Fr., 05.04.2019

Missbrauchsverdacht in Bad Oeynhausen: Hilfsangebot wird genutzt Eltern sprechen Polizisten an

Dieses Schild, das in einem Fenster der Praxis stand, ließen Polizisten entfernen, nachdem sich die Eltern der Mädchen gemeldet hatten. Die Gesichter wurden von dieser Zeitung gepixelt, um die Mädchen nicht erkennbar zu machen.

Dieses Schild, das in einem Fenster der Praxis stand, ließen Polizisten entfernen, nachdem sich die Eltern der Mädchen gemeldet hatten. Die Gesichter wurden von dieser Zeitung gepixelt, um die Mädchen nicht erkennbar zu machen. Foto: Louis Ruthe

Von Christian Althoff

Bad Oeynhausen(WB). Kindesmissbrauch beim Physiotherapeuten: In dem Verdachtsfall nutzen – wie berichtet – Eltern möglicher Opfer das Beratungsangebot der Polizei, die mit VW Bullis in den Innenstädten Mindens und Bad Oeynhausens steht.

»Es haben sich schon mehrere Angehörige an unsere Opferschutzexperten gewandt«, sagt Polizeisprecherin Cornelia Weigand. Es sei der Polizei sehr wichtig, möglichst schnell etwaige Opfer zu identifizieren und ihnen Hilfe anzubieten. Deshalb gebe es auch dieses niedrigschwellige Angebot. Und deshalb wird seit Donnerstag auch die Patientenkartei des Therapeuten abgearbeitet. Sie soll mehr als 1000 Namen enthalten. Dass der Beschuldigte Physiotherapeut ist, macht die Ermittlungen nicht einfach. »Zu seinem Beruf gehört es nunmal, andere Menschen anzufassen«, sagt ein Ermittler. Deshalb müsse in Gesprächen mit möglichen Opfern geklärt werden, ob Grenzen überschritten worden seien.

Vom Polizei-Bulli zur Praxis des Beschuldigten ist es nicht weit. Rainer M. (60) hat seine Räume im Erdgeschoss eines bunt verzierten Jugendstilbaus in der Innenstadt. Hinter einem Fenster steht ein Schild, auf dem die Fotos zweier Mädchen zu sehen sind. Darüber steht: »Aus familiären Gründen ist die Praxis bis auf Weiteres geschlossen.« Dieser Text ist auch auf dem Anrufbeantworter gespeichert, aufgesprochen von einer Frau.

Auswertung der Daten dauert Wochen

Seit Donnerstag vergangener Woche sitzt Rainer M. in Untersuchungshaft. Er soll in seiner Praxis mindestens zwei Kinder, die seine Patienten waren, missbraucht und von ihnen pornografische Fotos gemacht haben. Außerdem wurden weitere kinderpornografische Dateien sichergestellt. Insgesamt wurde eine solche Datenmenge gefunden, dass die Polizei wohl noch Wochen für die Auswertung brauchen wird.

Auf dem Praxisschild steht, Rainer M. habe sich als Therapeut auf Babys, Kinder und Jugendliche spezialisiert. Doch nicht nur beruflich soll er Kontakt zu Kindern gesucht haben: Er soll vor längerer Zeit für eine Hilfsorganisation Erste-Hilfe-Kurse durchgeführt haben, die sich an Kinder und Jugendliche gerichtet haben sollen. Ob es auch außerhalb der Praxis Übergriffe auf Kinder gegeben hat, können die Ermittler im Moment aber noch nicht sagen.

Hinweise auf möglichen Kindesmissbrauch 2017

Die Praxis in Bad Oeynhausen hatte Rainer M. vor zehn Jahren eröffnet. Er ist Physiotherapeut und begann eine Ausbildung zum Heilpraktiker, schloss sie aber nicht ab. Er bot neben der Physiotherapie auch chiropraktische und heilpraktische Behandlungen an, wogegen das Kreisgesundheitsamt einschritt. Es untersagte ihm entsprechende Behandlungen und die Werbung dafür. 2012 klagte Rainer M. vor dem Verwaltungsgericht Minden gegen die Verfügung, doch seine Klage wurde abgewiesen. Auf seinem Praxisschild hieß es fortan »Physiotherapie und viel mehr«.

Einen ersten Hinweise auf möglichen Kindesmissbrauch hatte die Kripo Minden bereits 2017. Sie durchsuchte die Räume des Beschuldigten aber erst am 8. März dieses Jahres. Bis dahin ahnte das Kreisgesundheitsamt nichts von dem mutmaßlichen Kindesmissbrauch. Als die Behörde jetzt davon erfuhr, untersagte sie dem Therapeuten sofort die Behandlung von Kindern und Jugendlichen. Drei Tage später kam Rainer M. in Haft.

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