte im Herbst 2019 langjährige Freiheitsstrafen und Sicherungsverwahrung gegen die Haupttäter verhängt.

Im Anschluss an die Befragung teilte Lehmann dem WESTFALEN-BLATT in einer Stellungnahme mit, dass „die Verbrechen von Lügde in ihrer Dimension und in ihrem großen Leid so vieler Kinder kaum fassbar sind. Es macht mich einfach nur sehr, sehr traurig und wütend zu wissen, dass viele Mädchen und Jungen angesichts der an ihnen verübten Verbrechen und durch Fehler in den Behörden mit einer schweren Hypothek in ihr Erwachsenenleben starten.“

Diese Fehler, so Lehmann, zu untersuchen und aufzuarbeiten, dafür sei der Untersuchungsausschuss da und werde ein Fazit ziehen. „Ich bin überzeugt, wir müssen die Prozesse und Strukturen im Kinderschutz stets weiterentwickeln. In Lippe haben wir schon einige Initiativen gestartet, beispielsweise die Fachstelle Kinderschutz oder auch den Präventionsfond. Kinder und Jugendliche brauchen eine Lobby, so ist auch der Gesetzgeber gefordert. Denn klarere Regeln bedeuten mehr Schutz für Kinder“, erklärte Lippes Landrat weiter.

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