Mi., 24.10.2018

Nordumgehung: Jochen Theilemann erhielt nach Rechtsstreit Millionenentschädigung Späte Genugtuung

Wie ein »gallisches Dorf«: Auf diesem Foto von 2012 ist das von einem kleinen Wald umgebene Grundstück von Unternehmer Jochen Theilemann unten links auf der Trasse zu erkennen. Der 74-Jährige lag lange Jahre im Rechtsstreit mit Straßen NRW.

Wie ein »gallisches Dorf«: Auf diesem Foto von 2012 ist das von einem kleinen Wald umgebene Grundstück von Unternehmer Jochen Theilemann unten links auf der Trasse zu erkennen. Der 74-Jährige lag lange Jahre im Rechtsstreit mit Straßen NRW. Foto: WB-Archiv

Von Philipp Bülter

Bad Oeynhausen (WB). Wenn Jochen Theilemann dieser Tage seine Heimatstadt Bad Oeynhausen besucht, hegt er keinen Groll. »Obwohl die ganze Sache damals sehr belastend für mich und meine Familie war«, sagt der 74-Jährige. Ein erbittert geführter Rechtsstreit im Zuge des Baus der Nordumgehung der A30 hat den Takt seines Lebens über viele Jahre bestimmt.

Rückblick: Mit seiner Firma Theilemann Gastroprojekt, die Hotels ausstattet, Gastronomiekonzepte entwickelt und ihre Ideen in Ausstellungen präsentiert, war Theilemann seit 1976 im Stadtteil Eidinghausen ansässig. Zu Beginn des neuen Jahrtausends bekam der Unternehmer indes ein Problem. Ein sehr großes Problem, denn sein etwa 3200 Quadratmeter großes Firmengrundstück lag zu einem Teil mitten auf der im Bau befindlichen Trasse der A30-Nordumgehung .

Vergleichsversuche scheitern

Bereits 2003 sei er deshalb auf den für den Bau zuständigen Landesbetrieb Straßen

Jochen Theilemann.

NRW, der einen Teil seines Grundstücks benötigte, zugegangen. In der Folge entstanden mehrere Gutachten, alsbald kristallisierte sich eine Gesamtverlagerung der Firma heraus und ein von 2007 bis 2013 erbittert geführter Rechtsstreit durch mehrere Instanzen folgte.

Nachdem Ladenbauer Theilemann im Dezember 2010 eine Vorabentschädigung von 2,1 Millionen Euro erhalten hatte, kämpfte er um eine weitere Zahlung von 645.000 Euro. Diese forderte der Unternehmer ein, um die mit weiteren Kosten verbundene Zeit bis zur Gesamtverlagerung seiner Firma an den Zweitstandort nach Stralsund zu bewerkstelligen.

Diesen Vergleichsversuch lehnte Straßen NRW, das weniger Geld zahlen wollte, ab – so fand der Rechtsstreit eine Fortsetzung. Theilemann wurde das Recht auf die Gelder, die sich mittlerweile auf 1,1 Millionen Euro summiert hatten, schließlich zugesprochen – und so musste der Landesbetrieb 2013 sogar fast eine halbe Million Euro mehr zahlen, als es zuvor notwendig gewesen wäre.

»Ich war nie ein Gegner«

Die vielen Gerichtsprozesse, das bange Warten auf die Entschädigungen, die unsichere Perspektive für seine Firma und deren Mitarbeiter: Bei Jochen Theilemann hat der kurioseste Rechtsstreit im Zuge der A30-Nordumgehung Spuren hinterlassen, wie er im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT erzählt. »Ich war nie ein Gegner der Nordumgehung. Die ganze Angelegenheit beschäftigt mich aber heute noch. Ich hätte mir damals nicht träumen lassen, dass das mit Straßen NRW so ein Chaos wird«, sagt der Inneneinrichter. Vor vier Jahren zog Theilemann, der heute seinen 74. Geburtstag feiert, mit seiner Firma nach Stralsund um. Die Theilemann Gastroprojekt GmbH habe zuvor Leistungsträger verloren, erläutert der Inhaber. »Weil einfach nicht klar war, wie es bei uns weitergeht«.

Verzögerungen »lächerlich«

Der Gastronomie- und Hotelausstatter wohnt mittlerweile mit seiner Frau im Eigenheim auf der Halbinsel Zingst. Nachdem er 2015 einen Autounfall nur knapp überlebt habe und fünf Monate »komplett außer Gefecht gewesen« sei, betreibe er seit nun mehr zwei Jahren wieder Innenausbau. Sein jetzt nur noch in Stralsund ansässiges Unternehmen ist nach wie vor auch international tätig. In seiner Freizeit habe er es mit Angeln, Malen und Schießen versucht. »Ohne Arbeit geht es bei mir aber nicht«, sagt Theilemann.

Zu Besuchen bei seiner Schwiegermutter oder seiner Nichte weilt Jochen Theilemann noch heute regelmäßig in seiner Heimatstadt. »Ich schaue mir dann immer an, wie weit die Arbeiten auf der Nordumgehung vorangeschritten sind«, sagt er. Dass sich die Fertigstellung des Lückenschlusses zwischen A2 und A30 um Jahre verzögert hat, findet Theilemann amüsant: »Dass sich die Freigabe so lange hinzieht, ist aus meiner Sicht lächerlich.«

Erinnerungen

Sven Johanning, Sprecher beim Landesbetrieb Straßen NRW, erlebte den jahrelangen Rechtsstreit bereits in selbiger Funktion mit. »Wir leben in einem Rechtsstaat, und da darf jeder für seine Belange streiten. Wir waren froh, als schließlich alles geklärt war, und der Bau weiterging«, sagt er.

Vertreten wurde Jochen Theilemann im Zuge der vielen Prozesse vom Paderborner Rechtsanwalt, Dr. Christoph Jahn, Experte für Verwaltungs- und Vergaberecht. »Herr Theilemann und seine Familie waren Opfer einer Enteignung. Sein Unternehmen war nicht mehr lebensfähig, Straßen NRW wollte aber keinen fairen Ausgleich ermöglichen. Das war auch für mich ein extremer Fall«, erinnert sich Christoph Jahn.

Für Jochen Theilemann hatte die Angelegenheit weitreichende Folgen. »Ich bin Rehmer Junge und habe gerne in Bad Oeynhausen gelebt. Eines ist klar: Wäre das alles nicht passiert, dann wäre ich hier niemals weggegangen.«

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