Wettstreit ums Klopapier erneut entbrannt: Wo bleibt der gesunde Menschenverstand?
Ran an die Rollen!?

Bad Oeynhausen (WB). An der Kasse im Discounter: Eine Kundin beklagt, dass das Toilettenpapier ausverkauft ist. Darauf die Kassiererin: „Da können wir auch nichts dafür. Die Kunden reißen alles an sich!“. Szenen wie diese sind offenbar derzeit keine Seltenheit in Lebensmittelgeschäften oder Drogeriemärkten. Klopapier? Mangelware! Doch warum, fragt man sich.

Samstag, 24.10.2020, 08:00 Uhr aktualisiert: 24.10.2020, 09:58 Uhr
Es herrscht kein Mangel: Unternehmer Uwe Hoberg steht vor Stapeln von Sanitärpapier in seinem Unternehmen in Wulferdingsen. Seit mehr als drei Jahrzehnten betreibt er einen gewerblichen Handel mit Sanitärpapier.  Foto: Gabriela Peschke
Es herrscht kein Mangel: Unternehmer Uwe Hoberg steht vor Stapeln von Sanitärpapier in seinem Unternehmen in Wulferdingsen. Seit mehr als drei Jahrzehnten betreibt er einen gewerblichen Handel mit Sanitärpapier. 

Denn deutsche Papierfabriken fertigen reichlich Rollen – jeden Tag. Über Grossisten und Distributoren gelangen sie in zuverlässigen Chargen in den Handel. „Wenn die Kunden ihre Nachfrage unerwartet hochschrauben, kommt aber die Lieferkette nicht mehr mit“, erläutert Karl Stefan Preuß. Der geschäftsführende Gesellschafter der Edeka-WEZ-Gruppe unterhält 22 Märkte im Kreis Minden-Lübbecke und findet das derzeitige Hamsterverhalten „höchst unerfreulich“. Über die letzten zwei Wochen hat er schon einen schleichenden Anstieg der Vorratskäufe bemerkt. „Das ist irrational und wäre völlig vermeidbar“, stellt Preuß klar. Die Verknappung entwickle eine Eigendynamik, die sich ungünstig auf die gesamte Wertschöpfungskette auswirke, ist der Volkswirtschaftler überzeugt. „Und am Ende muss vermutlich kontingentiert werden“, befürchtet er.

„Starkes Sicherheitsbedürfnis“

Doch soweit ist es glücklicherweise nicht: Karl Stefan Preuß verzichtet bewusst auf derartige Hinweisschilder am Regal für Sanitärpapiere. Und macht dabei die Erfahrung, dass seine Kunden sich maßvoll verhalten und verständig zeigen. „Viele sind ganz einfach auch dankbar, dass wir in diesen turbulenten Zeiten eine zuverlässige Handelsleistung aufrecht erhalten können“, hat er festgestellt. Über die Gründe für die zwanghafte Bevorratung mit Sanitärpapier kann er nur spekulieren: „Da spielen vermutlich psychologische Motive eine größere Rolle als sachliche Gründe.“

Lars Hoffmeyer, Pflegerischer Leiter der Tagesklinik Bad Oeynhausen, sieht jedoch keine fachlichen Anhaltspunkte für ein krankhaftes Fehlverhalten. „Man beobachtet in der Gesellschaft insgesamt, dass Menschen zunehmend erst an sich selbst denken, bevor sie solidarisch handeln“, hat Hoffmeyer festgestellt. Er vermutet in den Hamsterkäufen ein starkes Sicherheitsbedürfnis der Menschen angesichts einer insgesamt instabilen Lage.

„Papier ist reichlich da“

So erlebt es auch Rentnerin Hannelore Dressing. „Ich komme nur einmal pro Woche zum Einkaufen, wenn meine Alltagsbegleitung mich fahren kann. Da muss ich mich doch bevorraten“, verteidigt sie die zwei 10er-Pakete mit Toilettenpapier in ihrem Einkaufswagen. Und schließlich wisse man ja nicht, ob man in der nächsten Woche noch aus dem Haus dürfe, spekuliert die alleinstehende Dame.

Auch Karl Stefan Preuß weiß um die Not der Kunden, die nach Berichten seiner Marktleiter in der Vergangenheit schon vor den Papier-Regalen um Ware gestritten und sich gegenseitig in den Einkaufswagen gegriffen hätten. „Da hilft es oft, wenn man menschlich Verständnis zeigt“, weiß Preuß.

„Kein Grund zur Panik, Papier ist reichlich da“, kommentiert dagegen Uwe Hoberg die Lage. Der 62-jährige Kaufmann aus Wulferdingsen betreibt seit mehr als drei Jahrzehnten einen gewerblichen Handel mit Sanitärpapier. Zwar beliefert er keine Supermärkte, hat aber klar auf dem Schirm, was deutschlandweit an weißen Rollen in Umlauf ist: „Eine Rolle pro Person und Woche, das macht 80 Millionen Rollen. Das entspricht rund 1.100 LKW-Ladungen allein in sieben Tagen“, rechnet er vor. Eine Handvoll großer Hersteller bedient den Markt in Deutschland, dazu kommen ausländische Produktionsbetriebe. „85 Prozent geht über den Einzelhandel an den Endverbraucher“, weiß Hoberg. Dem Nachfrageboom aus diesem Bereich steht aktuell ein Einbruch im gewerblichen Bereich gegenüber: „Wir können an der Nachfrage nach Toilettenpapier genau ablesen, wie es um den deutschen Beschäftigungsmarkt steht“, erläutert er.

Auch für Endverbraucher

Rückläufige Bestellungen bei Deutscher Bahn und Lufthansa, Produktionsstillstand bei Airbus in Hamburg, das bedeutet für Hoberg: signifikante Umsatzeinbußen. Doch sein Lager in Wulferdingsen ist voll: „Wir haben genug Papier. Das reicht für ganz Bad Oeynhausen“, stellt er klar. Denn sein Werksverkauf unter dem Markennamen „Cilan“ steht auch Endverbrauchern offen: Täglich zwischen 10 und 16 Uhr gibt’s Klopapier an der Sundernkämpe 20. Auch in der Großverpackung mit 72 Rollen.

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