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Di., 02.08.2016

Ehemaliger Espelkamper Viktor Witkowski arbeitet an Kunstprojekt über Flüchtlinge »Kunst dient als eine Art Vehikel«

Die Porträtzeichnung »Alan« ist nach dem Besuch der Ina-Seidel-Schule entstanden.

Die Porträtzeichnung »Alan« ist nach dem Besuch der Ina-Seidel-Schule entstanden.

Von Felix Quebbemann

Espelkamp (WB). Das Porträt zeigt einen jungen Mann. Er ist ein Flüchtling in Espelkamp und lebt im Übergangswohnheim. Sein Blick schweift in die Ferne.

Er hat seine Heimat aufgegeben, alles zurückgelassen, um vor Krieg und Verfolgung in ein anderes, sicheres Land zu fliehen. Viktor Witkowski hat das Bild von Alan, einem Espelkamper Flüchtling, der in der Ina-Seidel-Schule wohnte, gezeichnet.

Witkowski ist Gastprofessor für freie Kunst am Dartmouth College in New Hampshire und ehemaliger Schüler der Ina-Seidel-Schule. Er hat ein Kunstprojekt begonnen, das sich mit vor kurzem in Deutschland angekommenen Flüchtlingen beschäftigt.

Espelkamper Kindheit

»Da ich selber vor mehr als 30 Jahren als Flüchtling von Polen nach Deutschland kam, liegt mir diese Angelegenheit besonders am Herzen«, sagt Witkowski im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT. Zur Vorbereitung des Projekts hatte sich der Professor im Künstlerdorf Worpswede einquartiert. Dann besuchte er auch einige Tage die Flüchtlingswohnheime in Espelkamp, seiner ehemaligen Heimat.

»Vor 33 Jahren bin ich mit meinen Eltern als Flüchtling aus Polen nach Deutschland gekommen. Ich bin in Deutschland aufgewachsen und habe später Kunst an der Technischen Universität Braunschweig studiert. Die Kunst war schon seit langer Zeit Bestandteil meines Lebens. Als die Flüchtlingskrise im vergangenen Oktober und November ihren Höhepunkt erreichte, beschloss ich, eine Möglichkeit zu finden, um nach Deutschland zu reisen, um diese Entwicklungen vor Ort und unmittelbar zu verfolgen«, sagt er.

Vehikel

Warum er gerade das Schöne der Kunst mit einem so ernsten Thema wie die Flüchtlingskrise zusammenbringt, erläutert Witkowski: »Die Kunst kann den Vorteil haben, Menschen zusammenzubringen. Sie kann als eine Art Vehikel dienen, um Gedanken und Diskussionen anzuregen. Das ›Schöne‹ an der Kunst muss also nicht nur auf ästhetischer Ebene ablaufen, es kann sich auch auf inhaltlicher Ebene wiederfinden. Zugleich sehe ich die Kunst in der Pflicht, sich mit den unangenehmeren, brisanten, und dunkleren Aspekten unserer Realität zu befassen. Die Kunst sollte auch in der Lage sein, Fragen aufzuwerfen – in offener wie auch kritischer Weise. Und wenn ein Bild ästhetisch angenehm ist, aber der Inhalt zugleich unangenehme Aspekte andeutet, dann ist diese Spannung in einer Arbeit auch genau das, was der Kunst ihre Vitalität und Langlebigkeit verleiht.«

Seine Rückkehr nach Espelkamp hatte etwas Bewegendes für ihn, wie Witkowski sagt. Seit vier Jahren sei er nicht mehr in Espelkamp gewesen, wo seine Eltern nach wie vor leben. »Ich fühlte mich an meine eigene Kindheit erinnert, wie es damals war in Espelkamp aufzuwachsen, die anfänglichen Schwierigkeiten sich zurechtzufinden, die Sprache zu lernen, sich selbst wiederzufinden und zu verstehen, was die eigene Identität nun war.«

Enthusiasmus

Speziell die Ina-Seidel-Schule, die er von 1985 bis 1989 besuchte, weckte Erinnerungen bei ihm. Nach der vierten Klasse wechselte Witkowski auf das Söderblom-Gymnasium. Beeindruckt zeigte er sich vom Enthusiasmus der Espelkamper Flüchtlinge. Die Motivation unter den Flüchtlingen sei regelrecht ansteckend gewesen. Die Stimmung in der Bevölkerung habe sich für ihn hingegen ein wenig gemischt dargestellt. »Zum einen gibt es diejenigen in der Bevölkerung, die sich aktiv engagieren und versuchen, die Situation für alle Beteiligten zu entspannen und zu erleichtern.« Witkowski nannte als Beispiel den Verein »Mit-Menschen«. Aber es gebe auch die Skeptiker und Leute mit unbegründeten Ängsten.

Sein Kunstprojekt macht vor allem die Menschen, denen er beim Besuch der Flüchtlingswohnheime begegnete, zum Thema. »Die Krise bildet den Kontext, während die Menschen selbst im Vordergrund stehen.« Viele Begegnungen seien spontan gewesen. »Die Menschen haben demnach direkt beeinflusst, wie sich meine Arbeit gestalten wird.« Auch in den USA will er mit den Behörden und Organisationen für Flüchtlinge sprechen. Einerseits, um sein Projekt fortzuführen. Andererseits will er auch die Erfahrungen, die er in Deutschland gesammelt hat, nutzen, um zu helfen. Das gegenseitige Verständnis und Mitgefühl habe es jedoch in dieser Zeit überall auf der Welt schwer, so der 37-jährige Witkowski.

Willkommenskultur

In Deutschland habe er unter anderem in Gesprächen erfahren, dass »die Welle der breiten Hilfsbereitschaft abgeebbt ist«. Die Willkommmenskultur sei zwar noch da, aber die Leute, die von Beginn an dabei waren, müssten jetzt umso mehr schultern. »Das Thema ist nach wenigen Monaten bereits dabei, aus unserem Bewusstsein zu verschwinden.«

Präsentation

In den nächsten Wochen, wandte sich Witkowski wieder seinem Projekt zu, sei mit ersten Ergebnissen zu rechnen. Dabei sollen zum einen Porträtzeichnungen entstehen wie auch Landschaftsmalereien. Die Porträts werden lebensgroß angelegt sein und die Orte einbeziehen, an denen er die Menschen angetroffen habe.

Der andere Teil des Projekts hat eine Videoarbeit zum Ziel, in der Menschen vorgestellt werden, die er während seiner Reise kennengelernt hat. In seinem Atelier werde er das Material sichten. »Ich bin selber gespannt, was daraus entstehen wird«, sagt Witkowski.

Eine Präsentation des Projekts in Espelkamp sei für ihn auch vorstellbar. »Die Stadt spielt auf persönlicher und künstlerischer Ebene eine wichtige Rolle in diesem Kunstprojekt.«

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