Do., 22.08.2019

Landwirtschaftsverband zieht in Espelkamp erste Erntebilanz für den Mühlenkreis Der Norden ist das Sorgenkind

Bianca Winkelmann (von links), Rainer Meyer und Stefan Schmidt haben sich die Ställe auf dem Hof Flömer-Peitsmeyer angeschaut. Unter den 270 Kühen und 160 weiblichen Rindern und Kälbern gibt es auch sehr neugierige Vierbeiner.

Bianca Winkelmann (von links), Rainer Meyer und Stefan Schmidt haben sich die Ställe auf dem Hof Flömer-Peitsmeyer angeschaut. Unter den 270 Kühen und 160 weiblichen Rindern und Kälbern gibt es auch sehr neugierige Vierbeiner. Foto: Felix Quebbemann

Von Felix Quebbemann

Espelkamp/Kreis Minden-Lübbecke (WB). »Die Erträge sind nicht so katastrophal wie im vergangenen Jahr.« Rainer Meyer, Vorsitzender des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV) im Kreis, hat am Donnerstagmorgen eine erste Erntebilanz gezogen.

Er sprach auf dem Hof der Familie Peitsmeyer-Flömer in Gestringen von einem sehr trockenen Jahr. Aber der Zeitraum von Mai bis Juni sei nicht so heiß gewesen wie 2018.

Sorgenkind

Bei der Veranstaltung des WLV waren neben den Hof-Inhabern auch die CDU-Landtagsabgeordnete Bianca Winkelmann sowie Stefan Schmidt, stellvertretender Vorsitzender des WLV, sowie Dirk Langelahn vom WLV-Gesamtvorstand dabei.

Regional, so Meyer weiter, gebe es erhebliche Unterschiede bei der Ernte. Die Bereiche nördlich der L 770 bezeichnete er als »das Sorgenkind«. »Dort sind die Böden sehr sandig.« Vor allem für diese Landwirte sei die finanzielle Situation aufgrund der vergangenen zwei trockenen Jahre »sehr angespannt«.

Nach der Ernte des Getreides stehe nun das Einholen von Kartoffeln, Mais und Rüben an. Bei den Kartoffeln seien unterschiedliche Entwicklungen zu erwarten. Der Mais habe gar Bestände ohne Kolben. Diese könnten allerhöchstens für nährstoffarmes Futter oder für Biogas genutzt werden. »Je weiter wir nach Norden kommen, umso durchschnittlicher wird es.« Bei all diesen Entwicklungen beliefen sich die Preise auf verhaltenem Niveau.

Hürden

Auch Winkelmann, die die umweltpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im Landtag ist, sprach von »Einbußen« der Landwirte im Norden. In diesem Zusammenhang erwähnte sie auch die Dürrehilfe, die zwar im vergangenen Jahr angeboten wurde, jedoch nicht die erhoffte Erleichterung für die Landwirte brachte. »Die Hürden für die Dürrehilfe waren so hoch, dass es für eine Unterstützung oft nicht reichte«, so Meyer.

Landwirtin und Mit-Gastgeberin Miriam Peitsmeyer fand zur Dürrehilfe deutliche Worte. »Der Schaden der Dürrehilfe ist größer als der Ertrag.« Meyer unterstützte diese These: »Das Land trägt keine Schuld. Der Grundfehler ist die Schublade, aus dem man das Geld genommen hat. Es aus dem Katastrophenhilfe-Fonds zu nehmen, war falsch.« Miriam Peitsmeyer hob in diesem Zusammenhang auch auf den Imageschaden für die Landwirtschaft ab.

Besondere Stellung

Bianca Winkelmann bestätigte, dass es viel zu kompliziert gewesen sei, Hilfe aus dem Dürre-Fond zu beantragen und zu erhalten. Sie machte deutlich: »Die Landwirte haben eine besondere Stellung in der Gesellschaft, weil sie dafür sorgen, dass wir etwas auf den Tisch bekommen.«

Landwirt Cord Peitsmeyer verdeutlichte das Dilemma noch einmal anders. Das heiße Klima treffe die Landwirte doppelt. Zum einen gehe die Ernte zurück. Der Mais aber sei zum Beispiel bei Viehbetrieben, wie es der Hof Peitsmeyer ist, existenziell zur Fütterung der Tiere. Daher müssten viele Landwirte Futter zukaufen. »Das trifft uns am meisten.« Landwirtin Annegret Flömer fügte an: »Mit etwas weniger Getreide können wir leben.« Aber der Futteranbau wie Mais – der »kneife«. Zur Veranschaulichung erläuterte Miriam Peitsmeyer. »Eine Kuh frisst 50 Kilogramm Futter am Tag – davon 40 Kilogramm Mais und Gras. Das hat eine hohe Bedeutung.«

Die Trockenheit in diesem Jahr habe dafür gesorgt, dass die Grünflächen »noch schlechter als im vergangenen Jahr aussehen«, sagte Miriam Peitsmeyer. Stimmen die nun forderten, den Tierbestand abzubauen, seien aber keine Option, betonte Cord Peitsmeyer. Denn man habe als Landwirt auch eine Verantwortung gegenüber seinen Tieren.

Maisanbau

Um zum Beispiel im Maisanbau starke Pflanzen zu erhalten, seien sie bereits dazu übergegangen, auf einem Quadratmeter Ackerfläche statt vorher neun bis zehn Pflanzen nur noch acht zu setzen.

Cord Peitsmeyer machte deutlich, dass ein Landwirt Unternehmer sei und sich mit den verschiedenen Entwicklungen arrangieren müsse. Vielmehr zermürbe ihn das »schlechte Image«, das teilweise von der Landwirtschaft gezeichnet werde. Natürlich seien aber auch auskömmliche Preise notwendig – so sei zum Beispiel ein Preis von 35 Cent je Liter Milch die unterste Grenze.

Rainer Meyer fügte an, dass die Landwirtschaft der Bereich sei, der »vom Klimawandel am schlimmsten betroffen ist aber auch am ehesten Lösungen bereit halte«. Er sprach die Entwicklung von neuen Züchtungen an.

Insektenschutz

Landwirt Ernst Flömer wurde noch deutlicher. Er sagte, es müsse weiter geforscht werden, denn er glaube nicht, dass künftig die Weltbevölkerung ohne den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ernährt werden könne. Miriam Peitsmeyer fügte an, dass es möglich sei, beide Ziele – sowohl Klima- und Insektenschutz wie auch den Einsatz von Pflanzenschutz – zu vereinen. Die Landwirte hätten schließlich auch ein großes Interesse am Schutz der Insekten. »Es kann beides funktionieren. Wir machen alles mit und sind flexibel«, so Miriam Peitsmeyer. Zusammen mit Politik, Landwirtschaft und Wissenschaft müsse ein Konzept entwickelt und Geld in die Hand genommen werden.

Blühstreifen

Mit der Aussaat von Ackerbohnen, einem heimischen Eiweißträger, beschreite der Hof Flömer-Peitsmeyer künftig neue Wege. Zudem stellte Rainer Meyer heraus, dass die Landwirte im Mühlenkreis für den Klima- und Artenschutz auf mehr als 600 Hektar Blüh- und Schonstreifen angelegt hätten und extensive Grünlandnutzung betreiben würden. Dies sei etwa zehn Prozent der Ackerfläche im Kreis. »Wenn man sagt, die Landwirtschaft tut nichts, ist das falsch. Wir müssen uns alle irgendwie bewegen. Das ist nur bislang noch nicht bei jedem angekommen.«

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