„Die Partei“ kommt im lippischen Schlangen auf 13,45 Prozent
Vierfacher Betriebsunfall

Schlangen (WB). Zwei Sitze im Bielefelder Stadtrat, zehn Prozent bei der Landratswahl im Kreis Gütersloh: Die Satirepartei „Die Partei” hat bei der Kommunalwahl in Ostwestfalen-Lippe einige Überraschungserfolge erzielt. Der größte Coup gelang aber in der lippischen Gemeinde Schlagen: 13,45 Prozent.

Freitag, 02.10.2020, 05:45 Uhr aktualisiert: 02.10.2020, 05:50 Uhr
Maximilian Scholz, 21-jähriger Vorsitzender der Satirepartei „Die Partei“ in Schlangen Foto: Elmar Neumann
Maximilian Scholz, 21-jähriger Vorsitzender der Satirepartei „Die Partei“ in Schlangen Foto: Elmar Neumann

Martin Sonneborn, der Mitbegründer und Bundesvorsitzende der Satirepartei „Die Partei“, hat sich trotzdem noch immer nicht bei seinem neuen Vorzeige-Ortsverband in Schlangen gemeldet. Kein Anruf, keine Mail, kein Besuch. Ein Retweet – mehr Anerkennung von höchster Stelle war den unheimlichen Gewinnern der Kommunalwahl in der lippischen Gemeinde nicht vergönnt.

Dabei lassen die Werte, die diese nach dem Votum der 7521 Wahlberechtigten unter den 9500 Bewohner aus dem Stand vorzuweisen haben, ein persönliches Dankeschön des einstigen Titanic-Chefredakteurs eigentlich alternativlos erscheinen. Was Maximilian Scholz, 21-jähriger Vorsitzender des erst im Mai des Vorjahres gegründeten Ortsverbandes, als das Beste, das „Die Partei“ bundesweit jemals erreicht hat, bezeichnet, liest sich in Zahlen so: Mit dem Ergebnis haben sich die Debütanten letztlich vier der 26 Sitze im Gemeinderat gesichert, Scholz selbst hat im Wahlbezirk 12, dem Ortsteil Oesterholz, als hinter der CDU zweitstärkste Kraft 29,73 Prozent der Stimmen gesammelt und damit die Kandidaten der SPD und der Grünen deutlich distanziert. „Wir wollten das beste Ergebnis seit Kriegsende holen und waren uns ziemlich sicher, dass uns das gelingt. Dass wir so viele Stimmen bekommen, war aber jenseits aller Vorstellungskraft“, sagt Scholz.

Während die ebenfalls erstaunlich erfolgreichen, aber auch nicht in Schlänger Sphären vorgedrungenen Genossen aus Schermbeck im Kreis Wesel (10,34 Prozent) auf der Seite des Bundesverbandes prominent platzierte Erwähnung finden, sieht man sich in Schlangen schon zu einer Drohung gezwungen. „Wir sind schwer enttäuscht. Wenn da weiterhin nichts kommt, müssen wir wohl nach Brüssel, da mal anklopfen und uns die fälligen Glückwünsche abholen“, sagt Scholz.

Das Ergebnis aber bleibt, wie es ist und die krasse Diskrepanz zwischen Erwartetem und Erzieltem zu erklären, fällt auch Satirikern nicht leicht. Der Versuch gestaltet sich vielfältig. Der gelernte Elektroniker Scholz ist überzeugt davon, dass er und sein sehr junger Tross vor allem bei Erstwählern und Gleichaltrigen gepunktet haben. Bestenfalls lustig, provokant plakatierend, einfach anders – das kommt an. Er weiß aber auch: „Wir können das Ergebnis nicht nur unserer Arbeit zuschreiben. Andere Parteien haben in den letzten Jahren ihren Job nicht gemacht. Diese Schwächen bieten natürlich Nährboden für Protestparteien und ich bin absolut glücklich darüber, dass wir das in Schlangen sind und nicht die AfD – darüber sollten auch alle anderen glücklich sein, egal wie nervig wir für sie schon waren oder noch sein werden.“

„Jedes Mandat ist ein Betriebsunfall“

Die Zutatenliste des Erfolgsrezepts komplettiert eine für den zuvorderst satirischen Ansatz der Partei „Die Partei“ ungewöhnliche Herangehensweise an Themen, die in Schlangen interessieren. „Anders als viele andere Verbände haben wir versucht, uns ein bisschen realpolitischer auszurichten. Das ist schon fast zu stark ausgeprägt für meinen Geschmack – allerdings zeigt das Ergebnis, dass wir die richtige Mischung aus Realpolitik und Satire gefunden haben“, sagt Scholz, der auch einige meinungsstarke Mitglieder der Initiative Schlangen 4.0 in seinen Reihen weiß, die regelmäßig Ideencamps organisiert und lokale Themen im Internet diskutiert.

Jetzt müssen der Außenverteidiger der Sportfreunde Oesterholz-Kohlstädt II und seine Teamkollegen mit vierfachen Folgen ihres Wahlergebnisses leben. In Martin Sonneborns Glückwunschschreiben wäre unter Garantie Platz für eines seiner Lieblingszitate: „Jedes Mandat ist ein Betriebsunfall.“ Nach Unfall fühlt sich das Erreichte für Scholz in diesem Tagen aber (noch) nicht an. Stattdessen ist einer der ersten Anträge, den die „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative im Gemeinderat“ stellen will, bereits so gut wie formuliert: „So mächtig wie wir in diesem Moment hat sich vermutlich noch nie ein Mensch gefühlt. Wie angekündigt, werden wir den Klimanotstand für Schlangen beantragen. Das hat nichts mit Satire zu tun und ist nicht lustig gemeint, sondern sagt nichts anderes aus, als dass alle von Rat und Verwaltung getroffenen Entscheidungen vor der Umsetzung auf Nachhaltigkeit überprüft werden müssen.“

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