Do., 06.12.2018

Philosophische Lesung mit Wolfram Eilenberger begeistert Publikum in Bad Oeynhausen Von der Kraft der Gedanken

Während der Lesung in der Wandelhalle steht Wolfram Eilenberger (links) Michael Scholz Rede und Antwort zu den Kernaussagen seines Buches »Zeit der Zauberer – das große Jahrzehnt der deutschen Philosophie 1919 bis 1929«.

Während der Lesung in der Wandelhalle steht Wolfram Eilenberger (links) Michael Scholz Rede und Antwort zu den Kernaussagen seines Buches »Zeit der Zauberer – das große Jahrzehnt der deutschen Philosophie 1919 bis 1929«. Foto: Malte Samtenschnieder

Von Malte Samtenschnieder

Bad Oeynhausen  (WB). In den 1920er Jahren gehörten die Philosophen Ernst Cassirer, Ludwig Wittgenstein, Walter Benjamin und Martin Heidegger zu den größten Denkern ihrer Zeit. Um die Frage, welche Relevanz ihre Erkenntnisse für die Gegenwart besitzen, ging es am Dienstagabend bei einer Lesung mit Wolfram Eilenberger in der Wandelhalle.

Natürlich war die Auswahl des Gastes kein Zufall. In seiner Funktion als Vorsitzender des Vereins Agora hatte Michael Scholz bewusst Wolfram Eilenberger zu der Veranstaltung in der Reihe  »Parole Hozo! – die goldenen 1920er in Bad Oeynhausen« eingeladen, um mit ihm über seinen aktuellen Bestseller »Zeit der Zauberer – das große Jahrzehnt der deutschen Philosophie 1919 bis 1929« ins Gespräch zu kommen. In diesem Werk stehen die vier genannten »Vordenker« im Mittelpunkt.

50 Zuhörer verfolgen Gedankenaustausch

Impulse für einen lebhaften Gedankenaustausch zwischen Wolfram Eilenberger und Michael Scholz, den etwa 50 Literaturbegeisterte aufmerksam verfolgten, lieferte der Schauspieler und Sprecher Thomas Streipert mit ausgewählten Passagen aus »Zeit der Zauberer«.

Die Texte waren nicht nur so ausgewählt, dass im Verlauf der 90-minütigen Veranstaltung alle vier Philosophen zu Wort kamen. Thomas Streipert gestaltete die Lesung zudem so, dass seine Zuhörer ausreichend Zeit hatten, die Gedanken des jeweiligen Philosophen zu erfassen und Anknüpfungspunkte zu den eigenen Gedanken zu schaffen. Dabei gelang am Ende dann auch erfolgreich ein gedanklicher Sprung bis in die heutige Zeit.

Vier Philosophen kommen kurz zu Wort

Jeder der vier in seinem Buch betrachteten Philosophen war laut Wolfram Eilenberger in gewisser Weise revolutionär. Ludwig Wittgenstein habe mit seiner Theorie 2500 Jahre Denkgeschichte mit einem Wisch vom Tisch gefegt, am Ende allerdings gleichermaßen auch sein eigenes Gedankengebäude zum Einsturz gebracht.

Ernst Cassirers Denken sei geprägt gewesen vom fest verwurzelten Glauben an das eigene Tun. Er habe immer wieder Ex­tremsituationen gesucht, um zu prüfen, wie sich andere, ihm wichtige Menschen angesichts lebensbedrohender Gefahr verhalten.

Anhand verschiedener Texte hat Thomas Streipert dem Publikum die vier betrachteten Philosophen vorgestellt. Foto: Malte Samtenschnieder

Wie Wolfram Eilenberger und Michael Scholz herausarbeiteten, scheiden sich bis heute die Geister an Martin Heidegger. Mit kraftvoller Sprache habe dieser zum Beispiel die dämonische Wirkung der Liebe beschrieben.

Dann habe er sich im Strudel der NS-Ideologie verloren und sei sogar kurzzeitig der NSDAP beigetreten, beseelt von dem Gedanken »den Führer selbst zu führen«. Als er seinen Fehler erkannt habe, sei es zu spät gewesen, sich zu distanzieren.

Mit frischer Sprache habe Walter Benjamin seine Gedanken in die Welt getragen. Nicht zuletzt wegen seines kostspieligen, halbseidenen Lebensstils sei er »von Fiasko zu Fiasko« geirrt, wie Wolfram Eilenberger erläuterte. Mit Erfolg habe Walter Benjamin nur schwer umgehen können.

Vergleich mit heute nur bedingt möglich

Laut Wolfram Eilenberger gibt es einige Parallelen zwischen den 1920er Jahren und der heutigen Zeit: »Damals wie heute hat sich die Zirkulation von Informationen zunehmend beschleunigt«, sagte der Referent. Zudem habe die Globalisierung an Fahrt aufgenommen. Die Welt sei kleiner geworden, Kontinente näher aneinander gerückt.

Außerdem habe es von rechts und links Attacken gegeben, um die Demokratie zu destabilisieren. »Anders als heute kam damals eine wirtschaftliche Schwächung mit Inflation hinzu.« Erst diese habe wesentlich den Weg in die NS-Diktatur bereitet.

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