Wittekindshof: In Talkergruppen lernen Menschen den Umgang mit Sprachcomputern
Symbole statt Vokabeln pauken

Bad Oeynhausen (WB). „Du bist ein Quatschkopf“, ertönt aus dem Sprachcomputer, und Marcel Diekmann lacht laut. Mit diesem Spruch gibt er seinem redefreudigen Arbeitskollegen immer mal wieder Contra. Diekmann kommuniziert kaum mit Worten. Er ist einer von vielen Menschen mit Behinderung, die digitale Kommunikationshilfen – sogenannte Talker – als Alternative zur Sprache nutzen.

Donnerstag, 30.07.2020, 05:00 Uhr
Der Gebrauch eines Talkers muss regelmäßig geübt werden. Es ist mit dem Erlernen einer Fremdsprache zu vergleichen. Es werden keine Vokabeln, aber Symbole gelernt. Foto: Jaqueline Patzer
Der Gebrauch eines Talkers muss regelmäßig geübt werden. Es ist mit dem Erlernen einer Fremdsprache zu vergleichen. Es werden keine Vokabeln, aber Symbole gelernt. Foto: Jaqueline Patzer

Marcel Diekmann arbeitet in den Wittekindshofer Werkstätten an der Sonnenbrede und nimmt seit 2017 regelmäßig an der dort gegründeten Talkergruppe teil, die ein Bildungsangebot der Werkstatt ist. Dort trifft er Freunde und Arbeitskollegen, die ebenfalls mit einem Computer kommunizieren, tauscht sich mit ihnen aus und übt, den Talker in immer mehr Alltagssituationen einzusetzen.

„Komplexe elektronische Kommunikationshilfen kommen bei Kindern bereits in der Schule zum Einsatz. Erwachsene hingegen werden seltener mit Sprachcomputern ausgestattet und beim Einsatz weniger begleitet“, erklärt Annika Lange-Kniep vom Wittekindshofer Büro für Leichte Sprache.

Sprachbarrieren abbauen

„Darum haben wir vor drei Jahren diese Talkergruppe gegründet, ein Jahr später eine weitere, die sich im Kontakt- und Informationszentrum in ihrer Freizeit trifft. Wir wollen gemeinsam Sprachbarrieren abbauen. Die Talker sollen den Frauen und Männern zu mehr Selbstständigkeit verhelfen, Selbstwirksamkeit erlebbar machen und somit das Selbstvertrauen der Nutzer steigern“, erklärt die Diakonin. Für diesen Einsatz sind die Wittekindshofer Talkergruppen nun für den Inklusionspreis NRW nominiert.

Derzeit finden die Talkergruppen coronabedingt noch nicht wieder statt. Da ist Marcel Diekmann etwas aus der Übung geraten. Er muss erst suchen, bevor er die gespeicherten Namen der Mitarbeiter sagen kann, die ihn und seine drei Kollegen in der Talkergruppe unterstützen.

„Es ist wichtig, regelmäßig mit den Sprachcomputern zu üben. Der Gebrauch der Talker, die auf Antrag von der Krankenkasse finanziert werden, ist mit dem Erlernen einer Fremdsprache zu vergleichen. Wir üben zwar keine Vokabeln, aber Symbole“, führt Annika Lange-Kniep aus.

Regelmäßiges Trainieren

Beim Blick auf einen der Talker, der einem Tablet ähnlich ist, wird klar, was die Diakonin meint. Wählt man einen Hund in der Rubrik Tiere aus, sagt das Gerät „Hund“. Das ist einfach. Um aber ganze Sätze sprechen zu können, bedarf es mehr als nur Nomen. Fragewörter, Verben und Konjunktionen und Präpositionen werden benötigt.

Wie werden etwa „ohne“ oder „mit“ dargestellt? „Je nach Betriebssystem ist das unterschiedlich. Bei einem Anbieter werden diese Worte mit zwei Füßen – jeweils einer mit und einer ohne Socke – sowie Pfeilen auf das jeweils benötigte Wort bebildert. Das muss wirklich trainiert werden“, sagt Annika Lange-Kniep, die auch die Mitarbeiter schult, die die Talkergruppen anleiten. Daher werde bei der Zusammenstellung der Gruppenteilnehmer darauf geachtet, dass alle mit dem gleichen System arbeiten.

Ausdrücken und Mitteilen

„Wir gucken aber auch, dass die Frauen und Männer ähnliche Interessen haben und somit Gesprächsstoff besteht. Zudem arbeiten wir alltagspraktisch. Wir wollen Lernmöglichkeiten schaffen, aber nicht überfordern. Anders als in der Schule beispielsweise ist es nicht unbedingt wichtig, dass jemand einen Weg beschreiben kann. Viel wichtiger ist es, dass sich der- oder diejenige ausdrücken und mitteilen kann“, erklärt Annika Lange-Kniep.

Dazu werden häufig benutzte Sätze, wie bei Marcel Diekmann der Quatschkopf-Spruch, von Mitarbeitern in den Wohnbereichen, der Werkstatt oder Angehörigen eingesprochen.

Bernd Nolteernsting nimmt ebenfalls an der Talkergruppe in der Werkstatt teil. Er ist Rollstuhlfahrer und geht gerne im Combi-Markt in Volmerdingsen einkaufen. Er ist leidenschaftlicher Kaffeetrinker. Die Kaffeefilter allerdings sind im Regal für ihn nicht erreichbar.

Individuelle Sätze hinterlegt

„Für Bernd haben Kollegen einen entsprechenden Satz hinterlegt, mit dem er andere Kunden und Mitarbeiter des Supermarkts bitten kann, ihm die Filter zu reichen“, nennt die Expertin für Leichte Sprache und Unterstützte Kommunikation ein Beispiel.

Marcel Diekmann profitiert auf jeden Fall von seinem Talker. In den Pausen auf der Arbeit geht er nun gerne zum Werkstattkiosk und bestellt sich mit seinem Sprachcomputer selbst eine Cola. Vorher hat er einfach auf sein Lieblingsgetränk verzichtet.

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