Mo., 17.02.2020

Theater im Park: Ensemble „theaterlust“ begeistert mit Kriminalkomödie „Acht Frauen“ „Wir meistern jede Katastrophe“

Der Patriarch ist tot - Entsetzen unter den Damen des Hauses, die alle auf ihre Weise mit ihm ihre “Geschichte” hatten. Nach der Pause stellt sich heraus: Patriarch Marcel ist nicht tot, er stellt sich nur tot, um zu sehen, was „seine Frauen“ dazu sagen würden.

Der Patriarch ist tot - Entsetzen unter den Damen des Hauses, die alle auf ihre Weise mit ihm ihre “Geschichte” hatten. Nach der Pause stellt sich heraus: Patriarch Marcel ist nicht tot, er stellt sich nur tot, um zu sehen, was „seine Frauen“ dazu sagen würden.

Von Gabriela Peschke

Bad Oeynhausen (WB). Acht Frauen kreisen um einen Hyperpatriarchen. Dieser ist jedoch vermeintlich ermordet worden. Auf die Schockstarre folgt, in feinen Windungen ausgearbeitet, eine Selbstbespiegelung der Damen in ihren Rollen und Abhängigkeiten.

Da hat das Ensemble aus München seinem Namen alle Ehre gemacht: Was „theaterlust“ am Freitagabend vor vollem Haus gezeigt hat, war die reine Lust es anzuschauen. Einerseits eine vortrefflich unterhaltsame Kriminalkomödie, die mit pointiertem Witz, mit Selbstironie und manch überraschender Wendung den Spannungsbogen zu führen und die Zuschauer in Atem zu halten wusste.

Andererseits: Was die acht Darstellerinnen, allesamt über die eine oder andere „Liaison“ mit dem vermeintlich Ermordeten verbunden, vor den Zuschauern nach und nach auffalten, ist eine Charakterstudie ersten Ranges.

Fragen auf zur gesellschaftlichen Situation der Frau in den 1950er Jahren

Damen jeden Alters und gesellschaftlicher Position, von der Großmutter bis zur Stieftochter, vom Zimmermädchen bis zur bourgeoisen Gattin, sie alle haben von dem Patriarchen „profitiert“: von seinem Geld, seiner Macht, seinem Ansehen. Von seiner Zuwendung, seiner Leidenschaft.

Und jetzt, da Marcel offenbar ermordet im verborgenen Hinterzimmer liegt, finden sie sich ihrer Rollen beraubt. Oder war es gar umgekehrt: Hat Marcel, dieser skrupellose Drahtzieher, sie alle gegeneinander ausgespielt, heimlich eine jede auf andere Weise „benutzt“?

Hinter einer humorvollen Kulisse wirft das Stück nach der Vorlage des Franzosen Robert Thomas elementare Fragen auf zur gesellschaftlichen Situation der Frau in den 1950er Jahren.

Erzählt wird von einem großbürgerlichen Szenario in den klischeehaften Rollen: Der begüterte Marcel ist vermeintlich in einer finanziellen Notlage. Seine geizige Mutter (Christa Pillmann) verweigert ihm ihr geheimes Aktienpaket.

Die biedere Haushälterin mit amourösen Neigungen

Die hochkorrekte Gattin (Gabriele Graf) zieht ihm einen Liebhaber vor, das kokette Zimmermädchen (Dagny Dewath) indes erfüllt ihm seine geheimsten Wünsche. Und dann sind da noch die heftig pubertierende eigene Tochter (Anuschka Tochtermann) sowie die Stieftochter (Marget Flach), offenbar schwanger von Marcel.

Die biedere Haushälterin (Eva Wittenzellner) mit amourösen Neigungen zum gleichen Geschlecht und die infantil-verklemmte Schwägerin des Patriarchen (Anja Klawun) runden das Szenario ab – bis zum plötzlichen Erscheinen von Marcels Schwester (Genoveva Mayer), der emanzipierten „femme fatale“.

Sie alle, diese acht Frauen, hätten ihr ureigenes Mordmotiv gehabt. Abgeschottet von der Außenwelt kann kein Inspektor das Geheimnis lüften, und so bezichtigen sie einander, zerfleischen sich mit Vorwürfen, immer bereit die andere in den Abgrund zu stoßen. Doch halt: Hatte man bis weit nach der Pause noch geglaubt, die „Hauptverdächtige“ erraten zu können, drehte sich der Wind und blies dem Publikum die harsche Wahrheit ins Gesicht: Marcel ist nicht tot, er stellt sich nur tot - um zu sehen, was „seine Frauen“ wohl dazu sagen würden…

Stück mit mehr als einer Prise Gesellschaftskritik

Eine geschickt eingefädelte Intrige, unter Federführung der einzigen Frau, die echtes Mitgefühl für den allseits ausgenutzten Patriarchen hat: von der eigenen Tochter. Anuschka Tochtermann spielt dieses ruppig-trotzige Mädchen mit einer liebenswerten Wucht; bei der „Enthüllung“ des vermeintlichen Mordes steht ihr die Freude über den geglückten Plan ins Gesicht geschrieben. Doch: Am Ende kommt alles noch einmal ganz anders…

„Wir meistern jede Katastrophe – mit weiblichem Instinkt“, singen die acht Frauen am Ende. Es klingt wie eine Hymne auf die wechselvollen Rollen, die in diesem Stück durchlebt werden und die offenbar nie endgültig sind. Denn bereits im Lauf der Handlung hatten gezielt eingeflochtene Gesangssoli (Texte Susanne Lütje und Anne X. Weber, Vertonung Franz Wittenbrink) die Ambivalenz der Charaktere „freigeschaltet“ – und dem Zuschauer dadurch einen zusätzlichen Blick auf die nuancierten Persönlichkeiten eröffnet.

Ein großartiges Stück mit mehr als einer Prise Gesellschaftskritik, temporeich im Theater im Park auf die Bühne gebracht und mit einem gehörigem Nachhall beim Publikum.

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