Junger Beamter lässt im Lügde-Ausschuss viele Fragen unbeantwortet
Polizist mit Gedächtnislücken?

Düsseldorf (WB). Die erste große Aufgabe, nur kurz nach Praktikumsbeginn: „Ein bisschen seltsam“ habe er es empfunden, dass er vier Tage nach seinem Start als Kommissaranwärter bei der Kreispolizei Lippe schon mit der „groben Sichtung“ von Datenträgern auf kinderpornografisches Material im Fall des massenhaften sexuellem Kindesmissbrauchs Lügde betraut wurde. So schilderte es der inzwischen in den Bielefelder Polizeidienst übernommene 21-Jährige am Freitag als Zeuge im Landtags-Untersuchungsausschuss Lügde . Er war mit der ersten Sichtung von rund 150 CDs und DVDs betraut, die später unter ungeklärten Umständen abhandengekommen waren.

Samstag, 26.09.2020, 02:00 Uhr
Vieles ist rund um den massenhaften Kindesmissbrauch auf dem Campingplatz in Lügde immer noch unklar. Auch bei den verschwundenen Datenträgern gibt es kaum Aufklärung. Foto: dpa
Vieles ist rund um den massenhaften Kindesmissbrauch auf dem Campingplatz in Lügde immer noch unklar. Auch bei den verschwundenen Datenträgern gibt es kaum Aufklärung. Foto: dpa

Auf drei CDs habe er Daten gefunden, die mögliche Hinweise auf Personen enthalten hätten. „Man hat mir zugetraut zu erkennen, was kinderpornografisches Material ist oder nicht“, sagte der 21-Jährige. „Und dann hat man mich machen lassen.“ Den CD-Koffer und die Mappe, die später verschwunden waren, habe er schon bei Dienstbeginn „unter dem Tisch“ gesehen.

„Ich habe das jemandem gesagt“

Wie lange er daran gesessen habe, könne er nicht mehr sagen. Auch erinnere er sich nicht, was er mit den Asservaten nach der Sichtung gemacht habe. Zuletzt habe er sie am Auswertungsplatz gesehen. Alle Suchansätze hätten keinen Erfolg gebracht. Dass er die verschwundenen Asservate bearbeitet hatte, habe sich später in der Polizei und auch in seinem Ausbildungskurs herumgesprochen. „Das war der Horror.“

Es waren nicht die einzigen Erinnerungslücken: Weder könne er mit Sicherheit sagen, welcher seiner Vorgesetzten ihm den Auftrag gegeben habe, noch wem von ihnen er über die Ergebnisse berichtet habe, ließ der Zeuge die zen­tralen Fragen ungeklärt. „Ich habe das jemandem gesagt.“ Auch alle geduldigen Nachfragen des Ausschussvorsitzenden Martin Börschel und der Hinweis auf seine Wahrheitspflicht brachten kein Licht ins Dunkel. Dass der Beamte seine erste große Aufgabe erhalte, viele Details erinnere, aber die Namen verantwortlicher Kollegen nicht: „Das kommt mir komisch vor“, sagte er.

Die Fehler seien ihm heute klar, sagt der damalige Kripochef in Lippe

Vom Verlust der Asservate erfuhr der damalige Kripochef in Lippe erst später aus Bielefeld: „Da ist mir die Farbe aus dem Gesicht gewichen“, sagte der pensionierte Kriminaloberrat als weiterer Zeuge. Warum er über diesen schwerwiegenden Vorfall nicht aus der eigenen Behörde erfahren habe, wisse er nicht. Der Kripochef war im Februar 2019 wegen der Ermittlungsfehler und Pannen suspendiert worden. Die Fehler seien ihm heute klar, sagte der 63-Jährige. Trotz kritischer Nachfragen des Landeskriminalamtes und trotz großer Personalnot habe die Polizei in Lippe weiter ermitteln wollen: „Wir hatten einen gewissen Stolz zu sagen, wir schaffen das schon. Da war die Überforderung noch nicht erkennbar.“ Er räumte ein, dass er dafür nicht „das nötige Fingerspitzengefühl“ gehabt habe, weil er die Kripo-Leitung ohne breite Erfahrung übernommen habe.

Warum der Leiter des Kommissariats bereits Ende Oktober 2018 von einer hohen Priorität in dem Fall sprach, die Ermittlungskommission aber erst Mitte Dezember eingesetzt wurde, erklärte er damit, dass die Dimension anfangs nicht erkennbar gewesen sei.

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