Wie Ärzte im NRW-Herzzentrum in Bad Oeynhausen mit der Flut neuer Veröffentlichungen umgehen
Die tägliche Corona-Studie

Bad Oeynhausen (WB). Die Corona-Pandemie stellt Ärzte nicht nur bei der Behandlung von Schwerkranken vor Herausforderungen. Sie verlangt von ihnen auch, sich nahezu täglich mit neuen Studien auseinanderzusetzen.

Montag, 15.06.2020, 03:48 Uhr aktualisiert: 15.06.2020, 05:01 Uhr
Zweimal in der Woche nimmt Prof. Jan Gummert an Telefonkonferenzen der Deutschen Transplantationsgesellschaft teil, um Auswirkungen der Pandemie auf Spender und Empfänger zu diskutieren, und er liest und bewertet aktuelle Studien. Foto: Malte Samtenschnieder
Zweimal in der Woche nimmt Prof. Jan Gummert an Telefonkonferenzen der Deutschen Transplantationsgesellschaft teil, um Auswirkungen der Pandemie auf Spender und Empfänger zu diskutieren, und er liest und bewertet aktuelle Studien. Foto: Malte Samtenschnieder

„Das ist hochspannend”, sagt Prof. Jan Gummert, der Ärztliche Direktor des NRW-Herz- und Diabeteszentrums in Bad Oeynhausen. Mediziner finden neue Studien über spezielle Suchmaschinen wie „PubMed”, oder sie erfahren von Kollegen von interessanten Veröffentlichungen. „Vor allem aus Fallberichten erhoffen wir uns Hinweise darauf, wie Corona-Patienten gut behandelt werden können. Wir wollen ein Gefühl für den Krankheitsverlauf bekommen, um Fragen etwa nach dem richtigen Zeitpunkt der Beatmung beantworten zu können.” Dabei bedürfe es der naturwissenschaftlichen Ausbildung der Ärzte, um bei der Vielzahl der Studien die Spreu vom Weizen zu trennen. „Wenn ich auf eine Corona-Studie stoße, die nicht mein Fachgebiet betrifft, diskutiere ich sie mit den entsprechenden Fachleuten, zum Beispiel unserem Lungenspezialisten oder unserem Hygieniker.”

Nie zuvor habe er erlebt, dass in so kurzer Zeit so viele Studien zu einem Thema veröffentlicht werden, sagt der Herzchirurg. Viele seien allerdings Vorveröffentlichungen und noch nicht von anderen Forschern geprüft. „Wenn man eine Studie bei einem wissenschaftlichen Journal einreicht, legt die Redaktion sie in anonymisierter Form drei oder vier Kollegen vor. Die prüfen unter anderem die Methodik und geben vielleicht Verbesserungshinweise. Bis das Journal die Arbeit veröffentlicht, vergehen etwa sechs Monate.” Untersuche man die Wirkung von Medikamenten, könne es bis zur Publizierung auch bis zu drei Jahre dauern.

„Ein bemerkenswerter Vorgang“

„Das geht jetzt alles viel schneller, weil wir das Virus nicht kennen und uns jede Information weiterhelfen kann. Aber natürlich muss man wachsam sein”, sagt Prof. Gummert. So sei eine Corona-Studie, die angeblich auf 96.000 Patientendatensätzen beruhte und nach der das Malariamedikament Hydroxychloroquin möglicherweise die Sterblichkeit von Corona-Patienten erhöhen sollte, Anfang Juni von der Fachzeitschrift „The Lancet” zurückgezogen worden. Prof. Gummert: „Das war für die Wissenschaftsgemeinschaft schon ein bemerkenswerter Vorgang.” Inzwischen gibt es Hinweise darauf, dass das Un­ternehmen, das den Forschern die 96.000 Patientendatensätze geliefert hatte, gar keinen Zugriff auf so viele Daten gehabt haben soll. Prof. Gummert: „Die angebliche Gefahr, die von Hydroxychloroquin ausgehen sollte, scheint also nicht bewiesen zu sein.”

Gut sei, dass die vielen Studien zu Corona allen Ärzten zugänglich seien, sagt der Herzchirurg. „Das ist nicht immer so. Im Gegensatz zu Unikliniken können sich viele kleinere Krankenhäuser Abonnements von Fachzeitschriften nicht immer leisten. Ich begrüße, dass im Moment jeder an diese wichtigen Informationen kommt. Und man fragt sich, warum das im Interesse der Patienten nicht immer so sein kann.”

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