Sa., 24.08.2019

Lebhafte Diskussion zur Eröffnung der 18. »Poetischen Quellen« auf der Aqua Magica Woran erkennt man »Fake News«?

Im Gespräch mit Moderator Jürgen Keimer (von links) haben sich die Literaturwissenschaftler Thomas Strässle und Raoul Schrott am Donnerstagabend bei der offiziellen Eröffnung des 18. internationalen Literaturfests »Poetische Quellen« auf der Aqua Magica einen lebhaften Schlagabtausch zum Thema »Die Lesbarkeit der Welt – Im Wald der Fakes und Fiktionen« geliefert.

Im Gespräch mit Moderator Jürgen Keimer (von links) haben sich die Literaturwissenschaftler Thomas Strässle und Raoul Schrott am Donnerstagabend bei der offiziellen Eröffnung des 18. internationalen Literaturfests »Poetische Quellen« auf der Aqua Magica einen lebhaften Schlagabtausch zum Thema »Die Lesbarkeit der Welt – Im Wald der Fakes und Fiktionen« geliefert. Foto: Malte Samtenschnieder

Von Malte Samtenschnieder

Bad Oeynhausen/Löhne  (WB). Was sind »Fake News«? Woran erkennt man sie? Und wie geht man mit ihnen um? Mit diesen und ähnlichen Fragen haben sich die Literaturwissenschaftler Thomas Strässle und Raoul Schrott am Donnerstagabend bei der Eröffnung der  18. »Poetischen Quellen« im Gespräch mit Moderator Jürgen Keimer befasst. Mehrere hundert Zuhörer verfolgten die kurzweilige Diskussion im Literaturzelt auf der Aqua Magica.

Zu Beginn hatte Helke Nolte-Ernsting, stellvertretende Bürgermeisterin von Bad Oeynhausen, die Besucher auch im Namen der Nachbarstadt Löhne willkommen geheißen. Das Literaturfest mit erneut mehr als 30 beteiligten Autoren biete eine hervorragende Gelegenheit, »die Menschen hinter den Gedanken kennenzulernen«. Aus den Lesungen ließen sich viele Denkanstöße für den Alltag mitnehmen – »und das live, unbearbeitet und ungefiltert«, betonte Helke Nolte-Ernsting.

Verantwortungsvoller Umgang mit Sprache

Zum verantwortungsvollen Umgang mit Sprache hat Michael Scholz, künstlerischer Leiter der »Poetischen Quellen«, bei der Eröffnung des 18. internationalen Literaturfests aufgerufen. Es sei ihm bewusst, »welche Verantwortung darin besteht, mit eigener Sprache vor ein Publikum zu treten und dann nicht zu schweigen, sondern Wörter und Gedanken in Freiheit zu entlassen, die eine Bedeutung haben müssen, die von Belang sein sollten«, sagte Michael Scholz.

Sprache dürfe nicht dafür nutzbar gemacht werden, um sich hinter ihr zu verbergen oder um etwas zu verschleiern. »Sprache muss öffnen, muss mitteilen, sie ist ein Mittel des miteinander Kommunizierens, das immer in Richtung des gegenseitigen Verstehens verlaufen sollte«, betonte der künstlerische Leiter.

Es sei wichtig, Sprache kritisch zu prüfen und dabei viele inhaltsleere Begriffe wieder mit Bedeutung und Substanz zu füllen. Sonst bestehe die Gefahr, erst zu spät zu bemerken, »dass man mit Leere keine Fülle beschreiben kann«. In diesem Kontext sei auch das Literaturfest-Motto »Die Lesbarkeit der Welt« zu sehen.

Zudem sprach Michael Scholz treuen und neuen Sponsoren seinen Dank aus. Ohne die großzügige finanzielle Unterstützung wäre ein derartig umfassendes fünftägiges Literaturfest-Programm nicht zu bewerkstelligen, betonte der künstlerische Leiter.

»Fake News« sind gezielte Desinformationen

Eine erste Definition von »Fake News« lieferte Raoul Schrott. »Bei ›Fake News‹ nur von Falschmeldungen zu sprechen, reicht nicht aus, denn diese können auch unbeabsichtigt entstehen. Bei ›Fake News‹ handelt es sich um gezielte Desinformation«, sagte der Autor.

Die Schwierigkeit für den Leser besteht laut Thomas Strässle darin, »echte« Nachrichten von »Fake News« zu unterscheiden. »Dazu müssen die Leser lernen, Sachverhalte zu hinterfragen.« Sie müssten lernen, Mechanismen zu identifizieren, mit denen absichtlich Falschmeldungen in Umlauf gebracht werden, erklärte der Autor des Buches »Fake und Fiktion. Über die Erfindung von Wahrheit«. Thomas Strässle: »Dabei ist es auch immer wichtig, nach dem Urheber zu fragen.«

Raoul Schrott: »Jeder Text steht für sich«

Laut Raoul Schrott unterscheidet sich der Umgang mit »Fake News« wesentlich vom Umgang mit sonstigen Texten. Wenn sich jemand mit Literatur befasse, spielten verschiedene Faktoren eine Rolle: »Ich muss mir klar machen, wer ich in dem Moment bin, in dem ich den Text lese. Und ich muss mir meine persönlichen Erfahrungen bewusst machen, mit denen ich das Gelesene anreichere.«

Auch ist es laut Raoul Schrott wichtig, Verbindungen zwischen dem Gelesenen und der eigenen Lebenwirklichkeit zu reflektieren. Wer einen Text verfasst habe, sei dabei für ihn unwichtig. Raoul Schrott: »Der Text steht für sich.«

Thomas Strässle stichelt gegen Kollegen

Dieser Aussage widersprach Thomas Strässle. Der Name des Autors spiele in vielen Fällen sehr wohl eine Rolle – insbesondere auch unter marktwirtschaftlichen Überlegungen. Mit dieser Aussage verband der Autor einige Sticheleien im Hinblick auf Raoul Schrotts Beteiligung an Martin Schneitewinds Roman »An den Mauern des Paradieses«.

Wie die Zuhörer erfuhren, ist die Entstehung dieses Manuskripts nicht eindeutig geklärt. Raoul Schritt beharrte auch nach mehrfacher Nachfrage darauf, nur als Übersetzer vom Französischen ins Deutsche an dem besonderen Werk beteiligt gewesen zu sein.

 Literaturfans konnten Raoul Schrott am Freitag auch bei einer kostenfreien Lesung in der Fußgängerzone erleben. Zum Auftakt der »18. Poetischen Quellen« hatte es am Mittwochabend eine  Konzert-Lesung in der Auferstehungskirche am Kurpark gegeben.

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