Do., 05.09.2019

Bad Oeynhausen: Physiotherapeut lange unbehelligt – Verfahren gegen Polizisten Panne macht Missbrauch möglich

In diesem Haus betrieb Rainer M. (61, links) bis zu seiner Festnahme im März seine Praxis.

In diesem Haus betrieb Rainer M. (61, links) bis zu seiner Festnahme im März seine Praxis. Foto: Mukherjee

Von Christian Althoff

Bad Oeynhausen (WB). Der mutmaßliche sexuelle Missbrauch eines Mädchens aus Bad Oeynhausen hätte verhindert werden können, wenn die Polizei zügiger gearbeitet hätte. Das haben die Ermittlungen im Fall des Physiotherapeuten Rainer M. (61) ergeben, der seit 2010 in seiner Bad Oeynhausener Praxis acht kleine Patientinnen zwischen sechs und zwölf Jahren missbraucht haben soll, zum Teil mehrfach.

2017 lagen der Polizei erste Hinweise darauf vor, dass der Mann sogenannte Kinderpornos besitzen soll. Im März 2018 bekam die Kripo einen Durchsuchungsbeschluss für die Räume des Physiotherapeuten, doch durchsucht wurde erst im März 2019 – zwölf Monate später. In der Zwischenzeit, nämlich im Dezember 2018, soll der Mann ein Mädchen in seiner Praxis missbraucht haben. »So wirft es ihm die Staatsanwaltschaft vor«, sagt Guiskard Eisenberg, Sprecher des Landgerichts Bielefeld, vor dem sich der Therapeut und seine Frau (62) vom kommenden Donnerstag an verantworten müssen. Der Frau wird Beihilfe vorgeworfen. Sie soll zu einem Mädchen gesagt haben, die Handlungen ihres Mannes seien Teil der Therapie.

Kripo habe viermal vorgehabt, zu durchsuchen

Dass die Kripo den Mann, der Umgang mit fremden Kindern hatte, ein Jahr lang unbehelligt ließ, begründet sie damit, dass sie viermal vorgehabt habe zu durchsuchen, er aber nie dagewesen sei. Die Staatsanwaltschaft Bielefeld hat inzwischen geprüft, ob sie gegen den verantwortlichen Polizisten ein Verfahren einleiten muss, sich aber dagegen entschieden.

Denn eine Strafvereitelung, so wird das Nichteinschreiten juristisch genannt, setzt laut Gesetz einen Vorsatz voraus – also die bewusste Absicht, jemanden vor der Strafverfolgung zu schützen. Dafür, dass das in diesem Fall so gewesen sein könnte, gibt es aber überhaupt keinen Hinweis. Vielmehr soll massive Arbeitsüberlastung des Polizisten und seiner Kollegen dazu beigetragen haben, dass im Fall des Therapeuten nicht konsequenter vorgegangen wurde.

Beamte sollen massiv überlastet gewesen sein

Angeblich wurde die Überlastung dem Kripochef und dem Polizeichef der Kreispolizeibehörde gemeldet, ohne dass Veränderungen vorgenommen worden sein sollen. Zu denen kam es erst, nachdem NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) von dem Fall erfuhr. Sein Ministerium fand heraus, dass landesweit fast 600 Durchsuchungsbeschlüsse in Kinderpornoverfahren unbearbeitet waren. Jetzt müssen die 47 Polizeibehörden dem Ministerium jeden Monat schriftlich berichten, wie der Stand ihrer Ermittlungen in Kinderpornoverfahren ist.

Ralf Steinmeyer, Sprecher der Polizei in Minden: »Wir haben inzwischen Prioritäten in Sachen Kindesmissbrauch und Kinderpornographie gesetzt und Personal in diesen Bereich verlagert. Aktuell bearbeitet eine fünfköpfige Kommission diese Fälle.«

Gegen den Polizisten, der die Verantwortung im Fall des Physiotherapeuten hatte, wurde ein Disziplinarverfahren eingeleitet.

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