Neue Selbsthilfegruppe für Suizidtrauernde in Bad Oeynhausen
Begleitung durch Trauer und Schmerz

Bad Oeynhausen (WB/LyB) -

Trauer, Wut, Hoffnungslosigkeit – ein Suizid hinterlässt bei den Hinterbliebenen ein riesiges Gefühlschaos. Nicht immer kann ein soziales Umfeld diese Emotionen auffangen. Deshalb hat Simone Wehking in Bad Oeynhausen eine Selbsthilfegruppe für Suizidtrauernde gegründet, die Raum und Zeit geben soll, um den Schmerz zu verarbeiten.

Montag, 27.07.2020, 11:13 Uhr
Die AGUS-Gruppe in Bad Oeynhausen trifft sich am jedem vierten Dienstag im Monat um 19 Uhr im Paritätischen Begegnungs- und Beratungszentrum Oeynhausen, Tannenbergstraße 23.
Die AGUS-Gruppe in Bad Oeynhausen trifft sich am jedem vierten Dienstag im Monat um 19 Uhr im Paritätischen Begegnungs- und Beratungszentrum Oeynhausen, Tannenbergstraße 23. Foto: Norbert Anspach/pixelio.de

Wie wichtig Unterstützung ist, weiß die 54-Jährige aus eigener Erfahrung. 15 Jahre ist es jetzt her, dass sich der Mann von Simone Wehking das Leben genommen hat. „Es hat uns eiskalt erwischt“, sagt die 54-Jährige. Die Söhne der Bad Oeynhausenerin waren damals sieben und zehn Jahre alt.

Nicht nur die Doppelbelastung durch die eigene und die Trauer ihrer Kinder habe damals schwer auf ihrer Seele gelastet, wie Simone Wehking berichtet. „Da ist ein Existenzzusammenbruch, die Abwicklung der Hinterlassenschaften und der Umgang mit dem sozialen Umfeld.“

Die Erschütterung, die ein solcher Einschnitt bei den Angehörigen und im Familien- und Freundeskreis hinterlässt, habe sie zehn Jahre lang extrem beschäftigt. Normale Lebenskrisen brachten das Geschehen immer wieder hervor.

Dass Simone Wehking heute so unbefangen über die schmerzliche Zäsur in ihrem Leben sprechen kann, liegt daran, dass sie von Anfang an sehr offen damit umgegangen ist. Ein Verarbeitungsprozess, mit dem nicht jeder gut umgehen kann.

Sie selbst sei damals nicht gut von ihrem Umfeld aufgefangen worden, sogar Freundschaften seien zerbrochen. Hilfe fand die 54-Jährige stattdessen beim Verein „Angehörige um Suizid“ (AGUS), ein bundesweites Netzwerk für Trauernde, die einen nahe stehenden Menschen durch Suizid verloren haben.

„Selbsthilfegruppen gab es keine, aber ich konnte mit jemandem chatten. Erst sechs Jahre später habe ich zum ersten Mal einen selbst Betroffenen bei einem Seminar für Hinterbliebene zum Austausch getroffen“, berichtet die Mitarbeiterin des Herz- und Diabeteszentrums NRW. Eine Erfahrung, die ihren Blick positiv geformt und geöffnet habe.

Heute haben sich über das Netzwerk deutschlandweit 79 Selbsthilfegruppen gegründet. Unterstützung bei der Organisation des Treffens auf lokaler Ebene hat Simone Wehking von Iris Busse von der Paritätische Selbsthilfe Kontaktstelle Minden-Lübbecke erhalten. „Im Gespräch habe ich erfahren, dass es in Bad Oeynhausen großen Bedarf gibt. Frau Busse hat mir erzählt, dass hier in den vergangenen Jahren vor allem sehr viele junge Menschen Suizid begangen haben“, sagt Simone Wehking. Eine Tatsache, die ihr bestätigt habe, wie wichtig die Gründung einer Selbsthilfegruppe in Bad Oeynhausen sei.

„Etwas in dieser Hinsicht gab es bisher nicht. Ich wünschte, so was hätte es damals schon bei mir gegeben“, fügt Simone Wehking hinzu. Das Angebot sieht die Bad Oeynhausenerin als Begleitung. „Man kann niemandem etwas abnehmen. Aber Betroffene stecken oftmals in Sackgassen, und es hilft, wenn man von dem Tunnelblick aufschaut“, erläutert die Gruppenleiterin. Sie freue sich darauf, ihre Erfahrungen weitergeben zu können. Dass dabei auch ihr eigenes Schicksal immer wieder ans Tageslicht geholt wird, empfinde sie nicht als Belastung.

„Das gegenseitige Verständnis und anderen helfen zu können, gibt mir selbst viel zurück“, fügt die 54-Jährige hinzu. Offenheit, Reden, dem Thema ein Gesicht geben – das habe zwar dazu geführt, dass das Thema „Suizid“, verstärkt auch nach dem Tod des Fußballers Robert Enke 2009, immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit rückt – Simone Wehking sieht den Prozess aber noch nicht am Ziel angekommen.

„Es ist leider immer noch ein Tabuthema, mit dem viele nicht umgehen können“, stellt sie fest. Umso wichtiger sei ein geschützter Rahmen, in dem die Trauernden Gefühle zulassen können, Impulse, Trost und Verständnis erhalten. „Manche Themen dauern eben lange. Aber wenn man da durch ist, verändert es einen, man wird ruhiger und demütiger“, sagt Simone Wehking.

Die AGUS-Gruppe in Bad Oeynhausen trifft sich am jedem vierten Dienstag im Monat um 19 Uhr im Paritätischen Begegnungs- und Beratungszentrum Oeynhausen, Tannenbergstraße 23. Um eine Anmeldung per E-Mail an bad-oeynhausen@agus-selbsthilfe.de beziehungsweise per Telefon bei Simone Wehking (Telefon 0157/33784140) oder bei der Selbsthilfe Kontaktstelle Minden-Lübbecke (Telefon 0571/8280224) wird gebeten.

Haben Sie suizidale Gedanken oder haben Sie diese bei einem Angehörigen/Bekannten festgestellt?

Hilfe bietet die Telefonseelsorge: Anonyme Beratung erhält man rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800/1110111 und 0800/ 1110222. Auch eine Beratung per Internet ist möglich unter der Adresse www.telefonseelsorge.de

Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention unter der Adresse www.suizidprophylaxe.de/hilfsangebote/adressen/.

 

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