Schlänger Alleenhof bald mit neuer Leitung: Familie von Müller übernimmt
Hier bleiben Kälbchen bei den Müttern

Schlangen (WB). Der Alleenhof an der Fürstenallee im Schlänger Ortsteil Oesterholz steht vor gravierenden Veränderungen: Nicht nur die Leitung des Hofs wechselt. Auch die männlichen Tiere, wie Hähne und Bullen, können sich über ein längeres Leben freuen. Der Alleenhof ist bereits seit 1980 ein Demeter-Hof. Damit müssen die Betreiber die strengen Richtlinien des Bioverbands zum Wohl der Tiere befolgen. Nun soll es zur außerfamiliären Hofnachfolge und gleichzeitig zu weiteren Innovationen kommen. Maria und Sebastian von Müller werden den Alleenhof in Zukunft von Edeltraud und Heinrich Kuhlmeier übernehmen.

Samstag, 26.09.2020, 13:58 Uhr aktualisiert: 26.09.2020, 14:00 Uhr
Der zwei Monate alte Jakob im Stall mit seinen Artgenossen Jonas und Fabia. Obwohl auch Kälber spätestens nach einem halben Jahr geschlachtet werden, bekommt jedes einen Namen, weil die Hofleiter jedes Leben wertschätzen wollen. Foto: Rebecca Borde
Der zwei Monate alte Jakob im Stall mit seinen Artgenossen Jonas und Fabia. Obwohl auch Kälber spätestens nach einem halben Jahr geschlachtet werden, bekommt jedes einen Namen, weil die Hofleiter jedes Leben wertschätzen wollen. Foto: Rebecca Borde

Den Schwerpunkt des Hofes bilden nach wie vor die Milchkühe. Aktuell sind es bis zu 50 Kühe, die auf einem Teil der 100 Hektar großen Hoffläche leben. Bisher blieben aber nicht alle dort geborenen Tiere auf dem Hof. Stattdessen wurden Kälbchen an Viehzüchter verkauft und dann in die Mast gegeben. „Viele der Tiere werden von den Viehzüchtern weiterverkauft und landen in Osteuropa. Dort werden sie in Ställe gesperrt und sehen nie wieder das Tageslicht“, berichtet Maria von Müller.

Die neue Hofleiterin Maria von Müller mit ihrer Tochter Ronja (8 Monate).

Die neue Hofleiterin Maria von Müller mit ihrer Tochter Ronja (8 Monate). Foto: Rebecca Borde

Außerdem sei der Preis gerade für Kälber der Zweinutzungsrasse stark gesunken. Dabei handelt es sich um Kühe, die sowohl als Milchvieh Milch produzieren als auch Körpermasse für die Fleischproduktion ansetzen und dann geschlachtet werden können. Nachdem der Händler also für ein solches Kalb nicht mehr als zehn Euro bezahlt hat, muss dieses tagelange Reisen ohne Nahrung durchleben, bis es dann gemästet wird, erläutert die neue Hofleiterin.

Ihren Tieren möchte sie ein besseres Leben ermöglichen: „Wir möchten erreichen, dass alle Kälber, die hier geboren werden, auch hier leben können. Jeder soll hier bleiben dürfen.“

Kühe behalten ihre Hörner

Auf dem Alleenhof haben die Kühe es durchaus besser als in Mastställen, ist Maria von Müller überzeugt. „Unsere Kühe können im Sommer den ganzen Tag auf der Wiese sein“, berichtet sie. Außerdem habe jedes Tier Hörner, die nicht – wie es normalerweise üblich ist – durch Enthornung entfernt werden. Die größte Innovation ist jedoch eine andere: „Die Kälber werden bei uns nicht von den Muttertieren getrennt und wenn doch, werden sie von einer anderen Kuh, die als Amme fungiert, großgezogen.“ Die Tiere können so eine enge Bindung zueinander entwickeln. Trenne man sie direkt nach der Geburt, sei das noch kein Problem. Doch es reiche aus, wenn das Muttertier sein Kalb nach der Geburt sauber lecke, um eine anschließende Trennung zum großen Herzschmerz werden zu lassen.

Die Kälber könnten auch maschinell gefüttert werden, doch mit der direkten Anbindung an ihre Mutter oder eine Amme ergeben sich viele Vorteile: „Die Kälber sehen besser aus, fangen früher an Gras zu fressen und entwickeln ein ausgeprägtes Sozialverhalten. Wenn sie sich länger nicht gesehen haben und sich dann wiedererkennen, muhen sie sich an und freuen sich sichtlich“, berichtet Maria von Müller: „Da haben wir selbst schon so manches Mal gestaunt.“ Die Jungen beginnen schnell, das Verhalten der Mutter nachzuahmen und entwickeln dadurch eine Art von Empathie und ein soziales Gefüge.

Männliche Küken werden nicht geschreddert

Mit den 100 Hühnern auf dem Alleenhof ist es ähnlich. Dass männliche Küken nach der Geburt geschreddert werden, ist ein oft kritisiertes Problem, mit dem sich auch die 36-jährige Hofleiterin nicht abfinden will. Weil die Hähne keine Eier legen, aber auch schlechter zunehmen als Hennen, erwartet sie kein langes Leben. Das ist auf dem Alleenhof anders: Auch männliche Küken, die so genannten Bruderhähne, werden aufgezogen. Nach 14 Wochen werden sie dann geschlachtet und zum Beispiel zu Frikassee verarbeitet. Diese in Gläsern eingemachten Gerichte können Kunden im Hofladen erwerben.

Projekte wie die Aufzucht der Kälbchen zum Wohl der Tiere könnten allerdings nur mit Unterstützung der Käufer finanziert werden, erläutert Maria von Müller. Neben der Verpflegung fallen weitere Kosten für die Erweiterung der Kuhställe an. Und von den Einnahmen aus dem Verkauf muss auch noch der Lebensunterhalt der Betreiber gesichert werden.

Verkauf im Hofladen

Interessierte sind eingeladen, mittwochs im Hofladen oder täglich in der Selbstbedienungshütte des Hofes vorbeizuschauen. Hier kann sich jeder selbst an Eiern, Milch, Honig oder Gemüse bedienen und anschließend das Geld in der „Kasse des Vertrauens“ zurücklassen. Die Hütte ist erst seit Anfang September in Betrieb, sei aber bisher gut von den Schlängern angenommen worden, sagt Maria von Müller.

Sie und ihr Mann wurden durch das Inserat ihrer Vorgänger im Portal „Hofsuchtbauer.de“ auf den Alleenhof aufmerksam. Die von Müllers kommen aus Köln und Solingen. Die Übergabe des Alleenhofs erfolgt nicht abrupt, sondern dauert schon eineinhalb Jahre und ist voraussichtlich am 31. Dezember abgeschlossen. Solange leben die von Müllers schon mit ihren drei Töchtern, Greta (6), Paula (4), Ronja (8 Monate) und den Kuhlmeiers gemeinsam auf dem Hof. Die Kuhlmeiers werden auch weiterhin ein Zuhause auf dem Alleenhof haben. Am meisten freuen sich die neuen Hofleiter auf die Umsetzung ihrer neuen Projekte. Maria von Müller: „Endlich können wir dann unsere gemeinsamen Ideen in die Tat umsetzen!“

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