Mi., 15.01.2020

Sohn sollte bei Jugendfeuerwehr nicht neben syrischem Kind sitzen Wut über Fremdenfeindlichkeit

Symbolbild.

Symbolbild. Foto: Wolfgang Wotke

Von Klaus Karenfeld

Schlangen (WB). Bürgermeister Ulrich Knorr spricht von einem „beschämenden Fall von Fremdenfeindlichkeit”: Ihm zufolge hat ein Vater die Leitung der Schlänger Jugendfeuerwehr aufgefordert, dafür Sorge zu tragen, dass sein Sohn in den gemeinschaftlichen Stunden nicht mehr neben einem syrischen Jungen sitzt.

Ulrich Knorr, Bürgermeister von Schlangen, spricht von einem „beschämenden Fall von Fremdenfeindlichkeit”.

Knorr machte den Fall in der Jahreshauptversammlung der Feuerwehr Schlangen öffentlich. Die anwesenden Mitglieder zeigten sich in einer ersten Reaktion lautstark empört. „Dass so etwas in der heutigen Zeit noch vorkommt, macht nur wütend”, meinte ein Feuerwehrkamerad.

Was war genau geschehen? Ein deutscher Vater hatte sich kürzlich mit der Leitung der Schlänger Jugendfeuerwehr in Verbindung gesetzt. Sein Anliegen mündete Knorr zufolge in der unmissverständlichen Forderung, dass „sein Sohn nicht mehr mit einem syrischen Kind in einem Mannschaftstransportwagen befördert wird und auch anderenorts nicht neben einem syrischen Kind sitzt”.

Der Schlänger Bürgermeister zeigte sich entsetzt über die Aussage des Vaters. In der Jahreshauptversammlung wurde Knorr deutlich: „Die Gemeinde und die Freiwillige Feuerwehr Schlangen erteilen einem derartigen Ansinnen eine klare Absage. Das gilt für alle Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens, insbesondere aber im Bereich der Nachwuchsarbeit.”

„Wir schauen nicht auf Herkunft, Hautfarbe oder Religion”

Knorr warf dem vorgeblich besorgten Vater in diesem Zusammenhang „krude Gedankenspiele” vor, die völlig inakzeptabel seien und in der Jugendarbeit nichts zu suchen hätten: „Unser Ziel und der Inhalt unserer Arbeit ist die Hilfe für jedermann. Wir schauen dabei nicht auf Herkunft, Hautfarbe oder Religion.”

Die Forderung des Vaters als Einzelfall abzutun, findet der Bürgermeister falsch, wie er gegenüber der SCHLÄNGER ZEITUNG ausdrücklich betonte: „Leider ist derartiges Gedankengut schon fast Alltäglichkeit in unserer Gesellschaft. Ich kann deshalb nur sagen: Wehret den Anfängen, um solchen Prozessen möglichst frühzeitig Einhalt zu gebieten.” Etwas resigniert fügte Knorr hinzu: „Aber was gilt bei solchen Menschen schon Anstand und Moral?”

Und noch etwas bereitet Knorr Kopfzerbrechen: Seiner Meinung nach taugen auch prominente Persönlichkeiten heutzutage nicht immer als Vorbilder. In besonderer Erinnerung geblieben sei ihm der Auftritt von Schalke-Präsident Clemens Tönnies beim Libori-Empfang des Handwerks 2019 in Paderborn. „Was erwarten wir”, so Knorr, „wenn ein Mann wie Herr Tönnies hier seine Fremdenfeindlichkeit ausleben kann, ohne dass von anwesenden Politikern und der Geistlichkeit Widerspruch kommt. Jede Dumpfbacke kann daraus die Berechtigung ableiten, ebenso unterwegs sein zu dürfen. Getreu dem Motto: Wenn die da oben das dürfen, dann darf ich das auch.“

Wie berichtet, war Tönnies Festredner beim Tag des Handwerks gewesen. Unter anderem war er dabei auch auf den Klimawandel zu sprechen gekommen und hatte gefordert, jährlich 20 Kernkraftwerke in Afrika zu finanzieren. Wörtlich sagte er damals: „Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.”

„Hilfe für alle bedeutet Hilfe durch alle”

Wie aber soll es nun konkret in Schlangen weitergehen? Der Bürgermeister hat dazu bereits klare Vorstellungen: „Wir werden zusammen überlegen, wie wir die Arbeit der Jugendfeuerwehr weiterhin stärken und das offene wie tolerante Bewusstsein weiter fördern können. Denn eines muss jedem klar sein: Hilfe für alle bedeutet Hilfe durch alle.”

Das sieht Wehrführer Ralf Heuwinkel genauso: „Die Jugendfeuerwehr zeichnet sich seit jeher durch ein gutes und von gegenseitigem Respekt gekennzeichnetes Miteinander aus. So soll und so wird es auch in Zukunft bleiben.”

Aktuell gehören der Schlänger Feuerwehrjugend drei Kinder mit syrischen Wurzeln an. Den Zusammenhalt der Gruppe insgesamt bezeichnete Heuwinkel als sehr gut.

Kommentare

Courage gegen Rechts!

Ich finde es richtig und wichtig, dass solche Vorgänge öffentlich gemacht werden. Und ich finde die Stellungnahme unseres Bürgermeisters sehr couragiert und seine Argumentation vollkommen treffend.
Heute sollte man nicht mehr denken, "ach lass doch, die bekommen doch eh kein Gehör..., das sind nur einzelne Meinungen...,die hören auch wieder auf..." - Nein!!! Keiner sollte still bleiben und solche Verhaltensweisen und Äußerungen einfach so hinnehmen! Klar, verändert man die Meinung dieser Menschen nicht, aber solch fremden- und menschenfeindliches Gedankengut darf nicht unkommentiert stehen bleiben! Sonst entsteht der Eindruck, dass diese Kräfte stärker werden oder gar von der Mehrheit der Bevölkerung toleriert werden. Ich weiß sicher, dass viele wie unser Bürgermeister denken ...nur sollten wir lauter unsere Meinung sagen!

Respekt, gute Lesekompetenz. Es ging hier genau um deinen schweinefleischessenden Sohn und nicht um einen riesen Skandal, der so niemals vorkommen darf.

So ein Verhalten ist unerträglich und unentschuldbar, es macht mir große Angst, wenn Kinder in so einem menschenfeindlichen Umfeld groß werden.

Ist aber in Ordnung, wenn...

Es ist aber in Ordnung, wenn ein Vater verlangt, das mein Sohn nicht mehr neben seinem Sohn sitzen darf, weil mein Sohn öfters Schweinefleisch auf dem Butterbrot hat (sein Sohn könnte ja naschen!)...

Verrückte Welt!!

3 Kommentare

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