Walter Sittler und Barbara Auer lesen „Unsere Seelen bei Nacht“
In behutsamen Worten

Bad Oeynhausen (WB). Wieder einmal treffen aktuelle politische Entscheidungen die Kulturschaffenden besonders hart: Vorübergehend müssen unter anderem Theaterbetriebe von nächster Woche an erneut schließen. Umso mehr konnte das Publikum im Theater im Park am Mittwochabend die zunächst letzte Vorstellung genießen: eine bewegende Lesung über zwei alternde Menschen, die Freundschaft, Liebe und am Ende auch sich selbst neu finden.

Donnerstag, 29.10.2020, 20:43 Uhr aktualisiert: 29.10.2020, 20:46 Uhr
Die Schauspieler Barbara Auer und Walter Sittler haben mit ihrer Lesung von Kent Harufs Erzählung „Unsere Seelen bei Nacht” den Zuhörern im Theater im Park einen bewegenden Abend geschenkt. Das Publikum dankte es mit viel Applaus.               Foto: Gabriela Peschke
Die Schauspieler Barbara Auer und Walter Sittler haben mit ihrer Lesung von Kent Harufs Erzählung „Unsere Seelen bei Nacht” den Zuhörern im Theater im Park einen bewegenden Abend geschenkt. Das Publikum dankte es mit viel Applaus.               Foto: Gabriela Peschke

„Unsere Seelen bei Nacht“ war der letzte Roman des amerikanischen Schriftstellers Kent Haruf, der nicht nur zum Bestseller avancierte, sondern mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen auch Filmgeschichte geschrieben hat. Im Theater im Park sind indes die Schauspieler Barbara Auer und Walter Sittler in die Rollen der Protagonisten geschlüpft und haben mit ihrer szenischen Lesung ein Thema abgebildet, das den Zuhörern offenbar sehr naheging.

Ein ungewöhnlicher Vorschlag

Erzählt wird die Geschichte der Witwe Addie Moore, die in einer amerikanischen Kleinstadt ihrem langjährig bekannten Nachbarn einen ungewöhnlichen Vorschlag unterbreitet: Er möge doch zu ihr zum Übernachten kommen. Rein platonisch, versteht sich. Als Mittel gegen die quälende Einsamkeit.

Jener Nachbar Louis Waters, ebenfalls verwitwet und jenseits der Siebzig, reagiert zunächst befremdet – doch schließlich traut er sich: Er packt Pyjama und Zahnbürste in eine Papiertüte und klingelt bei der Nachbarin. Und so beginnen lange Nächte, während derer die beiden einander aus ihrem Leben erzählen: zunächst scheu, dann immer offener.

Die Zuhörer erfahren, dass Addie ein Kind durch einen tragischen Unfall verloren hat und ihre ganze Familie dadurch in Schieflage geriet. Louis beichtet im Gegenzug eine Affäre, die offenbar auch seine Familie zerstört hat. Die Lesung erzählte in behutsamen Worten von der Intimität, mit der das ältere Paar sich einander öffnet.

„Wir sind kein Geheimnis mehr“, berichtet Louis schließlich über den Tratsch in der Stadt. Doch das ermuntert die beiden erst recht, sich nun auch bei Tag miteinander zu zeigen: Grell gekleidet setzen sie sich keck genau in die Mitte eines Restaurants! Den Neidern zum Trotz („Ich pfeif auf die Leute“, sagt Addie), aber den eigenen Kindern zum Kummer.

„Wie ein Teenager“

Denn diese wollen die liebenswerte Liaison nicht dulden. „Du führst Dich auf wie ein Teenager“, herrscht Louis’ Tochter ihren Vater an. Darauf er: „So gut habe ich mich als Teenager nie gefühlt“. Barbara Auer und Walter Sittler „leben“ in ihren Protagonisten, auch wenn sie tatsächlich hinter dem Manuskript an einem Tisch sitzen.

Dieses Gastspiel ihrer Deutschland-Tournee, in Bad Oeynhausen als Ersatz für „Gut gegen Nordwind“ spontan ins Programm aufgenommen, zeichnet in zarten Farben die bescheidenen Vergnügungen, die die beiden miteinander erleben und daran ein Stück weit ihre Daseinsfreude wiederfinden. Daran hat auch Addies Enkel seinen Anteil, der die Alten nochmal richtig aus der Reserve lockt.

Doch genau dieses Kind wird zum Wendepunkt der Beziehung: Addie muss sich zwischen Louis und der Verbindung zum Enkelkind entscheiden – und zieht schließlich in die Nähe von dessen Familie.

„Du warst gut für mich“, sagt Louis schließlich zum Abschied. Doch die Handlung windet sich noch einmal empor: Addie hält ihre Einsamkeit im Seniorenheim nicht aus: Abendliche Telefonate mit Louis ersetzen nun offenbar die vormaligen Begegnungen. Mit einem Unterschied: Jetzt, aus der Distanz heraus, findet Addie plötzlich liebevolle Worte für Louis: „Ist es kalt bei Dir draußen, Liebling?“ Ein verträumter Song wird eingespielt, das Licht dimmt weg – und die Geschichte schwebt noch einen Moment lang im Raum, bis der anerkennende Applaus der Zuschauer im Theater im Park einsetzt.

Ein melancholisch-schöner Theaterabend, schlicht und reich zugleich.

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