Di., 13.11.2018

Theaterstück »Geächtet« überzeugt mit geschliffenen Dialogen und starken Darstellern Aus Harmonie wird blanke Wut

Was harmonisch beginnt, eskaliert bis zum Zerwürfnis: Im Stück »Geächtet« treffen sich Isaac (Markus Angenvorth) und Jory (Jillian Anthony) mit Amir (Patrick Khatami) und Emily (Natalie O´Hara) zum Abendessen im Loft.

Was harmonisch beginnt, eskaliert bis zum Zerwürfnis: Im Stück »Geächtet« treffen sich Isaac (Markus Angenvorth) und Jory (Jillian Anthony) mit Amir (Patrick Khatami) und Emily (Natalie O´Hara) zum Abendessen im Loft. Foto: Jan Lücking

Von Jan Lücking

Espelkamp (WB). Eine spannende Debatte um Rassismus, Vorurteile, Ängste und Terrorismus hat das Neue Theater Espelkamp mit dem Schauspiel »Geächtet« des US-amerikanischen Autors Ayad Akhtar auf die Bühne gebracht.

Das Tournee-Theater Thespiskarren der Schauspielbühnen Stuttgart konnte vollauf mit dem Stück überzeugen, das von der Kritik hochgelobt wurde und unter anderem mit dem renommierten Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Zwei wohlsituierte Paare treffen sich in einem New Yorker Nobel-Loft zum Essen. Doch was als harmonisches Abendessen beginnt, birgt wegen der sehr unterschiedlichen Protagonisten viel Konfliktpotenzial und eskaliert schließlich total.

Vom Islam abgewandt

Eingeladen haben Amir (Patrick Khatami) und Emily (Natali O´Hara). Er ist ein Sohn pakistanischer Einwanderer und erfolgreicher Wirtschaftsanwalt, sie eine Amerikanerin und aufstrebende Künstlerin, die gerne islamische Formen darstellt und im Gegensatz zu ihrem Mann im Islam viel Positives sieht. Amir hingegen hat sich vom Islam abgewandt, sogar seinen Namen ändern lassen, um seine pakistanische Herkunft zu verschleiern. Er wäre lieber Inder und sieht im Islam eine rückständige Religion, die nicht mehr in die heutige Zeit passt.

Die Gäste, der jüdische Kunst-Kurator Isaac (Markus Angenvoth) und seine afroamerikanische Frau Jory (Jillian Anthony), kennen ihre Gastgeber über die Arbeit: Isaac möchte eine Ausstellung organisieren, in der auch Bilder von Emily ihren Platz haben sollen. Die ehrgeizige Juristin Jory arbeitet in derselben Kanzlei wie Amir. Und so sorgen außer den kulturellen Hintergründen auch beruflicher Ehrgeiz und Privates für extremen Zündstoff.

Handgreiflichkeiten

So dauert es nicht lang, bis Amir und Isaac aufeinander losgehen, als Amir, trotz seiner kritischen Haltung zum Islam, gewisses Verständnis für die Terroranschläge auf die World-Trade-Center-Türme durchblicken lässt. Die Stimmung ist schnell im Keller. Vollkommen aus dem Ruder läuft die Situation, als Amir und Jory mitbekommen, dass sich Isaac und Emily in einem vermeintlich unbeobachteten Moment küssen. Zum völligen Zerwürfnis und Handgreiflichkeiten kommt es, als sie zudem erfahren, dass Emily und Isaac bei einem Aufenthalt in London sogar miteinander geschlafen haben.

Obendrein taucht Amirs Neffe Abe (Christopher Gollan) auf, der seinen Onkel davon zu überzeugen will, einen terrorverdächtigen Imam vor Gericht zu vertreten. Das lehnt dieser zwar ab, aber Anwaltskollegin Jory offenbart ihm, dass nicht er, sondern sie neue Partnerin in der Kanzlei wird. Die Begründung: Amir wird namentlich in einem Bericht über eine Gerichtsverhandlung eben jenes terrorverdächtigen Imams erwähnt. Deshalb haben ihn seine jüdischen Arbeitgebern fallen gelassen.

Geschliffene Dialoge

Dem ausgezeichneten Ensemble gelang es, die ganze emotionale Wucht auf die Bühne zu bringen. Es ließ das Publikum den Wechsel von charmanter Plauderei über fiese Sticheleien bis hin zu explosiven Wutausbrüchen mit durchleiden. Dabei fesselt das Stück mit geschliffenen Dialogen, denen es auch nicht an scharfzüngigem Witz fehlt.

Regisseurin Karin Boyd inszeniert das Schauspiel in einem hellen Raum, in dessen Zentrum ein von Emily gemaltes Gemälde steht. Zwischen den Szenen wird die Skyline New Yorks an die Wände des Lofts projiziert, was zur Verortung der Handlung beiträgt. Das Espelkamper Publikum bedankte sich bei den Schauspielern mit Applaus für einen sehr gelungenen Theaterabend.

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