Mi., 07.08.2019

Historischer Sommer-Spaziergang: Einzelbesucher bei Führungen willkommen Wittekindshof ist im Wandel

ie Häuser für Kinder und Jugendliche sind nach großen deutschen Städten benannt – von Haus Flensburg bis Haus München

ie Häuser für Kinder und Jugendliche sind nach großen deutschen Städten benannt – von Haus Flensburg bis Haus München Foto: Andrea Berning

Von Andrea Berning

Bad Oeynhausen-Volmerdingsen (WB). Altes Fachwerk gibt es ebenso wie eine moderne Schule, denkmalgeschützte Gebäude stehen nahe von Grünflächen, die nach Abriss baufälliger Häuser auf eine neue Nutzung warten. Bei einem historischen Sommer-Spaziergang für Einzelbesucher hat sich der Wittekindshof im Wandel präsentiert.

Michael Spehr, Archivar der Einrichtung und Leiter des Besuchsdienstes, konnte das auch mit Zahlen belegen: Lebten vor gut 20 Jahren noch 1500 Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen unterschiedlichster Art in Volmerdingsen, sind es heute nur noch 650. Insgesamt werden aber inzwischen 4000 Menschen vom Wittekindshof betreut. Es sind viele neue Standorte mit ganz anderen Wohnformen dazugekommen, die vor allem eins gemeinsam haben: Sie ermöglichen den Bewohnern mehr Selbstständigkeit.

Darauf werden Jugendliche, die in Haus Berlin wohnen, gezielt vorbereitet: Sie versorgen sich am Wochenende selbst mit Essen und kümmern sich auch um ihre Wäsche. »Die können das besser als ihr, die ihr zu Hause lebt«, sagt Michael Spehr, wenn er Konfirmandengruppen über den Wittekindshof führt.

Es gibt zwölf Häuser für Kinder und Jugendliche, benannt nach großen deutschen Städten von Flensburg bis München. Hier werden vom schwerst-mehrfachbehinderten Säugling bis zu Jugendlichen, die traumatisiert durch Gewalt oder sexuellen Missbrauch sind, ganz unterschiedliche Menschen mit Bedarf betreut und unterstützt. Denn das galt schon immer für den Wittekindshof: Gedacht war er für Erwachsene, aber schon der erste Bewohner war ein achtjähriges Kind.

Seit der Gründung wird gebaut

Das Gelände in Volmerdingsen unterliegt ständigem Wandel: Seit der Gründung 1887 wird gebaut, verändert und auch abgerissen. Das zeigte Michael Spehr, der von seiner Kollegin Eva-Maria Kern vom Fundraising unterstützt wurde, bei seiner Führung. Die Besucher ließen sich dabei auch vom schlechten Wetter an diesem Tag nicht stören. Viele von denen, die sich für diese spezielle Führung für Einzelbesucher angemeldet hatten, haben eine persönliche Verbindung zu der Diakonischen Stiftung.

So wie Ursula und Karl-Dieter Kanning aus Petershagen: Kannings Onkel war Lehrer hier, der Petershäger hat ihn in seiner Jugend öfters besucht. Seither hat sich vieles verändert, auch wenn einige alte Gebäude noch immer stehen: so wie das Fachwerkhaus, das ein Bauer noch 1903 nahe des Wittekindshofes errichtete. In den 1920er Jahren wurde es von der Einrichtung übernommen und diente bis vor wenigen Jahren als Schuhmacherei.

Spehr bedauerte, dass es keine Post mehr auf dem Wittekindshof gibt. Selbst Briefe und Pakete abzuschicken – auch das gab Bewohnern Selbstständigkeit. Immerhin hängt noch ein Briefkasten an dem Gebäude an der Pfarrer-Krekeler-Straße. Und auch wenn es lange keine Straßennamen gab: Die Post habe die Bewohner immer erreicht, sagte Spehr.

Hängematte statt Schulbank

Er stellte zusammen mit Eva-Maria Kern die Schule vor, die 2011 ein neues Gebäude erhielt und so ausgestattet ist, dass auch schwerstbehinderte Kinder einen Schultag durchstehen können – indem sie zum Beispiel zwischendurch in eine Hängematte wechseln können. An Kapelle und Denkmälern vorbei ging es auf den Friedhof zum Grab des Gründers, Pfarrer Hermann Krekeler. Aus seiner Lebensgeschichte, die auch nicht gerade und ohne Sorgen verlief, berichtete Michael Spehr den Besuchern. Krekeler hatte in Bethel gearbeitet, bevor er nach Volmerdingsen kam, und dort vielen Familien, die ihre Angehörigen versorgt wissen wollten, Absagen schreiben müssen. Durch die Gründung des Wittekindshofes konnte er diesen Menschen endlich gerecht werden.

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