„Kulturbühne“ – Folge 16: Reza Jaxon
Graffiti: vom Kick zur Kunst

Bad Oeynhausen (WB). „Spray-Art ist ein schmaler Grat zwischen Sucht und Selbstverwirklichung.“ Das sagt Reza Jaxon, Graffiti-Artist aus Bad Oeynhausen. Und er weiß, wovon er spricht: Bevor der 27-Jährige mit seiner Kunst Geld verdienen konnte, hat er die Szene von allen Seiten kennengelernt. „Die Jungs, die nur den Kick suchen, ruinieren den Ruf. Schmiererei hat nichts mit Gestaltung zu tun“, stellt er klar. Jaxon hat den „hard way“ hinter sich gebracht, bevor es auf den „high way“ ging: Jahrelang Spray-Art im Selbststudium mit Youtube-Tutorials, jeden Euro in Farbe und Caps (= Sprühspitzen) investiert. Chancen gesucht, genutzt. Menschen mit seiner Begeisterung überzeugt. Gönner gefunden und schließlich ein Gewerbe angemeldet: Inzwischen verdient Reza Jaxon mit Graffiti seinen Lebensunterhalt. Er gestaltet Gebäudefassaden, entwirft Logos, designt Textilien. Als angehender Bachelor in Produktdesign „passt das Studium gut in meine kreative Laufbahn“, wie er versichert.

Freitag, 23.10.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 25.10.2020, 18:33 Uhr
Reza Jaxon (27) aus Bad Oeynhausen ist Graffiti-Artist. Vermittelt hat er seine Kunst auch bereits in Workshops, die er im Rahmen des Projektes „Kulturrucksack“ in Bad Oeynhausen veranstaltet hat, bei den Ferienspielen oder auch bei freien Tutorials. Foto: Gabriela Peschke
Reza Jaxon (27) aus Bad Oeynhausen ist Graffiti-Artist. Vermittelt hat er seine Kunst auch bereits in Workshops, die er im Rahmen des Projektes „Kulturrucksack“ in Bad Oeynhausen veranstaltet hat, bei den Ferienspielen oder auch bei freien Tutorials. Foto: Gabriela Peschke

Das alles deutete sich keinesfalls an, als der gebürtige Afghane 2006 nach Bad Oeynhausen kam. Schnell fand er Heimat im Haus der Jugend, unter anderen zugewanderten Jugendlichen, mit denen er sich heute noch künstlerisch und sozial engagiert. „Freunde fürs Leben“, wie er sagt. Ein Sozialarbeiter ermunterte ihn schließlich, seiner Leidenschaft Ausdruck zu verleihen: Zwei besprühte Wände im Trainingsraum über vier mal acht Meter rechnen zu den frühen „Pieces“, wie die Graffiti-Bilder unter Insidern heißen; stumme Zeugen einer jungen Karriere. Bald darauf der Auftrag zur Gestaltung der rückwärtigen Fassade an der Grundschule Dehme: Fünf fröhliche Kindergesichter unterschiedlicher Nationalitäten schauen gemeinsam aus einem Fenster. „Wichtig war die Botschaft: Rassismus gibt’s hier nicht“, erläutert Reza Jaxon. Die Grundschülern haben sogar bei dem Wandbild mitgewirkt. „Die Kids waren total begeistert“, erinnert sich Jaxon.

Online-Tutorial

Diese Erfahrung kennt er auch aus Workshops, die er für das Projekt „Kulturrucksack“ in Bad Oeynhausen veranstaltet, von den Ferienspielen oder freien Tutorials, die der junge Künstler organisiert. „Bevor es durch die Corona-Schutzmaßnahmen Auftragseinbrüche gab, hatte ich pro Monat mindestens eine Art-Aktion“, sagt er. Die brauche er auch, um die enormen Vorlaufkosten für Farben und Pinsel, für Schablonen und Collage-Material wieder einzuspielen, fügt er hinzu. Doch das ist offenbar derzeit nicht so einfach: „Ein großer Auftrag der Landesarbeitsgemeinschaft Kunst und Medien ist mir weggebrochen“, bedauert er. Zwar hat er kurzerhand auf ein Online-Tutorial umgestellt, aber das reicht finanziell nicht. Sein neuer Plan: Jaxon möchte ein kleines Atelier mieten, dort eine Siebdruckmaschine zur Reproduktion installieren und über eine eigene Website Kunst verkaufen. „Man muss neue Wege suchen, um in der Krise im Geschäft zu bleiben“, ist er überzeugt. Dabei helfen ihm die Ausstellungen, die er in Ostwestfalen schon gehabt hat: Viele Objekte warten noch auf Käufer. „Da ist das Internet eine gute Plattform“, sagt Jaxon. Umso wichtiger ist ihm, dass er sich als „ernsthaft Kunstschaffender“ von den „Thriller-Typen“ abgrenzt, die den guten Ruf der Spray-Art gefährden: „Beim Graffiti-Design muss man genauso Gestaltungsregeln beachten wie in der Malerei. Proportionen, Harmonien von Form und Farbe, die Wirkung des Ensembles“, erläutert der Künstler. „Einfach Rumsprühen“ sei keine Kunst, meistens sogar destruktiv. Weil er das „total uncool“ findet, setzt sich Reza Jaxon unter anderem dafür ein, dass öffentlicher Raum gepflegt wird und sauber bleibt – so bei der Vatertags-Aufräumaktion der Stadt.

„Kunst soll Freude machen“

„Kunst soll uns Freude machen“, ist er überzeugt. „Und sie soll die Menschen zusammenhalten, nicht auseinanderbringen“. Auch deshalb hat er „null Toleranz“ für Art-Aktivisten. „Aber ein großes Herz für Kids, die echte Graffiti von mir lernen möchten.“  Kategorie: „Nachwuchs

 

Im Rahmen der Reihe „Kulturbühne“ sind bislang diese Beiträge erschienen:

Vorhang auf für die Kulturbühne

Folge 1: Bildhauerin Astrid Mulch

Folge 2: Theatergruppe Newcomers

Folge 3: Quartettverein Bad Oeynhausen

Folge 4: Violinistin Veronika Bejnarowicz

Folge 5: Kleines Theater Rehme

Folge 6: Handstand-Artist Sven Böker

Folge 7: Flechtwerkgestalterin Kerstin Eikmeier

Folge 8: Kantorei an der Auferstehungskirche

Folge 9: Last Action Heroes

Folge 10: Improtheater Spek-Spek

Folge 11: Oboistin Hannah Mörchen

Folge 12: Rollschuhabteilung des RRC Lohe

Folge 13: Comedienne Joanna Steinmann

Folge 14: Staatsbad-Jugendorchester

Folge 15: Musikverein Dehme

Anrufen und GOP-Karten gewinnen

Sie möchten im Rahmen der „Kulturbühne“ Reza Jaxon Ihre Stimme geben? Dann rufen sie bis Sonntag, 25. Oktober, über die Gewinn-Hotline 01379/883007 (0,50 €Euro/Anruf dt. Festnetz, ggf. andere Mobilfunkpreise) an. Unter allen Anrufern werden ein Mal zwei Karten für den Besuch einer Vorstellung im GOP-Varieté verlost. Nach einer Corona-Zwangspause läuft der Spielbetrieb dort wieder seit dem 24. Juli. Der Rechtsweg ist bei der Aktion ausgeschlossen.

 

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