Baumscheibe soll an Begräbnisstätte und Geschichte Haustenbecks erinnern
Eine Zeitleiste der Geschichte

Schlangen (WB). Sie war eine imposant große Roteiche und zierte lange Zeit den ehemaligen Friedhof in Haustenbeck. 2019 ließ die Bundesforstdirektion Senne den halb vertrockneten Baum aus Sicherheitsgründen fällen. Er wurde immerhin 97 Jahre alt und war bis dahin der älteste Baum auf dem weitläufigen Friedhofsgelände. Eine Baumscheibe mit Zeitleiste soll künftig an die einstige Begräbnisstätte und die Geschichte von Haustenbeck erinnern – so möchte es der Förderverein.

Freitag, 31.07.2020, 04:14 Uhr aktualisiert: 31.07.2020, 05:01 Uhr
Beim Auslesen der Baumscheibe: Dieter Kelle (links) und Klaus Mai untersuchen die 2019 gefällte Roteiche. Sie bringt es auf 97 Jahresringe und wurde 1922 auf dem ehemaligen Haustenbecker Friedhof gepflanzt. Foto: Klaus Karenfeld
Beim Auslesen der Baumscheibe: Dieter Kelle (links) und Klaus Mai untersuchen die 2019 gefällte Roteiche. Sie bringt es auf 97 Jahresringe und wurde 1922 auf dem ehemaligen Haustenbecker Friedhof gepflanzt. Foto: Klaus Karenfeld

Dieter Kelle ist Vorsitzender des Fördervereins Haustenbeck. An diesem sonnigen Sommertag hat er sich mit Klaus Mai aus Augustdorf verabredet. Die beiden sind in besonderer Mission auf dem ehemaligen Dorffriedhof unterwegs: „Wir wollen heute das Alter einer Roteiche bestimmen, die im vergangenen Jahr durch die Bundesforstdirektion Senne gefällt worden ist.“

Die Roteiche reichte bis zu 35 Meter hoch

Der Baum wurde inzwischen zwar in mehrere Einzelteile zerlegt, aber noch nicht abtransportiert. Das gibt Kelle und Mai Gelegenheit, noch einmal genau Maß zu nehmen. „Die Roteiche reichte immerhin etwa 30 bis 35 Meter hoch“, sind sie sich schnell einig. Der Baumstumpf selbst bringt es an seiner dicksten Stelle auf einen Durchmesser von 1,10 Metern. Der Umfang dürfte bei 3,45 Metern gelegen haben.

Dann beginnt für den Augustdorfer Dendrologen der eigentliche Teil der Arbeit: das Auslesen der Jahresringe. Das Baumwachstum folgt einem eigenen Gesetz – das weiß Klaus Mai nur allzu gut: „Im Frühjahr wächst das Holz schneller, und es entsteht eine helle Schicht. Im Sommer und Herbst fällt das Wachstum des Baumes dann etwas langsamer aus und hinterlässt eine dünnere und dunklere Schicht. Beide Schichten zusammen bilden einen Jahresring.“

„Die Roteiche wäre in diesem Jahr 98 Jahre alt geworden“

Minute um Minute vergeht. Jetzt ist Ausdauer gefragt. Dem geschulten Auge des Dendrologen entgeht nichts. Am Ende kommt er zu dem eindeutigen wie überraschenden Ergebnis: „Die Roteiche wäre heute 98 Jahre alt.“ Sie wurde folglich 1922 gepflanzt, genau zehn Jahre nach Eröffnung des Friedhofs in Haustenbeck.

Dieter Kelle zieht daraus seine eigenen Schlüsse: „Zweifellos war die Roteiche bis dato der älteste Baum auf der einstigen Haustenbecker Begräbnisstätte, die 1912 eröffnet wurde. Und das ist schon etwas ganz Besonderes.“

Roteiche soll nicht in Vergessenheit geraten

Damit die imposante Roteiche auch nach der Fällaktion nicht ganz in Vergessenheit gerät, will Dieter Kelle eine mehrere Zentimeter dicke Baumscheibe abschneiden lassen. Eine entsprechende Zusage durch die Bundesforstdirektion Senne liegt ihm nach eigener Aussage vor. Auch über den konkreten Verwendungszweck hat sich der 77-Jährige bereits Gedanken gemacht. „Die Jahresringe sind so etwas wie eine Zeitleiste der Geschichte, auf der sich wichtige Daten und Ereignisse der vergangenen knapp 100 Jahre ablesen lassen.“

Und davon gibt es viele in der wechselvollen Geschichte von Haustenbeck. Den Anfang macht selbstverständlich der Jahresring 0 und markiert das Jahr, an dem der neu gepflanzte Baum langsam aus dem Boden wächst. Erinnert werden könnte auch an die Zeit bis zur Aufgabe des Ortes. 1938 (Ring 16) beispielsweise feierte die Dorfgemeinschaft gemeinsam mit ihrem Königspaar, den Eheleuten Strate, das letzte Schützenfest im Ort. 1939 beginnt der Zweite Weltkrieg und zeitgleich die Vertreibung der Haustenbecker aus ihrer angestammten Heimat (Ring 17). Sie müssen dem neuen Truppenübungsplatz weichen.

Erstes sichtbares Zeichen ist der 1940 erbaute und 1941 eingeweihte Haustenbecker Turm (Ring 18 und 19). 1945 erfolgt der Einmarsch der Amerikaner, der Krieg ist zu Ende (Ring 23). Elf Jahre später trifft sich erstmals der Gemeinderat der Randsiedlung Haustenbeck zu einer Sitzung (Ring 34). 1957 ist ein ebenfalls sehr wichtiges Jahr: Durch Beschluss des Landtages wird der Gemeinderat aufgelöst. Es entsteht die neue Gemeinde Oesterholz-Haustenbeck (Ring 35).

1971 zieht als Letzte die Familie Gustav Kelle von der Randsiedlung Haustenbeck nach Oesterholz-Haustenbeck (Ring 49). Die Zeitleiste endet mit Ring 97 und führt zurück ins Jahr 2019: Mit einer großen Gedenkfeier wird an die Vertreibung aus Haustenbeck vor damals genau 80 Jahren erinnert.

Fähnchen sollen die einzelnen Geschichtsstationen sichtbar machen

„Die einzelnen Geschichtsstationen könnten durch kleine Fähnchen auf der Baumscheibe markiert und sichtbar gemacht werden“, sagt Dieter Kelle und fügt hinzu: „Vielleicht gelingt es darüber hinaus, dieses geschichtliche Zeitzeugnis auch nachfolgenden Generationen zugänglich zu machen. Zum Beispiel als Anschauungsobjekt in einer unserer Schulen oder Kitas. Das würde ich mir wünschen.“ Entsprechende Gespräche will Kelle nach Ende der Sommerferien aufnehmen.

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