Di., 08.10.2019

Therapeut bestreitet den Missbrauch seiner Patientinnen »Kinderpornos waren nur für den Hausgebrauch«

Therapeut Rainer M. mit seiner Verteidigerin Iris Grohmann aus Münster

Therapeut Rainer M. mit seiner Verteidigerin Iris Grohmann aus Münster Foto: Althoff

Von Christian Althoff

Bad Oeynhausen (WB). Es war ein zähes Ringen, bevor Physiotherapeut Rainer M. aus Bad Oeynhausen am dritten Verhandlungstag ein Teilgeständnis ablegte: »Ja, ich habe von Patientinnen Kinderpornofotos gemacht.«

Unter dem Deckmantel, sie zu behandeln, soll Rainer M. (61) acht Mädchen zwischen sechs und zwölf Jahren sexuell missbraucht haben. 44 Fälle sind in der Anklage aufgelistet. Seine Frau Reinhild (62) sitzt mit auf der Anklagebank vor dem Bielefelder Landgericht, weil sie ihrem Mann geholfen haben soll – etwa, indem sie einem verunsicherten Mädchen erklärt haben soll, das Vorgehen ihres Mannes sei in Ordnung.

Der Prozess begann am Montag mit einer 15 Minuten langen Erklärung, die die Verteidigerin Iris Grohmann im Namen ihres Mandanten vorlas. Darin beschrieb der Angeklagte die Behandlung junger Patientinnen, ohne sich detailliert mit den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft auseinanderzusetzen. »Niemals« sei er mit einem Finger in ein Mädchen eingedrungen, erklärte Rainer M. pauschal.

Irritation um Aussage

Zu Irritationen kam es, als die Verteidigerin sagte, ihr Mandant gebe das Herstellen kinderpornografischer Fotos zu , was Rainer M. zurückwies: »Nein, das waren alles therapeutische Fotos.« Er habe die Bilder gemacht, um Mitarbeiterinnen oder Eltern Fehlstellungen etwa des Beckens oder der Wirbelsäule zu erläutern. Darauf sagte Richter Carsten Nabel: »Wir haben hier das Foto eines Mädchens, das nackt mit gespreizten Beinen vor der Kamera sitzt und eine Puppe hält. Nennen Sie das ein Foto zu Therapiezwecken?« Der Angeklagte gab zu, das Bild gemacht zu haben, sagte aber, er wisse nicht mehr, warum. »Ich kann mich nicht erinnern.«

Nach einer Verhandlungspause erklärte die Anwältin, dass Rainer M. das Herstellen der Kinderpornos nunmehr zugebe. » Die Bilder waren aber nur für den Hausgebrauch bestimmt .« Ihr Mandant habe sie nicht weitergegeben oder ins Internet gestellt. Rainer M. wisse, dass das »in Richtung Pädophilie« gehe, aber: »Er kennt seine Grenzen.«

Ungewöhnliche Behandlungsmethoden

Um Grenzen ging es auch, als sich das Gericht mit den Behandlungsmethoden des Therapeuten befasste. Der benutzte häufig ein sogenanntes Arthrostim – ein elektrisches Gerät, das von der Form her an eine Pistole erinnert und nach dem Aufsetzen auf den Körper mechanische Impulse in schneller Folge abgibt. Dieses vibrierende Gerät setzte der Angeklagte Kindern auf die Schambeinfuge, »um einen Beckenfehlstand zu korrigieren«. Das habe gut funktioniert. Er habe den Kindern dabei immer in die Augen gesehen, um zu erkennen, wann es ihnen unangenehm werde und dann aufzuhören.

Richter Carsten Nabel sagte, er habe nirgendwo medizinische Literatur gefunden, in der diese Methode beschrieben sei, und Rainer M. erklärte, sie sei auch »sehr selten« . In Deutschland werde sie vielleicht von acht Therapeuten eingesetzt. »Und wer hat Ihnen das beigebracht?«, wollte der Richter wissen. Da musste der Angeklagte passen. Das sei mal bei einer Fortbildung in Berlin erwähnt worden, sagte er.

Der Therapeut, der sich nach eigenen Angaben auch ehrenamtlich um die Kinder einer Bad Oeynhausener Ballettschule gekümmert hatte, hatte auch sonst eigene Methoden. So kitzelte er zum Schluss der Behandlung seine kleinen Patienten durch, auch 14-jährige Mädchen. »Das war ein Ritual«, sagte er.

Angeklagte Ehefrau will nichts gewusst haben

Der Vorsitzende Richter erklärte, Mädchen hätten bei der Polizei ausgesagt, dass er sie beim Kitzeln auch im Brust- und Intimbereich berührt habe. Worauf der Angeklagte sagte, wenn gekitzelte Kinder sich krümmten, könne es versehentlich zu solchen Berührungen kommen. Ob er sich denn nicht vorstellen könne, dass dieses Kitzeln als übergriffig empfunden werde, fragte der Richter. »Von wem?«, fragte der Angeklagte zurück, und Carsten Nabel nickte: »Das beantwortet meine Frage.«

Die angeklagte Ehefrau, die eine Teilzeitstelle in der Praxis hatte, sagte, sie habe von dem, was ihrem Mann vorgeworfen werde, nichts gewusst . Mit dem Wort Pädophilie, erklärte die 62-jährige Krankenschwester, habe sie bis vor Kurzem überhaupt nichts anfangen können.

Der Prozess wird am 28. Oktober fortgesetzt.

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