Do., 16.01.2020

Jugendfeuerwehr und Lippes Landrat lassen „besorgten Vater“ abblitzen „Mein Sohn soll nicht neben einem Syrer sitzen“

Bei der Jugendfeuerwehr in Schlangen hat ein deutscher Vater gefordert, seinen Sohn von syrischen Kameraden zu trennen.

Bei der Jugendfeuerwehr in Schlangen hat ein deutscher Vater gefordert, seinen Sohn von syrischen Kameraden zu trennen. Foto: Oliver Schwabe

Von Klaus Karenfeld

Schlangen (WB). Nachdem ein Vater gefordert hat, dass sein Sohn bei der Jugendfeuerwehr in Schlangen nicht neben einem syrischen Kind sitzen soll , hat sich am Mittwoch Lippes Landrat Axel Lehmann (SPD) zu Wort gemeldet. „Ausgrenzung von Mitgliedern oder beleidigende Sprüche in einer Jugendfeuerwehr oder in Vereinen, die Jugendarbeit betreiben, sind besonders zu verurteilen. Dort sammeln junge Menschen schließlich erste Erfahrungen, die ihr Leben prägen werden.“

Lippes Landrat Axel Lehmann hat sich am Mittwoch zu Wort gemeldet.

Mitglieder zeigen sich lautstark empört

Schlangens Bürgermeister Ulrich Knorr (SPD) spricht von einem „beschämenden Fall von Fremdenfeindlichkeit”: Ihm zufolge hat ein Vater die Leitung der Jugendfeuerwehr aufgefordert, dafür Sorge zu tragen, dass sein Sohn in den gemeinschaftlichen Stunden nicht mehr neben einem syrischen Jungen sitzt. Knorr machte den Fall in der Jahreshauptversammlung der Feuerwehr Schlangen öffentlich. Die anwesenden Mitglieder zeigten sich in einer ersten Reaktion lautstark empört. „Dass so etwas in der heutigen Zeit noch vorkommt, macht nur wütend”, meinte ein Feuerwehrmann. Was war geschehen? Ein deutscher Vater hatte sich mit der Leitung der Schlänger Jugendfeuerwehr in Verbindung gesetzt. Sein Anliegen mündete Knorr zufolge in der unmissverständlichen Forderung, dass „sein Sohn nicht mehr mit einem syrischen Kind in einem Mannschaftstransportwagen befördert wird und auch anderenorts nicht neben einem syrischen Kind sitzt”.

Schlangens Bürgermeister Ulrich Knorr (rechts) spricht von einem „beschämenden Fall”. Foto: privat

„Krude Gedankenspiele“

Der Schlänger Bürgermeister zeigte sich entsetzt über die Forderung des Vaters. In der Jahreshauptversammlung wurde Knorr deutlich: „Die Gemeinde und die Freiwillige Feuerwehr Schlangen erteilen einem derartigen Ansinnen eine klare Absage. Das gilt für alle Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens, insbesondere aber im Bereich der Nachwuchsarbeit.“

Knorr warf dem vorgeblich besorgten Vater in diesem Zusammenhang „krude Gedankenspiele” vor, die völlig inakzeptabel seien und in der Jugendarbeit nichts zu suchen hätten: „Inhalt unserer Arbeit ist die Hilfe für jedermann. Wir schauen dabei nicht auf Herkunft, Hautfarbe oder Religion.”

Bürgermeister: Wehret den Anfängen

Die Forderung des Vaters als Einzelfall abzutun, findet der Bürgermeister falsch, wie er betonte: „Leider ist derartiges Gedankengut schon fast Alltäglichkeit in unserer Gesellschaft. Ich kann deshalb nur sagen: Wehret den Anfängen, um solchen Prozessen möglichst frühzeitig Einhalt zu gebieten.” Etwas resigniert fügte Knorr hinzu: „Aber was gelten bei solchen Menschen schon Anstand und Moral?”

Fall Tönnies: Prominente nicht immer Vorbilder

Und noch etwas bereitet Knorr Kopfzerbrechen: Seiner Meinung nach taugen auch prominente Persönlichkeiten nicht immer als Vorbilder. In besonderer Erinnerung geblieben sei ihm der Auftritt von Schalke-Präsident Clemens Tönnies beim Libori-Empfang des Handwerks 2019 in Paderborn. „Was erwarten wir”, so Knorr, „wenn ein Mann wie Herr Tönnies hier seine Fremdenfeindlichkeit ausleben kann, ohne dass von anwesenden Politikern und der Geistlichkeit Widerspruch kommt?“ Wie berichtet, war Tönnies als Festredner beim Tag des Handwerks auch auf den Klimawandel zu sprechen gekommen und hatte gefordert, 20 Kernkraftwerke in Afrika zu finanzieren. Wörtlich sagte er damals: „Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.”

Drei Kinder mit syrischen Wurzeln in der Jugendfeuerwehr

Wie aber soll es nun konkret in Schlangen weitergehen? Der Bürgermeister: „Wir werden zusammen überlegen, wie wir die Arbeit der Jugendfeuerwehr weiterhin stärken und das tolerante Bewusstsein weiter fördern können. Denn eines muss jedem klar sein: Hilfe für alle bedeutet Hilfe durch alle.” Das sieht Wehrführer Ralf Heuwinkel genauso: „Die Jugendfeuerwehr zeichnet sich seit jeher durch ein gutes und von Respekt gekennzeichnetes Miteinander aus. So soll es bleiben.“

Aktuell gehören der Schlänger Feuerwehrjugend drei Kinder mit syrischen Wurzeln an. Den Zusammenhalt der Gruppe insgesamt bezeichnete Heuwinkel als sehr gut.

Kommentare

Ich finde es super das syrische Kinder bei der Jugendfeuerwehr mitmachen, dass fördert die Integration

Danke und weiter so!

Leider wird unsere Gesellschaft immer mehr durchdrungen von völkischem, rückwärts gewandten Gedankengut und die Grenzen des Sagbaren werden immer weiter verschoben. Solche Berichte über Anstand und klare Haltung Verantwortlicher zeigen, dass es zum Glück immer noch eine (wenn auch lautstarke) Minderheit ist, die den Boden unseres Grundgesetzes verlassen und den Konsens über Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit aufgekündigt hat. Um so wertvoller sind solche Beispiele, die junge Menschen prägen können und eine wichtige Vorbildfunktion haben.

Danke für die Courage

In erster Linie muss man der Feuerwehr danken, die ehrenamtlich trotz punktuellem Gegenwind aktiv zur Integration beiträgt. Auch den Statements von Landrat und Bürgermeister ist nichts hinzuzufügen. Hier ist klar Stellung bezogen worden - gut so.

Fassungslos.

4 Kommentare

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