27-Jähriger aus Oerlinghausen soll Säugling über Monate misshandelt haben
Warum starb sein Baby?

Oerlinghausen (WB). In der Nacht zum 14. März starb in der Kinderklinik Bielefeld-Bethel ein drei Monate alter Säugling. Auch die Not-Operation am Tag zuvor, bei dem die Schädeldecke entfernt worden war, um das geschwollene Gehirn zu entlasten, hatte den Jungen nicht mehr retten können.

Dienstag, 08.09.2020, 03:00 Uhr
Bewacht von einem Justizbeamten steht John D. neben seinem Verteidiger Jerrit Schöll hinter der Anklagebank und wartet auf das Gericht. Schöll sagte nach dem ersten Prozesstag, man werde weiter versuchen nachzuweisen, dass das Kind einem Unfall zum Opfer gefallen ist. Foto: Althoff
Bewacht von einem Justizbeamten steht John D. neben seinem Verteidiger Jerrit Schöll hinter der Anklagebank und wartet auf das Gericht. Schöll sagte nach dem ersten Prozesstag, man werde weiter versuchen nachzuweisen, dass das Kind einem Unfall zum Opfer gefallen ist. Foto: Althoff

Landgericht Detmold, Saal 165. John D. (27) trägt Handschellen, als er hereingeführt wird. Seit fast sechs Monaten sitzt der Mann aus Oerlinghausen jetzt in U-Haft. Im Zuschauerraum bricht seine Frau in Tränen aus. Sie glaubt nicht, was in der Anklage steht. Sie kann sich nicht vorstellen, dass ihr Mann für den Tod des gemeinsamen Kindes verantwortlich ist.

Die zwölf Wochen, die der Junge gelebt hat, sollen zu weiten Teilen ein Martyrium gewesen sein. So sieht es zumindest Staatsanwalt Oliver Mergelmeyer. Von zwei gebrochenen Rippen spricht er, von einem gebrochenen Oberarm, von vielen blauen Flecken und von einem schweren Schädel-Hirn-Trauma, das zum Schluss zum Tod geführt hat.

Ein Wunschkind

John D. stammt aus Gronau, geht nach der Hauptschule für 16 Monate zur Bundeswehr und lernt dort seine spätere Frau kennen. Er jobbt als Hilfsarbeiter, während seine Freundin eine Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten macht. Im Mai 2019 heiraten die beiden, ihr Sohn kommt am 15. Dezember zur Welt.

„Es war ein Wunschkind“, sagt der Angeklagte, der unaufgeregt alle Vorwürfe bestreitet und sich mit ruhiger Stimme als treusorgenden Familienvater beschreibt. „Ich bin zu jeder Schwangerschaftsuntersuchung mitgegangen, und wir haben ein schönes Kinderzimmer eingerichtet.“ Im Krankenhaus hätten sie sich ein Familienzimmer genommen, um schon in den Tagen nach der Geburt zu dritt zusammen zu sein. „Eine Hebamme hat uns beigebracht, was wir wissen mussten. Auch später noch, zu Hause.“

Dort habe seine Frau das Baby üblicherweise morgens gefüttert und sei dann zur Ausbildungsstelle gefahren. „Bis sie Mittags zurück war, habe ich mich um den Kleinen gekümmert.“ John D. sagt, er habe zuletzt bei einer Rohrreinigungsfirma gearbeitet und sei in Elternzeit gewesen. Mit dieser Rolle sei er gut klargekommen. „Ich wusste ja: Wenn der Junge quengelt, gibt es drei Möglichkeiten: Hunger, volle Windel oder Schlafbedarf.“

Oberarm gebrochen

Ihnen seien schon nach kurzer Zeit immer wieder Blutergüsse an ihrem Baby aufgefallen, sagt der Angeklagte. „Dreimal waren wir deshalb bei einer Kinderärztin, aber die hat nichts unternommen.“ Deshalb seien sie zur Kinderklinik nach Herford gefahren. „Die haben unseren Sohn aufgenommen und schlechte Blutgerinnungswerte festgestellt. Er bekam Medikamente und durfte nach drei Tagen wieder nach Hause.“

Dann kommt der 19. Februar. Was an jenem Tag geschieht, beschreibt der Angeklagte so: „Ich hatte unser Baby auf dem Arm und bin im Wohnzimmer über den Teppich gestolpert, den unser Hund angeknabbert hatte.“ Beim Versuch, sich abzufangen, sei ihm das Baby kurz entglitten. „Ich habe instinktiv fest zugefasst und den Kleinen am Arm halten können.“ Bei diesem Griff sei, so habe es die Kinderklinik Herford Stunden später festgestellt, der linke Oberarm gebrochen.

Auch die zweite schwere Verletzung, zu der es am 12. März kommt und die den Tod des Säuglings bedeutet, ist nach Angaben des Angeklagten die Folge eines häuslichen Unfalls. „Ich hatte den Kleinen auf dem Arm, und er sah nach hinten über meine Schulter. So habe ich mich mit ihm rückwärts auf die Couch fallen lassen.“ Dabei sei sein Sohn mit dem Kopf gegen die Fensterbank geschlagen. „Er hat geschrien, und ich habe ihn in sein Bett gelegt, um einen nassen Lappen zum Kühlen zu holen.“ Da sei es im Kinderzimmer plötzlich ganz still geworden, sagt der Angeklagte. John D. bricht in Tränen aus, schweigt einen Moment und fängt sich wieder. „Der Kleine machte nichts mehr, und seine Augen waren verdreht.“

In der Kinderklinik Bethel versuchen alle, das nicht einmal zwölf Wochen alte Babys zu retten. Doch der Kampf ist wohl nicht zu gewinnen, die inneren Kopfverletzungen sind zu schwer. Die Ärzte haben den Verdacht, dass das Kind stark geschüttelt wurde, und rufen die Polizei. Am 13. März wird der Vater im Krankenhaus festgenommen.

Körperverletzung mit Todesfolge – so nennt das Gesetz das, was sich in der Wohnung der Familie in Oerlinghausen abgespielt haben soll. Ohne Wissen der Mutter.

Urteil am 30. September

Rechtsmediziner finden bei der Obduktion zwei vor längerer Zeit gebrochene Rippen, von denen bisher niemand etwas wusste. John D. sagt, bei der Geburt habe ein Arzt mit seinem ganzen Gewicht auf den Bauch seiner Frau gedrückt. Doch das hält der vom Gericht befragte Rechtsmediziner Dr. Bernd Karger als Ursache für „extrem unwahrscheinlich.“ Dagegen habe der Rotationsbruch des linken Oberarms so entstehen können, wie es der Angeklagte geschildert habe, sagt Karger. Die schwere Hirnverletzung allerdings, erklärt er, sei eindeutige Folge eines Schüttelns.

Und so sieht das auch Kargers Kollegin Dr. Stefanie Schlepper. Sie habe sehr viele Punktblutungen in den Netzhäuten gefunden, und die könnten nicht mit einem Aufprall an eine Fensterbank erklärt werden. „Das sind Zeichen für ein Schütteln des Babys, bei dem das Gehirn verletzt wird“, sagt die Ärztin. Dazu kämen Anzeichen stumpfer Gewalt. Am Auge, am Jochbein, am Kiefer, am Unterschenkel und am Bauch. An ihrer Schlussfolgerung lässt die Ärztin keinen Zweifel: „Für mich liegt hier eine massive Kindesmisshandlung vor.“

Das Urteil soll am 30. September gesprochen werden.

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