Hallenbad-Prozess nach Kindstod: Wie viel Verantwortung hat der Veranstalter?
Badleiter freigesprochen

Bad Oeynhausen (WB/lmr). Nach dem Tod eines sechsjährigen Jungen, der bei einem Schwimmkurs im Hallenbad Rehme im Januar 2018 ertrank, hat sich der Badleiter (62) am Donnerstag vor dem Amtsgericht Bad Oeynhausen verantworten müssen. Er hatte gegen Ende des Kurses im Hallenbad nach einem Rundgang zur Kontrolle der technischen Anlagen den Jungen am Beckengrund entdeckt. Amtsrichter Dr. David Cornelius sah keine „Verantwortung und Zuständigkeit für die sichere Durchführung des Kurses“ bei dem Angeklagten. Der Badleiter wurde freigesprochen.

Donnerstag, 17.09.2020, 18:01 Uhr aktualisiert: 17.09.2020, 18:06 Uhr
Während eines Schwimmkurses im Hallenbad Rehme ist im Januar 2018 ein sechsjähriger Junge ertrunken. Nun hat sich der Badleiter vor Gericht verantworten müssen. Er ist von Amtsrichter Dr. Cornelius freigesprochen worden. Foto: Louis Ruthe/Archiv
Während eines Schwimmkurses im Hallenbad Rehme ist im Januar 2018 ein sechsjähriger Junge ertrunken. Nun hat sich der Badleiter vor Gericht verantworten müssen. Er ist von Amtsrichter Dr. Cornelius freigesprochen worden. Foto: Louis Ruthe/Archiv

Die Aufsicht der Kinder habe allein beim Kursleiter gelegen, führte der Amtsrichter aus. Der 28-Jährige war am zweiten Verhandlungstag Ende August zu einer sechsmonatigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Am Donnerstag war der Kursleiter als Zeuge geladen.

In seinen Ausführungen beschrieb er, dass er in Gesprächen vor dem Unglück mit dem Angeklagten sowie mit dem Stadtwerke-Vorstand auf die zu große Teilnehmerzahl bei dem Schwimmkurs hingewiesen habe.

Auf Nachfrage von Amtsrichter Dr. Cornelius, ob er jeweils „aktiv“ das Gespräch gesucht habe, führte der Schwimmlehrer aus, dass der Badleiter bei ihm „nachgefragt hat, wie es mit dem Schwimmkurs vorangeht“. In diesem Gespräch habe der 28-Jährige dann darauf hingewiesen, dass „die Kinder im Kurs nicht richtig unterrichtet werden können“. Selber angesprochen habe er den Badleiter nicht.

Badleiter zufällig anwesend

Am Tag des Unfalls seien alle Kinder „gut drauf gewesen“. Der Kurs habe aus drei Übungen bestanden, dem Schwimmen von 25 Metern am Stück, dem Tauchen nach einem Ring sowie dem Springen vom Beckenrand ins Wasser.

Etwa gegen Ende des Kurses, als der Kursleiter mit den Kindern das Bad verlassen wollte, sei der Angeklagte aus dem Materialraum ins Hallenbad gekommen, und „sofort bemerkt, dass ein Kind fehlt“. „Er ist dann sofort losgelaufen und hat das Kind vom Beckengrund hochgeholt“, sagte der Schwimmlehrer. Laut Staatsanwaltschaft war es Zufall, dass der Angeklagte genau in diesem Moment „einen Blick ins Hallenbad geworfen“ hat.

Im Plädoyer verdeutlichte der Staatsanwalt die Tragik des Unfalls: „Der Junge ist leise und unbemerkt ertrunken.“ Denn Kinder würden sich beim Ertrinken nicht bemerkbar machen. Deshalb sei es „unabdingbar“, dass alle Kinder während eines Schwimmkurses im Blick behalten werden.

„Wenn dies nicht gewährleistet ist, darf es keinen Schwimmkurs geben“, sagte er. Nach seiner Schlussfolgerung war der 28-jährige Kursleiter für die Aufsicht der Kinder zuständig. Der Badleiter sei nicht nur per Definition für den „technischen und betrieblichen Ablauf eines Bades“ zuständig.

„Juristisch keine Verantwortung“

„Juristisch tragen Sie keine Verantwortung, auch wenn Sie sich menschlich verantwortlich fühlen“, sagte der Staatsanwalt in Richtung des Angeklagten. Er sehe vielmehr den Veranstalter – bis kurz vor dem Unglück die Stadt Bad Oeynhausen, in diesem Fall die Stadtwerke Bad Oeynhausen – in der Verantwortung für die Durchführung eines sichereren Schwimmkurses.

„Bisher hat sich jedoch niemand für den Tod des Kindes verantwortlich gefühlt“, führte er weiter aus. Wenn die Eltern gewusst hätten, wie der Kurs organisiert sei, hätte niemand „freiwillig sein Kind dort abgegeben“. Der Staatsanwalt plädierte auf Freispruch.

Das sah die Nebenklage anders. Die Gruppengröße sei dem Angeklagten bekannt gewesen, er sei von dem Kursleiter „sensibilisiert“ worden. „Niemand hat sich Gedanken gemacht“, so die Nebenklage. Allein aufgrund „beruflichen Stellung“ hätte der Badleiter handeln müssen, führte die zweite Nebenklägerin auf.

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