Stück Schlänger Ortsgeschichte verschwindet – Nachbarin Marie Hanselle erinnert sich
Gasthaus Koch hinterlässt eine Lücke

Schlangen (WB). 115 Jahre stand das Gebäude des ehemaligen Gasthofs Koch in der Schlänger Ortsmitte neben der Volksbank. Viele Einwohner verbinden damit zahlreiche Geschichten und Erinnerungen. Mittlerweile ist das geschichtsträchtige Gebäude abgerissen. Der Blick in die Ortsmitte hat sich damit nachhaltig verändert. Die 90-jährige Marie Hanselle hat fast ihr ganzes Leben neben dem Wirtshaus Koch gewohnt und erinnert sich noch an so manche Geschichte rund um das Gebäude.

Samstag, 19.09.2020, 03:00 Uhr
Marie Hanselle steht auf ihrem Balkon und blickt auf den abgerissenen Gasthof Koch. Die Schlängerin zeigt ein Buch mit Ansichten des Gasthofs in der Anfangszeit. Fotos: Phil Hänsgen

Die Vergangenheit

Als am 18. August 1904 beim großen Feuer in Schlangen das halbe Dorf niederbrannte, befand sich auch das Vorgängergebäude des Gasthofes Koch darunter. Schon ein Jahr später baute der Bauherr und Gastwirt Wilhelm Koch ein neues Gebäude, das zugleich Wohn- und Wirtshaus sein sollte. An der Seite gab es einen kleinen Zwiebelturm, an den sich Marie Hanselle noch gut erinnert: „Die Mutter von Wilhelm Koch sagte ihrem Sohn immer, dass sie ein Haus mit Türmchen haben möchte. Diesen Wunsch hat er ihr schließlich mit dem Gebäude des Gasthofs erfüllt. Viele ältere Schlänger erinnern sich noch gut daran.“

Nachdem Koch das Haus aus wirtschaftlichen Gründen 1933 verkaufen musste, wurde die Familie Hanning, Bierverleger aus der damaligen Brauerei in Kohlstädt, der neue Besitzer. Von da an wurde das Gasthaus an viele verschiedene Personen verpachtet, die dort lebten und die Gastwirtschaft fortführten.

Im Jahr 1969 wurde das Haus zum ersten Mal umgebaut und erhielt wie viele andere Gebäude in der Gemeinde ein Flachdach. Dieses wurde allerdings mit der Zeit undicht, weshalb ein erneuter Umbau erfolgte. Vor 20 Jahren bekam das Haus ein neues Dach, mit dem es bis zuletzt in der Ortsmitte stand.

In all der Zeit wurden zahlreiche Veranstaltungen wie Hochzeiten, Feiern oder Versammlungen in dem Gasthof abgehalten, an die sich die Schlänger gerne zurückerinnern. Marie Hanselle feierte in den Räumen ihre Hochzeit. Der 90-Jährigen fällt im Gespräch eine lustige Anekdote ein: „Fast alle Schlänger haben etwas in dem Gebäude erlebt, und auch meine Hochzeit war trotz der kleineren Räumlichkeiten sehr schön. Das Kurioseste, was ich mit dem Gasthof verbinde, passierte Anfang der 50er Jahre. Ein Kohlhändler wollte beim Schlänger Markt angetrunken sein Pferd in den Gasthof schieben. Dabei halfen ihm auch einige Jugendliche, die allerdings allesamt kläglich scheiterten“, erzählt Marie Hanselle.

Von 2003 ab spielte bis zur Schließung des Wirtshauses der Dartverein DV Rennekamp 1985 in dem Gebäude, von dem noch in der Ruine eine Tafel mit Aufschrift und Logo hing. Anfang 2017 kaufte schließlich die Volksbank Schlangen das Haus und erlaubte bis kurz vor dem Abriss dem Förderverein Ortsgeschichte Schlangen, Teile der Räume zu nutzen.

Die Gegenwart

Vor drei Wochen begannen schließlich die Abrissarbeiten, die Stand 15. September ungefähr zur Hälfte abgeschlossen waren. Mittlerweile hat das Abrissunternehmen Landwehr aus Rheda-Wiedenbrück, das von der Volksbank beauftragt wurde, das Gebäude komplett abgetragen. Derzeit wird der Schutt beseitigt und der Kellerraum ausgehoben. Dort müssen noch Wände entfernt werden.

Die Abrissarbeiten sind mittlerweile beendet. Das Bild ist entstanden, als noch ein Teil des Gasthof-Gebäudes (links) stand.

Die Abrissarbeiten sind mittlerweile beendet. Das Bild ist entstanden, als noch ein Teil des Gasthof-Gebäudes (links) stand.

Die Durchfahrt des Ortes ist nach einer zwischenzeitlichen Sperrung mittlerweile wieder frei. Für die einheimischen Schlänger bleibt ein ungewohntes Bild zurück, das den Ortskern der Gemeinde ein Stück leerer wirken lässt. Viele Passanten bleiben stehen, schauen sich die Arbeiten an, schwelgen in Erinnerungen und schießen letzte Fotos. „Mir fehlt etwas, und es wirkt nun so leer“, sagt auch Marie Hanselle: „Mein ganzes Leben lang habe ich durch ein Fenster auf eine Wand geschaut und das Gebäude von Kindesbeinen an gekannt. Ein wenig bedauere ich den Abriss.“

Die Zukunft

Was mit der frei gewordenen Fläche passiert, ist noch größtenteils ungewiss. Es gibt schon einige Ideen, die 2021 konkret besprochen werden sollen, erzählt Bankvorstand Iris Brockmeier: „Zunächst geplant ist auf jeden Fall übergangsweise eine Grünfläche mit Parkmöglichkeiten anzulegen. Was dann passiert, wird die Bank im nächsten Jahr mit dem Bürgermeister, der Gemeinde und den Einwohnern gemeinsam überlegen. Erste Ideen sind beispielsweise zentrale Wohnräume, eine Veranstaltungsfläche oder auch Co-Working-Places.“ Auf die Volksbank wartet eine spannende Aufgabe, da die Parkplätze gebraucht werden und die Bürger gleichzeitig auf eine Verschönerung der Ortsmitte hoffen.

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