Wie ein 92-Jähriger den Corona-Shutdown im Seniorenzentrum Bethel erlebte
„Ein einschneidendes Erlebnis“

Bad Oeynhausen (WB). „Ich bin kein Stubenhocker, gehe gerne raus und treffe meine Töchter“, sagt Peter Pinske. Die Corona-Ausgangsbeschränkungen haben dem 92-jährigen Senior daher sehr zu schaffen gemacht. Um den Senioren trotzdem Kontakt mit der Familie zu ermöglichen, hat das Seniorenzentrum Bethel zum Beispiel auf die Nutzung moderner Medien zurückgegriffen.

Samstag, 18.07.2020, 07:00 Uhr
Peter Pinske (92, links) ist froh, dass die Wochen der Abschottung vorbei sind. Auch der stellvertretende Pflegedienstleiter Maik Detert freut sich, dass die Bewohner des Seniorenzentrums Bethel wieder Besuch empfangen dürfen. Foto: Lydia Böhne
Peter Pinske (92, links) ist froh, dass die Wochen der Abschottung vorbei sind. Auch der stellvertretende Pflegedienstleiter Maik Detert freut sich, dass die Bewohner des Seniorenzentrums Bethel wieder Besuch empfangen dürfen. Foto: Lydia Böhne

„Es ging mir nicht gut damit, zuhause zu bleiben“, sagt Peter Pinske. Seit mehr als zwei Jahren lebt der 92-Jährige im Seniorenzentrum Bethel, bekommt oft Besuch von seinen Töchtern. Auch den Besuch von Gesellschafterinnen, die mit den Senioren spielen, genießt der Senior. Lieb gewonnene Ereignisse, die während Corona plötzlich weggefallen sind und schmerzlich vermisst wurden. Um die Bewohner zu schützen hat sich das Seniorenzentrum ähnlich wie andere Einrichtungen abgeschottet und den Besuch von außerhalb eingestellt. „Auch wenn ich meine Töchter gerne gesehen hätte – wir haben dann einfach viel telefoniert“, sagt Peter Pinske und zieht sein Handy aus der Brusttasche seines Hemds.

Digitaler Kontakt

So gut vernetzt, wie der 92-Jährige ist allerdings nicht jeder der 165 Bewohner. „Deshalb haben wir ein neues Fenstertelefon, bei dem die Gesprächspartner nur durch die Fensterscheibe getrennt sind, eingerichtet und iPads besorgt, damit die Senioren mit ihren Angehörigen skypen können“, berichtet Maik Detert. Eine Alternative, die laut des stellvertretenden Pflegedienstleiters gut funktioniert habe.

„Für die Senioren war es ein einschneidendes Erlebnis, das mit einer Aussichtslosigkeit verbunden war“, sagt Maik Detert. Der Umgang damit sei auch für die Pflegekräfte keine leichte Aufgabe gewesen, berichtet Detert: „Wir konnten ihnen ja kein Datum nennen, von dem an Besserung eintritt. Immer wieder ‚Nein‘ sagen zu müssen, tut weh und nimmt allen irgendwann den Mut.“

Kleinere Spaziergänge

Wenigstens in der Einrichtung und auf dem Außengelände konnten sich die Senioren frei bewegen. So waren kleinere Spaziergänge oder Besuche untereinander möglich. „Manche haben die Ruhe aber auch genossen“, sagt Maik Detert. Nur wenige Senioren hätten laut der stellvertretenden Pflegedienstleitung Angst vor dem Virus gehabt und seien freiwillig auf ihrem Zimmer geblieben. Angst habe Peter Pinske nicht empfunden, wie er sagt: „Wenn es passiert, sind wir sowieso dran.“ Die erste Besserung im Mai rund um Muttertag sei mit einer riesigen Freudenwelle verbunden gewesen, berichtet Maik Detert.

Im Garten aufgestellte Pavillons boten die Möglichkeit, auf Abstand mit den Angehörigen zu sprechen. Inzwischen darf der Besuch auch ins Seniorenzentrum. Fußpflege, Friseur, Ergotherapie - der Alltag im Seniorenzentrum nimmt wieder seinen Lauf. Maik Detert wartet sehnsüchtig auf eine weitere Verbesserung: Die Abnahme des Mund- und NaseSchutzes. „Viele Senioren, die neu zu uns gekommen sind, kennen bis jetzt nur unser halbes Gesicht“, sagt der stellvertretende Pflegedienstleiter mit einem Lachen.

Es wird gebaut

Das Seniorenzentrum steckt mitten in einer Bauphase. Um die vom Gesetzgeber geforderte Einzelzimmerquote von 80 Prozent zu erreichen, hat das Diakoniewerk Bethel mit Sitz in Berlin für eine Investitionssumme von 16 Millionen Euro mehrere Baumaßnahmen in Auftrag gegeben. Die Anzahl der Betten bleibt bei 187, die Einzelzimmerquote erhöht sich sogar auf 97 Prozent. Der erste Bauabschnitt, ein Neubau über fünf Etagen, ist bereits fertiggestellt. Der zweite Abschnitt wird im Herbst finalisiert und der letzte Abschnitt voraussichtlich im Sommer 2021 beendet. Der Zeitplan könnte sich Corona-bedingt verschieben. „Wir mussten leider Handwerker aus dem Kreis Gütersloh zurückschicken“, sagt Joachim Knollmann. Um sicher zu gehen, wird nicht nur beim Pflegepersonal täglich Fieber gemessen, auch bei den Handwerkern.

Nicht nur Verständnis

Angehörige, die ihre Liebsten nicht sehen dürfen – da können die Emotionen auch mal hochkochen. In vielen Fällen wurden die Mitarbeiter des Seniorenzentrums Bethel zum ersten Prellbock dieser Gefühlsentladung. „Viele hatten Verständnis und waren dankbar, dass wir die Senioren schützen, aber manche waren sauer oder wussten es im Zweifel besser“, berichtet in diesem Zusammenhang der stellvertretende Pflegedienstleiter Maik Detert. Leid tut das Joachim Knollmann. „Es ist doch paradox, dass die Pflegekräfte auf der einen Seite beklatscht und dann so niedergebügelt werden“, ärgert sich der Hauptgeschäftsführer des Seniorenzentrums. „Wir stehen als Einrichtung in der Verantwortung, da macht man sich keine Freunde“, ergänzt Joachim Knollmann.

Angehörige seien sogar über Zäune geklettert, um die Maßnahmen zu umgehen. Was romantisch klingt, hilft in der Realität aber niemandem: „Es geht hier um Menschenleben. Die Bewohner sind wie eine Familie und die schütze ich um jeden Preis“, stellt Joachim Knollmann klar. Um den Angehörigen entgegenzukommen, habe man einen Newsletter per Mail eingerichtet, der über alle Geschehnisse rund um das Seniorenzentrum informiert.

 

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