Fr., 01.02.2019

Prozessauftakt nach tödlichem Unfall eines Sechsjährigen in Bad Oeynhausener Hallenbad Schwimmlehrer weist Schuld von sich

Das Hallenbad im Bad Oeynhausener Stadtteil Rehme.    

Das Hallenbad im Bad Oeynhausener Stadtteil Rehme.     Foto: Angelina Zander

Von Rajkumar Mukherjee

Bad Oeynhausen/Kalletal (WB). »Wenn ich gewusst hätte, dass nur ein Schwimmlehrer den Kurs beaufsichtigt, hätte ich meinen Sohn nie angemeldet.« Mit diesen Worten hat der Vater des im Januar 2018 tödlich in einem Hallenbad in Bad Oeynhausen verunglückten Jungen (6) seine Fassungslosigkeit zum Ausdruck gebracht. Am Freitag sagte er als Zeuge vor dem Amtsgericht in Bad Oeynhausen aus.

Wegen fahrlässiger Tötung muss sich ein Schwimmlehrer (25) aus Vlotho verantworten. Am Samstagvormittag, 20. Januar, sollte er im Hallenbad Bad Oeynhausen-Rehme drei Schwimmkurse für Kinder im Alter zwischen vier und sechs Jahren begleiten.

Zu einem tragischen Unfall war es zu Beginn der zweiten Stunde gekommen. Während der Schwimmlehrer die Kinder für eine Übung aus dem Becken holte, war der Junge unbemerkt in Richtung des tiefen Bereichs des Beckens geschwommen. Der ­Bademeister, der sich zuvor im Technikraum aufgehalten haben soll, fand den Jungen und leitete sofort Rettungsmaßnahmen ein. Diese dauerten eine Stunde. Später starb der Junge im Klinikum Minden.

Zeugen gehlrt

Am Freitag wurden neun Zeugen sowie der medizinische Gutachter gehört. Dabei ging es auch um die Frage, inwiefern der Schwimmlehrer, der Schwimmmeister oder Vertreter der Stadtwerke Bad Oeynhausen als Kursanbieter darüber informiert waren, dass der verunglückte Junge aufgrund eines Gendefekts und einer damit einhergehenden Lernschwäche eine intensive Betreuung hätte haben müssen.

Mutter und Vater des Jungen sind sich sicher, die Erkrankung schon bei der Anmeldung sowie gegenüber dem Schwimmlehrer erwähnt zu haben. Dieser äußerte dagegen, nur von einer Konzentrationsschwäche gewusst zu ­haben.

Kurs-Bedingungen kritisiert

Seit dem 1. Januar 2018 werden die Kurse im Hallenbad von den Stadtwerken Bad Oeynhausen angeboten. Seit September 2017 war der Schwimmlehrer als Honorarkraft tätig. Direkter Vorgesetzter sei ein Schwimmmeister gewesen.

Mehrfach habe der Schwimmlehrer, der von Rechtsanwältin Kathleen Heine (Minden) vertreten wird, die Kurs-Bedingungen kritisiert. Es sei »gefährlich« gewesen, dass nur er als Schwimmlehrer die Gruppe mit bis zu zwölf Kindern begleiten sollte. Regelmäßig sollte er zudem jeweils ein Kind für Intensivphasen herausziehen, um für das Seepferdchen zu üben. Nur weil er dabei in Rückenlage geschwommen sei, habe er die anderen Kinder währenddessen im Blick behalten können. Diese hätten – ohne Schwimmhilfen – derweil andere Übungen gemacht. Zudem beteuerte der Schwimmlehrer, jede Kurs-Gruppe stets alle drei Minuten durchgezählt zu haben. So habe er es während seiner Ausbildung zum Fachangestellten für Bäderbetriebe im H2O in Herford gelernt.

»Ich habe das mehrfach angesprochen«, sagte der Angeklagte – auch gegenüber dem Schwimmmeister, der stets abgewiegelt habe. Ebenso habe er Stadtwerke-Vorstand Andreas Schwarze in einem Gespräch darüber informiert. »Änderungen sollte es erst im Folgekurs geben«, sagte der Angeklagte. Nach dem Unfall wurde er freigestellt, der Vertrag nicht verlängert. Eine Stellungnahme wollten die Stadtwerke mit Verweis auf den Prozess nicht geben.

»Sie können sich hier nicht drücken«

Diesbezüglich beklagt Dr. Detlev Binder, der mit Dr. Christina Lang (beide Bielefeld) Nebenklagevertreter für die Eltern ist, ein Organisationsversagen des Kursanbieters. Dazu konnte sich Andreas Schwarze am Freitag aber noch nicht äußern. Er und der Schwimmmeister stehen aber auf der Zeugenliste. Stattdessen sagten zwei langjährige Reinigungskräfte aus, die zeitweise an der Kasse die Anmeldungen der Eltern entgegennehmen.

Ihren Einlassungen zufolge seien Eltern bei Anmeldungen bislang nie systematisch nach Erkrankungen befragt worden. Dass Vertreter der Stadtwerke in verantwortlicher Position bislang noch nicht befragt wurden, ärgerte Kathleen Heine: »Mein Mandant muss sich alleine verantworten.« Dennoch: Binder sieht den Schwimmlehrer nach wie vor in der Verantwortung: »Sie können sich hier nicht drücken.«

Die Verhandlung soll am 21. Februar fortgesetzt werden. Beginn ist um 10 Uhr.

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