Junger Rotmilan in Adlerwarte Berlebeck gesund gepflegt
„S9“ fliegt zurück in die Freiheit

Schlangen (WB). Seine Art gilt als gefährdet, doch für „S9“ war dieser Dienstag ein glücklicher Tag. Der junge Rotmilan, der vor rund zwei Wochen in arg geschwächtem Zustand bei der Adlerwarte Berlebeck abgegeben worden war, wurde am Vormittag wieder in die Freiheit entlassen. Tierfreunde von der Universität Bielefeld und vom Kreis Lippe hatten sich hierfür die weite Landschaft an der Fürstenallee bei Schlangen ausgesucht.

Mittwoch, 03.06.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 03.06.2020, 08:18 Uhr
Er hat den Namen „S9“ bekommen und gehört zu einer gefährdeten Art: der junge Rotmilan, der in der Adlerwarte Berlebeck gesund gepflegt wurde. Foto: Jörn Hannemann
Er hat den Namen „S9“ bekommen und gehört zu einer gefährdeten Art: der junge Rotmilan, der in der Adlerwarte Berlebeck gesund gepflegt wurde. Foto: Jörn Hannemann

„Zumeist sind es Privatpersonen, die hilfsbedürftige Vögel bei der Adlerwarte abgeben“, sagt Jörg Westphal. Mitarbeiter der Unteren Landschaftsbehörde beim Kreis Lippe. Die Adlerwarte im Detmolder Ortsteil Berlebeck ist Anlaufstation für viele solcher Fälle. Sie ist nicht nur Deutschlands älteste sondern auch Europas artenreichste Greifvogelwarte. Sie besteht seit 1939. Mit dieser enormen Erfahrung konnten die Experten auch dem Jungvogel helfen, dem der Name „S9“ gegeben wurde. Westphal: „Der junge Rotmilan hat geröchelt und war sehr schwach als er aufgenommen wurde.“

Rotmilane stehen auf der Liste der gefährdeten Arten. Und der Mensch geht mit diesem Greifvogel mitunter grausam um. So musste im April vom Abschuss eines brütenden Rotmilanweibchens auf einem Horst in Borchen-Dörenhagen im Kreis Paderborn berichtet werden. In Schlangen entdeckten Kinder beim Spielen einen Rotmilan, der an einer Vergiftung mit dem Pflanzenschutzmittel Carbofuran verstarb. Der Naturschutzbund (Nabu) erstattete Anzeige und hält vorsätzliches Handeln für möglich. Es sei denkbar, dass die Rotmilan-Population in Schlangen durch solche illegalen Maßnahmen reduziert werden solle, damit die Windenergie in Schlangen stärker ausgebaut werden kann. Speziell bei der Auswahl von Vorrangzonen oder einzelnen Standorten für Windkraftanlagen steht der Rotmilan als windkraftsensible Art nämlich im Fokus und muss besonders beachtet werden.

Meinolf Ottensmann von der Universität Bielefeld entlässt den jungen Rotmilan „S9“ an der Fürstenallee in die Freiheit.

Meinolf Ottensmann von der Universität Bielefeld entlässt den jungen Rotmilan „S9“ an der Fürstenallee in die Freiheit. Foto: Jörn Hannemann

„In der Adlerwarte gibt es auch einen Rotmilan, der in eine Windenergieanlage geraten ist. Da kommt es zu schweren Brüchen. Dieser Vogel ist nun Dauergast in Berlebeck“, berichtet Jörg Westphal. Seine Haltung zur Problematik mit der Windenergie ist deutlich: „Vielleicht muss man in den Gebieten, wo besonders viele Rotmilane sind, einfach auf Windenergie verzichten.“ Seit 2009 engagiert sich Westphal im Freundeskreis lippischer Rotmilane. Die Arbeitsgemeinschaft der Rotmilanfreunde Lippe gehört zum Naturwissenschaftlichen und historischen Verein für das Land Lippe.

Zwischen 350 und 400 Rotmilan-Paare in OWL

Mindestens die Hälfte des weltweiten Rotmilan-Bestandes ist in Deutschland beheimatet. Ostwestfalen-Lippe ist eines der Zentren seiner Verbreitung. „Insgesamt dürften in OWL aktuell zwischen 350 und 400 Rotmilan-Paare leben“, sagt Jörg Westphal. „Mit einer Spannweite von 1,70 Meter ist der Rotmilan zwar einer der größten Greifvögel hierzulande, aber nicht einer der stärksten. Er ist ein echtes Leichtgewicht“, erläutert Meinolf Ottensmann, Doktorand an der Universität Bielefeld, wo er sich mit der Verhaltensforschung von Tieren beschäftigt. Auf der Speisekarte des Rotmilans stehen Mäuse, Säugetiere, andere Vögel und Aas.

Schauen dem Rotmilan nach: (von links) Silke Zahlten, Jörg Westphal (beide Kreis Lippe) und Meinolf Ottensmann.

Schauen dem Rotmilan nach: (von links) Silke Zahlten, Jörg Westphal (beide Kreis Lippe) und Meinolf Ottensmann. Foto: Jörn Hannemann

„S9“ hatte Glück, bei den Experten der Adlerwarte in gute Pflege zu kommen. Bevor er dort umsorgt wurde, erhielt der junge Greifvogel zunächst von der Universität Bielefeld eine Flügelmarke. Und bevor er wieder in die Freiheit entlassen werden konnte, wurde er auch noch beringt. Schließlich wollen die Tierfreunde und Vogelexperten sein weiteres Schicksal im Auge behalten.

Behutsam nahm Meinolf Ottensmann „S9“ am Dienstag aus einem Karton und gab dem jungen Greifvogel Zeit, sich zu orientieren. „Ich glaube, in dieser Landschaft wird er sich schnell zurecht finden.“ Als Ottensmann den Rotmilan dann zwischen Feldern an der Fürstenallee in die Höhe hob und ihm „Starthilfe“ gab, flatterte „S9“ etwa eine Minute aufgeregt umher, gewann allmählich an Höhe, kreiste viermal über den Feldern und war urplötzlich entschwunden.

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