Leitender Kriminalkommissar sagt vor Untersuchungsausschuss aus
Fall Lügde: Der Polizei fehlte es offenbar an fähigem Personal

Düsseldorf/Lügde (WB). Die Kriminalpolizei in Lippe hat nach Bekanntwerden des massenhaften Kindesmissbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde offenbar wertvolle Zeit verloren, weil nicht nur Personal für die Ermittlungen fehlte, sondern auch weil die Kompetenzen der beteiligten Beamten anfangs überschätzt wurden . Auf dem Campingplatz in Lügde waren jahrelang Kinder sexuell missbraucht worden.

Mittwoch, 16.09.2020, 03:00 Uhr
Der Tatort: Auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde wurden mehrere Kinder jahrelang sexuell missbraucht. Die Polizei hatte die Parzelle damals abgesperrt und den Wohnwagen versiegelt. Der Fall macht deutlich, wie die Behörden bei der Aufklärung versagten. Foto: dpa
Der Tatort: Auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde wurden mehrere Kinder jahrelang sexuell missbraucht. Die Polizei hatte die Parzelle damals abgesperrt und den Wohnwagen versiegelt. Der Fall macht deutlich, wie die Behörden bei der Aufklärung versagten. Foto: dpa

Zweimal musste die Leitung der Ermittlungskommission ausgewechselt werden, weil die mit dieser Aufgabe betrauten Sachbearbeiter sich als nicht geeignet erwiesen haben, wie der Leiter des ersten Kriminalkommissariats in der Kreispolizei Lippe am Dienstag als Zeuge im Untersuchungsausschuss des Landtags sagte.

Die zuerst mit dem Fall und später der Kommissionsleitung betraute Beamtin habe ihm erst nach einiger Zeit offenbart, dass sie bereits 2016 mit Missbrauchsvorwürfen gegen den Haupttäter Andreas V. befasst gewesen sei, aber den Fall nicht an die Staatsanwaltschaft gegeben habe. „Es war nicht zu tolerieren, dass ich das nicht wusste“, sagte der Kommissariatschef. Er habe sie aber nicht abziehen können, weil ihm alternatives Personal fehlte. „Die Rekrutierung war schwierig: Ich hätte gerne Ermittler gehabt und keine Streifenbeamten.“

Lücken in der Aktenführung

Den anschließend als Kommissionsleiter eingesetzten Beamten , der in Missbrauchsfällen erfahren war, habe er schnell wieder austauschen müssen, weil es Lücken in der Aktenführung gab. Von seiner Erfahrung her hätte er die Aufgabe erfüllen können, meinte der Vorgesetzte. „Er hat Schwächen gehabt in der Aktenführung, die aber das Wichtigste in einem Verfahren ist“, schilderte der Zeuge. Mindestens eine Chronologie müsse gegeben sein, die habe aber gefehlt. „Ich habe gemerkt, dass Grundregeln der Ermittlungsführung nicht gegeben waren.“ Er selbst habe immer wieder Anregungen und Erinnerungen in die Kommission eingebracht, sagte er. Doch scheint das die Probleme nicht behoben zu haben.

Bei der Suche nach einem neuen Leiter für die Ermittlungskommission habe er dann einen in Aktenführung erfahrenen Ermittler gesucht, der auch in elektronischer Fall-Führung geschult war. In der Kreispolizei Lippe seien das aber nur die Beamten in der für Betäubungsmittel zuständigen Abteilung gewesen. Von dort kam der letzte Leiter der Ermittlungskommission, die erst später vom Polizeipräsidium Bielefeld übernommen wurde. Er habe den notwendigen systematischen Blick und die Ruhe gehabt, den Fall zu ordnen. Den zweimaligen Wechsel der Führung habe er seinen Vorgesetzten erklären müssen, die hätten es gebilligt.

Ein großes Dunkelfeld

Ihm sei, als der Fall an seine Abteilung übergeben wurde, schnell klar gewesen, dass mit diesem schweren Missbrauchsfall ein großes Dunkelfeld verbunden sei, sagte der Zeuge. Trotzdem habe am Anfang die Vorgabe „Schnelligkeit vor Genauigkeit“ gegolten: „Ziel muss eine schnelle Inhaftierung sein.“

Zuvor begab sich der Ausschuss erneut auf die Suche nach den in der Kreispolizei Lippe verschwundenen Datenträgern: Ein Koffer und eine Mappe mit insgesamt 155 CDs und DVDs waren im Zuge der Ermittlungen plötzlich nicht mehr auffindbar. „Letztendlich haben wir das ganze Gebäude auf den Kopf gestellt“, schilderte ein für die Auswertung von Datenträgern verantwortlicher Kriminalhauptkommissar als Zeuge. Die verschollenen Datenträger hatte ein Anwärter auswerten sollen. Ihm habe er nur einige CDs übergeben, sagte der IT-Experte.

Allerdings habe er nicht aktiv verfolgt, welche Ergebnisse der Kollege erzielt hatte. Warum der Polizeianwärter nur Daten von drei CDs als mögliche Beweismittel ausgewählt hatte, konnte aber auch dieser Zeuge nicht aufklären. Er betonte, alle Ermittler seien wegen der Größe des Falls überlastet gewesen, für ihn sei die Arbeit des Anwärters darum eine willkommene Entlastung gewesen.

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