Mo., 15.04.2019

Dieter Scholz (71) und der Baum in der Dorfmitte – mit Video Wie diese Linde zum Star einer Kneipengeschichte wurde

Dieter Scholz vor der Linde neben dem Hof Hansmann. Er kennt den Baum schon fast sein ganzes Leben lang.

Dieter Scholz vor der Linde neben dem Hof Hansmann. Er kennt den Baum schon fast sein ganzes Leben lang. Foto: Jan Gruhn

Von Jan Gruhn

Schieder-Schwalenberg (WB). Die Naturschützer vom BUND im Kreis Herford suchen derzeit ostwestfälische Geschichten von Menschen und ihren Lieblingsbäumen . Eine davon gehört einer Linde, die mal einen Betrunkenen vor der Polizei gerettet hat.

Dieter Scholz (71) schiebt die Hände in seine Jackentasche, sein Blick haftet am Fuß des Stammes. »Ich kenne den Baum nur so«, sagt der Rentner. Als Kind sei er damals aus Schlesien nach Wöbbel, einem Ortsteil der Stadt Schieder-Schwalenberg im Kreis Lippe gekommen. Schon da habe die Linde so ausgesehen. So dick, dass zwei Männer nicht ausreichen würden, um sie zu umarmen. Die Wurzeln krallen sich in die Erde. Wie ein knorriger Wächter steht der Baum neben der Zufahrt zum Hof Hansmann. Wer hier rein will, der muss ihm unweigerlich zumindest mit einem grüßenden Blick Tribut zollen.

Baum ist wohl 200 Jahre alt

Knapp 200 Jahre ist die Linde nach Schätzungen des Kreises Lippe alt. Ein kleines, grün-weißes Schild weist sie als Naturdenkmal aus. Doch das eigentümlichste Merkmal des hölzernen Riesen ist sein Inneres: der Baum ist gänzlich hohl. Auf der Rückseite ist ein Loch, das heute etwa die Größe eines Fußballs hat.

Früher sei es noch größer gewesen, sagt Scholz. »Als Kinder sind wir da rein geklettert und hochgekraxelt.« Durch ein Loch in knapp drei Metern Höhe konnten der Wöbbeler und seine damaligen Spielkameraden rausschauen. »Das war natürlich ein toller Spielplatz«, sagt Scholz – und der Geburtsort einer Kneipengeschichte, die weit über den Ort hinaus bekannt ist.

Plötzlich stand die Polizei da

»Ich kam von einer Party«, sagt der Protagonist der Anekdote aus dem Jahr 1992, die fast jeder Wöbbeler kennt. Trotz eines wichtigen Fußballsspiels am Tag drauf, zog’s den damals 26-jährigen Mannschaftsbetreuer, der an dieser Stelle anonym bleibt, noch in den Hölscher Krug – unweit der Linde. Gegen 2 Uhr habe er dann den Heimweg antreten wollen, dummerweise mit dem Auto, wie der Mann heute reumütig zugibt. Prompt stand die Polizei an der nächsten Straßenecke.

»Ich habe sofort den Rückwärtsgang reingehauen!« Das Auto habe an der nächsten Ecke stehen lassen, sei zu Fuß geflüchtet und habe sich in der Linde versteckt. »Zwischen meinen Beinen habe ich den Schein der Taschenlampen der Polizisten gesehen«, erinnert sich der Mann, der immer noch in Wöbbel lebt. Mehrere Stunde habe er dort ausgeharrt. »Irgendwann habe ich durch das Loch über mir gesehen, dass es schon wieder hell wurde.«

Selbst in der Kreisverwaltung kennt man diese Geschichte mit der Linde in der Hauptrolle. Heute werde der Baum regelmäßig von den Behörden in Augenschein genommen. Eben weil er hohl sei, müsse immer wieder die Standfestigkeit überprüft werden, teilt ein Sprecher des Kreises mit. Wer von unten in die Krone schaut, der erblickt im Dreieck verspannte Seile, die den Baum vor einem Auseinanderreißen schützen sollen. Mit einem regelmäßigen Rückschnitt sorgt der Kreis dafür, dass das Gewicht der Äste nicht zu hoch wird.

Einfach dran vorbeifahren? Das geht nicht

Dieter Scholz hat sich in der Chronik des Ortes schlau gemacht, wie lange die Linde dort schon steht. Eine Antwort hat er nicht gefunden. Auch seine Nachbarin (92) habe ihm nicht weiterhelfen können. »Und sie ist auf dem Hof auf der gegenüberliegenden Straßenseite aufgewachsen«, sagt Scholz. »Sie sagt, dass der Baum schon immer so aussah wie heute. Selbst damals schon.«

Baumgeschichten

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) im Kreis Herford wirbt derzeit mit einer ungewöhnlichen Suchaktion für mehr Respekt vor Bäumen: Der Kreisverband sammelt Geschichten aus ganz Ostwestfalen-Lippe, in denen es um Menschen und ihre persönliche Beziehung zu einem Baum geht. Später soll daraus ein Buch werden.

Einfach dran vorbeifahren? Nein, dass könne er nicht, sagt Scholz. Jedes Mal müsse er kurz aufschauen. Das sei schon so gewesen, als er damals in einem Betrieb nebenan seine Ausbildung zum Elektroinstallateur machte. Die Linde ist für ihn eine Art Ortszentrum, ein Angelpunkt des Dorflebens. Auch heute würden die Kinder den Holzriesen als Spielplatz nutzen.

Als Versteck für Betrunkene kann die Linde allerdings nicht mehr dienen, dafür ist das Loch inzwischen zu klein. Doch die Legende vom Mannschaftsbetreuer, der sich vor der Polizei versteckte, wird wohl weiterleben, solange der Baum steht. Übrigens spielt auch Dieter Scholz eine kleine Rolle in der Geschichte. Er war damals der Trainer.

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