„Kulturbühne“ – Folge 1 mit Bildhauerin Astrid Mulch
Kreativität als Lebenselixier: „Kunst ist existenziell“

Bad Oeynhausen (WB). Corona hat die Kunst im „Würgegriff“, findet Astrid Mulch. Denn durch die erzwungenen Reduktionen im kulturschaffenden Sektor fehle es den Menschen an Gelegenheiten, „seelisch auszuatmen“. Ein klares Bekenntnis zur Wertigkeit künstlerischen Schaffens – und eine Hoffnung auf mehr öffentliche Wahrnehmung.

Donnerstag, 09.07.2020, 11:22 Uhr aktualisiert: 09.07.2020, 11:24 Uhr
„Corona“ heißt sie, die neue Sitzfigur von Astrid Mulch. Doch hier liegt sie – seit März, denn sie musste für den Ofenbrand geteilt werden. Die Bildhauerin sagt: „Der Mensch braucht die Kunst zur seelischen Stabilisierung.“ Foto: Gabriela Peschke
„Corona“ heißt sie, die neue Sitzfigur von Astrid Mulch. Doch hier liegt sie – seit März, denn sie musste für den Ofenbrand geteilt werden. Die Bildhauerin sagt: „Der Mensch braucht die Kunst zur seelischen Stabilisierung.“ Foto: Gabriela Peschke

Astrid Mulch ist eine „Instanz“ in der Stadt. Das behauptet sie nicht selbst über sich, dafür wäre sie zu bescheiden. Aber andere sagen das. Zum Beispiel jene, die ihre Objekte im öffentlichen Raum schätzen. Ruth Winnegard (69) ist eine von ihnen. Die pensionierte Lehrerin sitzt oft in der Auferstehungskirche neben der „Erwartung“, einer lebensgroßen Skulptur der Bildhauerin.

„Kunst vitalisiert den öffentlichen Raum“, sagt sie – und freut sich, „dass die Kirche dafür Wertschätzung aufbringt“. Die Gemeinde hatte die Figur nach der Ausstellung „Mein Platz“ 2014 angekauft. Das Lob freut Astrid Mulch. „Anders als Künstler auf der Bühne spüren wir ja nicht durch den unmittelbaren Applaus, wie unser Publikum uns aufnimmt“, sagt sie. Öffentliche Resonanz bedeutet ihr viel, auch wenn sie verzögert zu ihr durchdringt – und zwangsläufig ohne materiellen Bonus ausfällt.

Seit 20 Jahren Selbstständig

Behutsam arrangiert die 54-Jährige in ihrer Werkstatt ihr jüngstes Objekt: „Corona“ heißt die Figur, die anlässlich der Krise im März begonnen wurde und den lateinischen Namen trägt, der eigentlich „Krone“ bedeutet. Im kleinen Holzatelier im Garten ihres Elternhauses stehen viele Frauenfiguren aus Bronze, Terrakotta und Gips. Dicht an dicht. Große und kleine, fertige und rudimentäre.

Holzwolle, Stuckpulver und Styropor auf dem Boden, Farbeimer entlang der Wände. Die Tür ist offen, der Duft der Rosenbüsche streift in den Werkraum. Rund 30.000 Euro Kunstwert sind hier versammelt, „ausgehfertig“, wie sie sagt. Denn ihre Objekte werden in der Regel weitergereicht in Ausstellungen und an ihren Galerievertreter.

Doch das Kunstgeschehen stagniert seit Monaten. Anders als bei Kulturschaffenden, deren Arrangements derzeit gekündigt werden, lebt Astrid Mulch grundsätzlich mit einer schwankenden Auftragslage. Und die ist fast immer am Limit. „Ausstellungen werden heutzutage nicht mehr vergütet.

Im Gegenteil: Man zahlt sogar mit der Versicherung und den Spesen noch drauf“, sagt sie. Und trotzdem investiert sie in der Regel sechs bis zwölf Monate Vorarbeit. Seit 20 Jahren kämpft sie sich als Selbstständige durch. Ihre einzige Stütze ist ein Galerievertrag. Seit kurzem sind Galerien wieder geöffnet. Doch aktuell verkauft ist noch keines ihrer Objekte.

Ist Kunst Luxus?

Damit sie „über die Runden kommt“, betreut sie eine Tonwerkstatt für Patienten in der Klinik am Korso. „Früher war die Kunst das Hauptgeschäft und man suchte sich ein ‚Zubrot‘. Aktuell ist es eher andersherum“, sagt sie. Trotz namhafter Ausstellungen im In- und Ausland, trotz lukrativer Einzelverkäufe liegt ihr Einkommen unter der Mehrwertsteuer-Pflichtgrenze. Zum Vergleich: In dieser Verdienstgruppe werden Beiträge an öffentliche Einrichtungen (Beispiel Kitas) aus sozialen Gründen noch gar nicht eingefordert.

„Manche Kollegen kommen trotz Subvention aktuell nicht um die Kurve. Am Ende wartet ein Hartz-IV-Antrag“, berichtet sie. Entwürdigend findet sie das. Kunst sei doch kein Luxus. „Kunst hält den Menschen im Leben. Wir sind im Alltag so durchdekliniert, so verkopft, dass wir die Kunst zur seelischen Stabilisierung brauchen“. Astrid Mulch steht inmitten von Stahlgestängen und Stuckgips, die Arme in die Hüften gestützt: „Die Gesellschaft darf nicht zulassen, dass die Kunst dahinstirbt“, fordert sie. Und legt freudig nach, dass man in der Kurstadt über eine Skulptur zu Ehren von Alexander von Humboldt nachdenkt – trotz Corona.

Der Ablauf der Kulturbühne

Bis Ende November stellt das WESTFALEN-BLATT in Zusammenarbeit mit der Sparkasse Bad Oeynhausen-Porta Westfalica jeweils donnerstags einen Künstler vor, je sieben aus den Kategorien „Künstler im Hauptberuf“ , „Nachwuchs“ und „ehrenamtliche Kunst auf Vereinsebene“ . Die Leser können den jeweiligen Künstler bis zum Sonntag nach Veröffentlichung des Beitrages durch einen Anruf über eine Hotline unterstützen. Unter allen Anrufern werden pro Folge ein Mal zwei Karten für eine Vorstellung im GOP-Varieté verlost.

Im Dezember stellt die Redaktion die drei Künstler jeder Kategorie nochmals im Kurzportrait vor, die die meisten Anrufe erhalten haben. Dann besteht erneut die Möglichkeit, für diese Künstler über eine Gewinn-Hotline anzurufen. Die Zahl der Anrufe entscheidet über die Vergabe der Preisgelder (pro Kategorie). Sie sollen 2021 übergeben werden, in dieser Verteilung: „Künstler im Hauptberuf“ : 1. Preis 1500 Euro, 2. Preis 1000 Euro, 3. Preis: 500 Euro; „Nachwuchs“ und „ehrenamtliche Kunst auf Vereinsebene“ : 1. Preis je 750 Euro, 2. Preis je 500 Euro, 3. Preis je 250 Euro.

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