Leitender Mitarbeiter des Wittekindshof soll jungen Mann aus Rheda-Wiedenbrück in Einrichtung weggesperrt haben – Diakonische Stiftung gibt Erklärung ab
Vorwurf der Freiheitsberaubung: Diakon (55) suspendiert

Bad Oeynhausen (WB). Nach einer Razzia Anfang Oktober und Untersuchungen der Staatsanwaltschaft Bielefeld hat der Wittekindshof in Bad Oeynhausen einen leitenden Mitarbeiter suspendiert. Gegen den 55-jährigen Mann besteht der Verdacht der Freiheitsberaubung, die Ermittlungen laufen. Die Diakonische Stiftung gab am Samstagvormittag eine Erklärung ab.

Samstag, 07.12.2019, 10:22 Uhr aktualisiert: 07.12.2019, 11:44 Uhr
Bei der Razzia Anfang Oktober kamen die Ermittler der Polizei Minden-Lübbecke und der Staatsanwaltschaft Bielefeld aufgrund der besonderen Umstände in Zivilkleidung zum Wittekindshof nach Bad Oeynhausen. Dort durchsuchten sie den Geschäftsbereich 4. Foto: Rajkumar Mukherjee
Bei der Razzia Anfang Oktober kamen die Ermittler der Polizei Minden-Lübbecke und der Staatsanwaltschaft Bielefeld aufgrund der besonderen Umstände in Zivilkleidung zum Wittekindshof nach Bad Oeynhausen. Dort durchsuchten sie den Geschäftsbereich 4. Foto: Rajkumar Mukherjee

55-jähriger Mitarbeiter soll Bewohner isoliert und fixiert haben

Dem Diakon wird vorgeworfen, im Bereich der „Heilpädagogischen Intensivbetreuung“ der Einrichtungen Bewohner über einen längeren Zeitraum in ihrem Zimmer eingeschlossen und in einem weiteren extra hierfür eingerichteten Raum fixiert zu haben. Das soll geschehen sein, ohne dass ein richterlicher Beschluss vorlag. Die Staatsanwaltschaft Bielefeld ermittelt bereits seit Anfang Oktober gegen den Leiter des Geschäftsbereichs 4.

Reaktion des Wittekindshof

Da die umfangreichen Ermittlungen „eine enorme Belastung für den gesamten Geschäftsbereich“ darstellen würden, so der Wittekindshof am Samstag in einer Mitteilung (siehe unten), sei der „betroffene Kollege unter Fortzahlung der vertraglich vereinbarten Bezüge freigestellt und von seinen Aufgaben entbunden“ worden. „Zwei erfahrene Kollegen aus anderen Geschäftsbereichen sind mit der Leitung beauftragt. Diese Kollegen sind dabei, die vorhandenen Strukturen zu prüfen und alle Maßnahmen vor dem Hintergrund der Vorwürfe bewusst zu hinterfragen“, sagte Vorstandssprecher Pfarrer Prof. Dr. Dierk Starnitzke.

Polizeieinsatz am 1. Oktober

Rückblick: Am 1. Oktober hatte es einen Polizeieinsatz auf dem Wittekindshof in Bad Oeynhausen gegeben: Ermittler aus dem Kreis Minden-Lübbecke und der Staatsanwaltschaft Bielefeld hatten mit 70 Kräften in einer zehnstündigen Aktion Teile des Geländes im Ortsteil Volmerdingsen durchsucht. Dabei sind Akten und Datenträger sichergestellt worden, die von der elfköpfigen Sonderkommission »Herbst« ausgewertet werden. Zudem seien Mitarbeiter, Bewohner und Angehörige vernommen worden. Der Staatsanwalt Christoph York sagte damals : »Mit einer ersten Bilanz ist erst in drei Monaten zu rechnen«, sagt der Staatsanwalt.

Fall kam im Mai ans Licht

Der Fall war an die Öffentlichkeit gekommen, nachdem der Gütersloher Rechtsanwalt Martin Rother Mitte Mai schwere Vorwürfe gegenüber der Diakonischen Stiftung Wittekindshof in Bad Oeynhausen erhoben hatte. Sein Mandant Pascal Glöh (28) soll über Monate als Bewohner der Einrichtung eine Tortur erlebt haben. 24-Stunden-Fixierung, verriegeltes Zimmer, überdosierte Medikamente, seltene Toilettengänge – schließlich stellte die Schwester von Pascal Glöh als gesetzliche Betreuerin Strafanzeige gegen die Oeyhausener Einrichtung wegen Freiheitsberaubung, Misshandlung von Schutzbefohlenen und Beleidigung. Anwalt Rother erklärte damals: »Sollte sich das alles bewahrheiten, dann ist das ein riesiger Skandal.«

Mitteilung des Wittekindshof im Wortlaut

Die Diakonische Einrichtung Wittekindshof in Bad Oeynhausen hat sich am Samstagvormittag mit einem Statement geäußert. Hier die Mitteilung im Wortlaut:

„Seit Beginn der Ermittlungen beschäftigen wir uns intern mit den Vorwürfen der Familie Glöh, von denen wir selbst erst von den Medien erfahren haben. Vorwürfe anderer Personen sind uns bislang nicht bekannt. Im Fall Glöh ist der Anfangsverdacht offenbar so schwerwiegend, dass Polizei und Staatsanwaltschaft am 1. Oktober eine umfangreiche Durchsuchung des Geschäftsbereiches 4 durchgeführt haben. Grundlage war ein Anfangsverdacht gegen den Geschäftsbereichsleiter wegen Freiheitsberaubung. Die Lebensverhältnisse aller 135 Klientinnen und Klienten im Geschäftsbereich wurden bei dieser Durchsuchung geprüft und es wurden keine Unregelmäßigkeiten festgestellt. Seitdem werden die beschlagnahmten Daten ausgewertet, und es werden zahlreiche Zeugen befragt, unter ihnen auch ehemalige Mitarbeitende der Diakonische Stiftung Wittekindshof.

Der Wittekindshof unterstützt weiterhin vorbehaltlos die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft. Die umfangreichen Ermittlungen stellen allerdings eine enorme Belastung für den gesamten Geschäftsbereich dar. Deshalb ist der betroffene Kollege unter Fortzahlung der vertraglich vereinbarten Bezüge freigestellt und von seinen Aufgaben entbunden. Zwei erfahrene Kollegen aus anderen Geschäftsbereichen sind mit der Leitung beauftragt. Diese Kollegen sind dabei, die vorhandenen Strukturen zu prüfen und alle Maßnahmen vor dem Hintergrund der Vorwürfe bewusst zu hinterfragen“, sagt Vorstandssprecher Pfarrer Prof. Dr. Dierk Starnitzke.

Die 1887 gegründete Stiftung Wittekindshof mit Sitz in Bad Oeynhausen unterstützt nach eigenen Angaben jährlich rund 5.000 Kinder, Jugendliche und Erwachsen mit Behinderung sowie seelischen und psychischen Erkrankungen in den Regionen Ostwestfalen, Münsterland und im Ruhrgebiet. In NRW unterhält die Stiftung aktuell über 100 Einrichtungen in 16 Städten.

 

 

 

 

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7116216?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198399%2F2516044%2F
Wieder von Paderborn nach Mallorca
Aus Sicht von Geschäftsführer Marc Cezanne ist die Wiederbelebung der Eurowings-Flüge nach Paderborn ein wichtiges Signal. Foto: Hannemann
Nachrichten-Ticker