Kontroverses Sonntagsgespräch bei Poetischen Quellen auf Aqua Magica
Wie verändert Corona die Gesellschaft?

Bad Oeynhausen/Löhne  (WB). Aktueller hätte das Sonntagsgespräch der 19. Poetischen Quellen kaum ausfallen können: Ausgehend von Protesten gegen die Corona-Beschränkungen am Samstag in Berlin nahmen Philosoph Wolfram Eilenberger und Sozialwissenschaftler Raul Zelik auf der Naturbühne der Aqua Magica das gesellschaftliche Miteinander in den Blick. Damit etwa 150 Zuhörer nicht den Überblick verloren, führte Moderator Jürgen Keimer die Gesprächsstränge zusammen.

Montag, 31.08.2020, 05:00 Uhr
„Wann kann Widerstand zur Pflicht werden?“ Über diese und weitere Fragen haben Philosoph Wolfram Eilenberger (von links), Sozialwissenschaftler Raul Zelik und Moderator Jürgen Keimer beim Sonntagsgespräch auf der Aqua Magica diskutiert. Foto: Malte Samtenschnieder
„Wann kann Widerstand zur Pflicht werden?“ Über diese und weitere Fragen haben Philosoph Wolfram Eilenberger (von links), Sozialwissenschaftler Raul Zelik und Moderator Jürgen Keimer beim Sonntagsgespräch auf der Aqua Magica diskutiert. Foto: Malte Samtenschnieder

„Ich kann eine derartige Kritik an den Corona-Beschränkungen nicht nachvollziehen. Bei den Gesundheitsmaßnahmen handelt es sich um einen Akt der Solidarität, mit dem wir die Schwächeren in unserer Gesellschaft schützen“, sagte Raul Zelik.

Wolfram Eilenberger stimmte dem zu. Für ihn gebe es noch einen weiteren Grund, warum er sich keinesfalls an den Protesten beteiligen würde. Wolfram Eilenberger: „Bei den Demos sind viele Rechtsextreme dabei. Mit denen werde ich niemals gemeinsame Sache machen.“

Dann skizzierte der Philosoph verschiedene Formen des Widerstandes. „Die erste ist gegen einen selbst gerichtet, gegen die eigenen Sorgen und Ziele. Die zweite wendet sich nach außen, gegen die herrschende Macht und das System“, erläuterte Wolfram Eilenberger. Bei den jüngsten Corona-Protesten in Berlin habe er nicht im Detail nachvollziehen können, wogegen sich die Kritik der Teilnehmer konkret richte.

Hohes Eskalationspotenzial

Aus seiner Sicht biete die Corona-Krise ein nicht zu unterschätzendes Eskalationspotenzial. „Denn mit seinen Rettungsmaßnahmen greift der Staat massiv etwa in die Wirtschaft ein“, sagte Wolfram Eilenberger. Mit der Tatsache, dass in dieser Situation das Individuum hinter dem Kollektiv zurücktreten müsse, sei nicht jeder bereit, sich abzufinden.

In den 1920er Jahren sei die Gesellschaft an einem ähnlichen Wendepunkt gewesen. Eine mediale Revolution, zunehmende Globalisierung, Angriffe auf die Demokratie von links und rechts sowie schließlich die Weltwirtschaftskrise 1929 hätten den Nationalsozialisten den Weg an die Spitze geebnet. Wolfram Eilenberger: „Noch ist schwer zu sagen, was diesmal passiert. Das wird sich in den nächsten sechs bis zwölf Monaten zeigen.“

Angst vor Statusverlust

„Die Angst vor Statusverlust hat in den 1920er Jahren viele zum Faschismus getrieben“, sagte Raul Zelik. Dieses Phänomen habe sich durch alle Gesellschaftsschichten gezogen. Der Sozialwissenschaftler fordert die Umstellung des aktuellen Gesellschaftssystems, um Extremisten neuerlichen Wind aus den Segeln zu nehmen: „Unser System braucht eine unbegrenzte Wertschöpfung. Die ist auf unserem Planeten auf lange Sicht aber nicht möglich“, sagte Raul Zelik.

Einen kompletten Systemwechsel hält Wolfram Eilenberger für unwahrscheinlich. „Warum sollten wir unsere kompletten Gewohnheiten ändern, wenn in einem Jahr wieder alles läuft wie vor Corona?“, fragte der Philosoph. Diese Auffassung folge der Erkenntnis: „Das beste Rezept, um Enttäuschungen zu vermeiden, ist, Erwartungen zu regulieren.“

Optimistischer im Hinblick auf mögliche Veränderungen, die aus der Corona-Krise resultieren, äußerte sich Raul Zelik. „Wir müssen neue Antworten auf die wichtigen Fragen finden, die nicht zu pauschal sind“, sagte der Sozialwissenschaftler. Als ein Beispiel nannte er den Bereich Verkehr: „Hier sollten wir in Zukunft auf kollektive Lösungen und nicht auf Individualverkehr setzen, um den ökologischen Fußabdruck zu reduzieren.“

Ein Forcieren der Elektromobilität im Individualverkehr sei für ihn keine Alternative. Bei der Gewinnung der für die Technik erforderlichen Rohstoffe, etwa sogenannte seltene Erden, werde auf die ökologischen Auswirkungen kaum Rücksicht genommen.

Kurzfristige Absage

Markus Gabriel hatte seine Teilnahme am Sonntagsgespräch kurzfristig abgesagt. Laut Veranstalter Michael Scholz machte ihm eine starke Erkältung zu schaffen. Der Auftritt des Philosophen soll bei einer Sonderveranstaltung Ende Oktober nachgeholt werden.

Mit dem Verlauf der Poetischen Quellen kann Veranstalter Michael Scholz insgesamt zufrieden sein. Ein Literaturgottesdienst , das „Literarische Quartett“ zur offiziellen Eröffnung , eine musikalische Lesung oder auch ein Lyrikabend waren gut besucht.

Kommentare

Hermann  schrieb: 31.08.2020 12:29
„Wann kann Widerstand zur Pflicht werden?“

Das ist eine interessante Frage, die u. a. auch in den Zeiten der Studentenbewegungen der 1968er Jahre eine große Rolle spielte.

Widerstand muss ohne Frage unser aller Pflicht sein, wenn so genannte "Querdenker" und Rechtsradikale sich zu einer Gesamtgruppierung "gegen Alles" verbinden und aus dem Schutz dieser riesigen Gruppe heraus das Parlament "stürmen" wollen, jedenfalls symbolisch. Hinterherzuschieben, es sei jedoch nicht die Intention der kritischen Demonstrationsteilnehmer gewesen, einen gefährlichen rechten Mob zu unterstützen wird auf Dauer nicht genügen!
Das Gros der deutschen Bevölkerung steht, wenn zum Glück auch keineswegs so unkritisch wie etwa um 1967/68, hinter unserem gut sortierten Bundestag, in dem aus so vielen Richtungen so viel gesagt wird und v. a. gesagt werden darf...das ist gut so!
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