Prozess nach tödlichem Schwimmunfall im Hallenbad Rehme wird fortgesetzt
„Organisationsverschulden“ möglich

Bad Oeynhausen   (WB/wa). Der Badeunfall im Rehmer Hallenbad gehöre „zum Schlimmsten, was wir heute verhandeln müssen“, stellte der Staatsanwalt zu Beginn der Hauptverhandlung am Donnerstag am Amtsgericht Bad Oeynhausen fest. Dort müssen sich ein 28-jähriger Schwimmlehrer und ein 60-jähriger Bademeister wegen fahrlässiger Tötung verantworten, weil ein sechsjähriger Junge während des Schwimmunterrichts im Januar 2018 ertrunken war.

Freitag, 14.08.2020, 05:00 Uhr
Mit dem Tod eines Sechsjährigen hat sich das Amtsgericht Bad Oeynhausen am Donnerstag befasst. Der Junge war Anfang 2018 während des Schwimmunterrichts im Hallenbad Rehme ertrunken. Das Gerichtsverfahren wird in Kürze fortgesetzt. Foto: Louis Ruthe/Archiv
Mit dem Tod eines Sechsjährigen hat sich das Amtsgericht Bad Oeynhausen am Donnerstag befasst. Der Junge war Anfang 2018 während des Schwimmunterrichts im Hallenbad Rehme ertrunken. Das Gerichtsverfahren wird in Kürze fortgesetzt.

Nur der Schwimmlehrer war mit dem Bademeister zum Zeitpunkt dieses Vorfalls im Rehmer Hallenbad, wie die Verfahrensbeteiligten unter Vorsitz von Amtsrichter Dr. David Cornelius feststellten. Als „Trauerspiel“ wertete die Verteidigerin des 28-Jährigen diese Zustände. „Mein Mandant hatte keine Möglichkeit, das Kind zu retten“, stellte sie klar. „Er war auf sich allein gestellt.“

Er sei im Wasser bei den Kindern gewesen, sagte der 28-Jährige. Alle drei Minuten habe er die Vollzähligkeit der Schwimmschüler geprüft und sich dabei an einer mechanischen Uhr über dem Becken orientiert. Unter seiner Aufsicht hätten die Kinder im Nichtschwimmerbereich nach Ringen in etwa 90 Zentimeter Wassertiefe getaucht.

Während des Kurses war der 60-jährige Bademeister dazugestoßen, wie das Gericht feststellte. Er entdeckte den Sechsjährigen auf dem Beckengrund im Schwimmerbereich und rettete ihn sofort aus dem Wasser (diese Zeitung berichtete). Das Kind verstarb dennoch eine Stunde später in einem Mindener Krankenhaus.

Mehrfach habe er sich bei dem 60-Jährigen sowie beim Vorstand der Stadtwerke als Anbieter der Schwimmkurse über die Umstände beklagt, betonte der 28-Jährige. Zwölf Kinder seien zu viel. Auch der Vorstand der Stadtwerke habe ihm Recht gegeben, ihn aber auf die kommende Saison vertröstet. „Was wir in der Herbstsaison machen, müssen wir halt gucken.“ Dem habe er sich zunächst gefügt, „um guten Willen zu zeigen.“ Als Honorarkraft habe er schließlich auf eine Festanstellung gehofft.

Aussagen widersprechen sich

Im Gegensatz zum 28-Jährigen ließ der 60-Jährige seinen Verteidiger nur eine Stellungnahme verlesen. Zu keiner Zeit habe der 28-Jährige ihm gegenüber Bedenken geäußert, hieß es. Zudem verwies der Jurist darauf, dass es „keine gesetzliche Vorgabe“ außer einer Verordnung der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen gebe, „nach denen sich ein Schwimmbetrieb auszurichten hat.“ Zudem habe schon im Jahr 1983 in einem ähnlichen Fall ein Gericht in Frankfurt am Main festgestellt, dass ein „Bademeister keine Übernahmepflicht der Schüler“ eines Schwimmkurses habe, sondern „der Schwimmlehrer dafür verantwortlich“ sei.

Zudem sei der 60-Jährige für betriebliche Aufgaben zuständig gewesen. „Umkleidekabinen erforderten erhöhte Aufmerksamkeit“, um Nachzügler oder unbefugte Personen im Hallenbad zu kontrollieren, auch die Technik der Chlorbeimischungsanlage habe sein Mandant prüfen müssen. „Er war nicht der Vorgesetzte.“

„Das Leben eines Kindes kann nicht von Aufgabenverteilung abhängig sein“, herrschte die Verteidigerin daraufhin ihren Kollegen an. Als widersprüchlich kommentierte auch ein Vertreter der Nebenklage die Einlassungen. Der 60-Jährige sei schließlich als „Bademeister und nicht als Hausmeister“ in Festanstellung gewesen. Warum habe er überhaupt zugelassen, dass die Eltern ihre Kinder allein in der Umkleide beim Umziehen betreuten und diese dann eigenständig den Schwimmlehrer aufsuchten? Und wer habe eigentlich den Schwimmlehrer auf seine Fähigkeiten geprüft?

Nicht ein Hauptschuldiger allein

Es gebe nicht einen Hauptschuldigen allein, betonte auch der Staatsanwalt und sprach insgesamt von einem „Organisationsverschulden“. Weiteren Ermittlungsbedarf sehe er auch „im Bereich der Stadtwerke.“ Wer trage dort „dafür die Verantwortung, diesen Kurs so stattfinden zu lassen?“

Wie es zu dem Unglück kam, konnten auch zwei Sachverständigengutachten nicht zweifelsfrei klären. Das Kind sei fast ertrunken und nach der Reanimation an einem „hypoxisch ischämischen Hirnschaden“ verstorben. Ein „Langes QT-Syndrom“, das einen plötzlichen Herztod bei Stress auch im Wasser verursachen könne, sei nicht zweifelsfrei nachweisbar. „Gute, belastbare Daten aus Literatur und Datenbanken“ fehlten für die festgestellten Genmutationen, hieß es. Es könne aber nicht widerlegt werden, dass das Kind „lautlos ohne Gegenwehr untergegangen ist“.

Doch das hilft dem 28-Jährigen nicht gegen den Vorwurf, seine Aufsichtspflicht verletzt zu haben. Hätte er „das Kind nur eine Minute eher aus dem Wasser gezogen, säße er heute nicht auf der Anklagebank“, stellte der Vertreter der Nebenklage dar. „Ich glaube ihnen, dass Sie alles richtig machen wollten“, sagte auch der Staatsanwalt zum Angeklagten. „Ich bin selbst zertifizierter Rettungsschwimmer.“ Bei seinen Beschwerden über die Zahl der Teilnehmer „bin ich bei Ihnen. Das ist so nicht durchführbar. Sie hätten den Kurs ablehnen müssen.“

Acht weitere Zeugen geladen

Acht weitere Zeugen will Dr. Cornelius nun noch hören. Aufschluss soll vor allem die Aussage des ehemaligen Kinderarztes der betroffenen Familie bringen. Schwimmunterricht für den Sechsjährigen sei „kein Problem, so lange individuelle Aufsicht möglich ist“, hieß es in seiner Bescheinigung. „Ich habe das nicht als eins zu eins empfunden“, entgegnete die Mutter auf Nachfragen der Prozessbeteiligten, wie dies zu verstehen sei. Das Verfahren wird in Kürze fortgesetzt.

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