Di., 10.09.2019

Für bewusste Auswahl: Forum eröffnet Austausch Kartoffeln oder Lektüre von nebenan

In ihrem Garten in Löhne-Ort hält Jenny Wagner (links, 28) auch eigene Hühner. Über die Facebook-Gruppe ist auch der Kontakt zu Lucienne Knabe (29) aus Porta Westfalica entstanden.

In ihrem Garten in Löhne-Ort hält Jenny Wagner (links, 28) auch eigene Hühner. Über die Facebook-Gruppe ist auch der Kontakt zu Lucienne Knabe (29) aus Porta Westfalica entstanden. Foto: Claus Brand

Von Claus Brand

Löhne/Bad Oeynhausen (WB). Der Wunsch, Lebensmittel bewusst auszuwählen und zu genießen, wird bei vielen Leuten stärker. Einige Frauen aus Bad Oeynhausen, Löhne und Umgebung haben eine Initiative gestartet, die diese Menschen zusammenführt. Auf Facebook ist ein kleiner Marktplatz mit Tipps, Ideen und Anlaufstellen entstanden, wo auch abseits der Supermarktregale regionale und Bio-Produkte erhältlich sind. Manchmal vielleicht sogar im Garten drei Straßen weiter.

Kartoffeln kommen bei Jenny Wagner (28) aus Löhne-Ort aus dem eigenen Garten auf den Tisch. Und dazu vieles mehr, je nach Jahreszeit: von Kürbis, Zucchini, Tomate, Oregano und Feldsalat bis zu Ingwer, Heidelbeeren und gerade ausgesätem Spinat. Und sie schätzt es, ohne weite Wege direkt beim Erzeuger einkaufen zu können, dabei beispielsweise auch einen Blick auf die Tiere werfen zu können.

Im Herbst Walnüsse zum Sammeln

Wo das in ihrem Lebensumfeld geht und um manch andere Fragen rund um Lebensmittel und in der Nähe verfügbare Produkte der Natur geht es in der Facebook-Gruppe »Bio & Regional Connect/ Kreis Minden-Lübbecke«, in der sich heimische Gleichgesinnte zusammengefunden haben. Initiiert hat die Gruppe vor etwa acht Wochen Nicole Ngoni (47) aus Bad Oeynhausen. Mehre hundert Personen, die sich vorher nicht kannten, sind seitdem beigetreten und tauschen sich aus. Wagner: »Es sind Leute dabei, die Fleisch essen, bis hin zum Veganer. Leute, die sich auskennen, oder die erst anfangen, sich mit dem Themenbereich zu beschäftigen.«

»Finde ich hier jemanden, der unsere Pferdeäpfel abnehmen möchte? – Gibt es in unserer Region Felder, auf denen das Gemüse, welches nicht der Norm entspricht, liegen gelassen wird? Und darf das Gemüse abgesammelt werden? – Im Herbst haben wir Walnüsse zum selber aufsammeln – hat jemand Interesse? – Habe ein paar Zucchinis aus dem heimischen Garten abzugeben! – Hat jemand Brombeer- oder Himbeerableger?« Diese Einträge im Gruppenchat beschreiben eine der Grundideen. Initiatorin Nicole Ngoni ist freudig überrascht: »Ich habe schon so viel entdecken dürfen, neben Anbietern – nach denen ich ja hauptsächlich suchte – auch ganz wunderbare Menschen. Ich freue mich besonders, dass so viele neue Ideen entstehen. Es gibt viel zu tun, Nachhaltigkeit, Transparenz braucht Mitmacher, Und die haben wir hier zusammen gesammelt.«

Bei Erzeugern eigenen Eindruck gewinnen

Platz für Missionierung und radikale Ansätze soll in der Gruppe nicht sein. Auf keinen Fall und nie wieder Fleisch essen? Eine solche Position würden Jenny Wagner, Nicole Ngoni und Mitstreiterin Lucienne Knabe (29) aus Porta Westfalica so radikal nicht vertreten. »Wenn wir kochen und meinem Partner danach ist, dann bereiten wir auch Fleisch zu. Das gilt auch für mich«, sagte die 28-Jährige Löhnerin. Aber alles laufe bewusster ab. So freue sie sich auch darauf, mit anderen Mitgliedern der Gruppe die Möglichkeit zu haben, Betriebe von Direkt-Erzeugern zu besuchen und sich vor Ort ein Bild machen zu können. Termine dafür würden über die Gruppe abgestimmt. Jenny Wagner: »So bekommt man noch einmal einen anderen Bezug.« Der Einkauf im Supermarkt nebenan bleibt für sie dennoch Alltag. Die Gruppe diene vor allem dem Austausch.

Nur das zu essen, was die Natur zur jeweiligen Jahreszeit bietet, darin findet sie bei Lucienne Knabe Unterstützung. »Das habe ich als Kind so mitbekommen«, sagt die Krankenschwester, die auf dem Land groß geworden ist und mit ihrem Partner im Ortsteil Veltheim lebt. So schätzt sie es auch, nach dem ersten Auszug von zu Hause, der mit dem Verzicht der zuvor vom Opa mitbetreuten Hühner verbunden war, jetzt auch wieder selbst welche zu haben. Und das ist auch bei Jenny Wagner so. Im Garten hält sie in einem kleinen Hühnerareal fünf.

Altersspektrum reicht von 18 bis 65, vom Studenten bis zum Rentner

Das Altersspektrum der Gruppenmitglieder beschreibt Jenny Wagner so: »Von 18 bis 65, vom Studenten bis zum Rentner.« Ausschlaggebend für sie, sich anzuschließen, sei auch gewesen, dass sie sich schon länger mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftige. »Plastikverzicht und Tierwohl gehören für mich dazu.« Sie achte beim Einkauf darauf, »wo Sachen herkommen.« Dazu passe der Ansatz, direkt beim Erzeuger einzukaufen, oder zu erfahren, »dass jemand gerade viel im Garten übrig hat und etwas zu verschenken oder zu tauschen hat.« Da ging es jüngst auch mal darum, den Kirschbaum zu leeren. Oder es gibt einen Hinweis auf wieder verwertbaren Lesestoff zum kostenlosen Tausch in einer dafür hergerichteten Telefonzelle.

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