Sa., 16.11.2019

WESTFALEN-BLATT-Weihnachtsspendenaktion: Angehörige herzkranker Kinder finden im McDonald-Haus in Bad Oeynhausen ein Zuhause auf Zeit »Wir haben schon 4500 Familien aufgenommen«

Stefanie Kruse leitet seit 2005 das Ronald-McDonald-Elternhaus, das von dem Architekten Frank Gehry entworfen wurde.

Stefanie Kruse leitet seit 2005 das Ronald-McDonald-Elternhaus, das von dem Architekten Frank Gehry entworfen wurde. Foto: Christian Althoff

Bad Oeynhausen (WB). Vor 20 Jahren haben unsere Leser mit 1,8 Millionen Mark den Grundstein für das Ronald-McDonald-Haus an der Kinderherzklinik in Bad Oeynhausen gelegt, 2001 wurde es eröffnet. In diesem Jahr soll der Erlös der WESTFALEN-BLATT-Weihnachtsspendenaktion erneut dem Haus zugute kommen – einem Haus, das sich fast nur durch Spenden trägt. Christian Althoff sprach mit der Leiterin Stefanie Kruse.

Seit 18 Jahren bieten Sie Familien, deren Kinder in der Herzklinik behandelt werden, ein Zuhause auf Zeit. Eine Erfolgsgeschichte?

Stefanie Kruse : Auf jeden Fall! Wir haben seit der Eröffnung etwa 4500 Familien aufgenommen, manche mehrfach. Viele kommen aus Ostwestfalen-Lippe, aber wegen der Expertise der Kinderherzklinik eben auch von weiter her.

Wie viele Zimmer hat das Haus, und wie ist die Auslastung?

Kruse: Wir haben zwölf Appartements, sechs große und sechs kleine. Sie sind übers Jahr gesehen zu 92 Prozent belegt. Die Belegung übernimmt die Kinderherzklinik, und manchmal gibt es sogar eine Warteliste, und Eltern müssen ­vorübergehend in eine Pension.

Spendenkonto

Die WESTFALEN-BLATT-Weihnachtsspendenaktion 2019 unterstützt das Ronald-McDonald-Haus in Bad Oeynhausen. Dort können Familien herzkranker Kinder wohnen, während ihr Kind im Herzzentrum liegt.

Wenn Sie helfen möchten, spenden Sie bitte auf das Konto

DE16 4949 0070 0000 8803 00

Stichwort: Leserspende

Für eine Spendenquittung notieren Sie bitte Ihre Adresse auf dem Überweisungsträger. Spendernamen werden nicht veröffentlicht. Bei Fragen helfen wir Ihnen unter 0521/585254 und spende@westfalen-blatt.de.

Wer wohnt im Elternhaus?

Kruse: Das ist ganz unterschiedlich. Mütter, Väter, Geschwisterkinder, manchmal auch die Großeltern oder andere Verwandte. Man darf im Herzzentrum ja erst mit zwölf Jahren als Besucher auf die Intensivstation. Deshalb werden kleine Geschwister bei uns oft von anderen Familienmitgliedern betreut. An Wochenenden, in den Ferien und an Feiertagen sind meist die kompletten Familien hier. Es gibt ja auch Mütter, bei denen in der Schwangerschaft ein Herzfehler des Babys festgestellt wurde. Die entbinden dann hier im Krankenhaus Bad Oeynhausen, das Baby kommt sofort ins Herzzentrum, und die Mutter zieht hier ein.

Wie lange bleiben die Familien?

Kruse: Im Durchschnitt 21 Tage, aber die Bandbreite ist sehr groß. Eine Familie war 589 Tage bei uns. Zu so langen Aufenthalten kommt es vor allem, wenn ein schwerkrankes Kind in der Herzklinik auf ein Spenderorgan wartet und so schwach ist, dass es nicht mehr nach Hause kann.

Wie ist der Tagesablauf der Eltern?

Kruse: Ein Teil der Familie verbringt meistens den ganzen Tag im Krankenhaus, während der andere etwas mit den Geschwistern unternimmt. Wir haben eine große Gemeinschaftsküche, in der die Familien für sich und manchmal auch für andere kochen. Zweimal in der Woche kümmern wir uns ums Essen: Dienstag gibt es ein gemeinsames Frühstück und donnerstags ein gemeinsames Abendessen. Das wird manchmal von Firmen gesponsert, die als teambildende Maßnahme in unserer großen Küche brutzeln und dann die Familien verwöhnen.

Ziehen sich die Eltern in ihre Zimmern zurück, oder hilft ihnen der Kontakt zu Familien mit ähnlichen Geschichten?

Kruse: Die emotionale Belastung der Eltern ist schon sehr groß, und deshalb ist es gut, dass sie hier auf Gleichgesinnte treffen. Sie fühlen sich verstanden und sie können sich austauschen. Ich denke, in einem Hotel würde ihnen irgendwann die Decke auf den Kopf fallen. Viele Familien haben sich hier so wohl gefühlt, dass sie uns immer mal wieder besuchen oder zu unserem Sommerfest kommen.

Wie viele Menschen arbeiten im Elternhaus?

Kruse: Wir haben zwei Vollzeitkräfte, das sind meine Assistentin Mareike Hohmeyer und ich. Außerdem gehört unsere teilzeitbeschäftigte Hauswirtschafterin Simone Hebrok zum festen Team. Darüber hinaus haben wir 30 ehrenamtliche Mitarbeiter, darunter sieben Männer. Die Ehrenamtler sind jeweils drei Stunden pro Woche hier, denn wir machen alles selbst: Wäschewaschen, kochen, putzen, den Garten... Manche Ehrenamtliche nehmen lange Anfahrten in Kauf, zum Beispiel aus Paderborn.

Was motiviert sie?

Kruse: Unterschiedlich. Manche möchten der Gesellschaft etwas zurückgeben, andere haben vielleicht selbst eine Krankengeschichte erlebt und ahnen, wie es den Eltern geht.

Wie finanziert sich das Elternhaus?

Kruse: Fast ausschließlich mit Spenden aus der Region. Die Krankenkassen der herzkranken Kinder zahlen pro Zimmer und Übernachtung 22,50 Euro. Damit kann man so eine Einrichtung natürlich nicht betreiben. Es gibt Firmen, die für 2000 Euro im Jahr die Patenschaft für ein Zimmer übernehmen. Das hilft uns natürlich sehr, aber es reicht nicht. Spenden einzuwerben gehört zu meinen Aufgaben. Dieser tägliche Spagat zwischen wirtschaftlichen Notwendigkeiten und sozialem Engagement macht aber auch den Reiz meiner Arbeit aus.

Leider geht ja nicht jede Krankengeschichte gut aus, und manchmal sterben auch Kinder. Wie ist das, wenn sich so eine Nachricht im Elternhaus verbreitet?

Kruse: Ganz schlimm. Es zieht alle runter. Das ist ja auch menschlich. Die Familie verlässt uns dann natürlich ad hoc, und dann fließen Tränen. Wir halten aber noch ein Jahr lang den Kontakt, damit die Eltern wissen, dass wir in Gedanken bei ihnen sind. Und wenn die Eltern das möchten, organisieren wir zusammen mit der Kinderherzklinik eine Erinnerungsfeier. Manche trauernde Eltern kommen sogar zu unserem Sommerfest, weil sie sagen, die Zeit hier sei zwar ihre schlimmste Zeit gewesen, aber auch ihre intensivste mit dem Kind.

Was war der emotionalste Moment, an den Sie sich erinnern?

Kruse: Natürlich ist es immer eine Glücksmoment, wenn Familien nach erfolgreicher Behandlung freudestrahlend vor uns stehen, weil sie endlich mit ihrem gesunden Kind nach Hause fahren können. Aber es gibt auch eine berührende Geschichte, die ich nie vergessen werde. Vor Jahren war Heiligabend ein ein Jahr alter Junge gestorben, Marlon. Das hat natürlich gerade zu Weihnachten alle mitgenommen, und entsprechend niedergeschlagen war die Stimmung. In dieser Situation kam ein vierjähriges Mädchen aus einer anderen Familie zu mir und sagte: ›Du, Frau Kruse, weißt Du was? Du musst nicht traurig sein, dass der Marlon im Himmel ist. Der hilft jetzt dem Weihnachtsmann mit den vielen Geschenken!‹ An diese Begebenheit muss ich immer denken, wenn es hier mal etwas schwieriger ist. Ich versuche dann, Dinge mit den Augen eines Kindes zu sehen, und das kann sehr tröstend sein.«

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