Mo., 04.11.2019

Standing Ovations für das Stück »Aus dem Nichts« im Neuen Theater Ein Stück, das bewegt

Das Stück »Aus dem Nichts« hat mit seinem Inhalt das Espelkamper Theaterpublikum bewegt. Das Ensemble rund um Hauptdarstellerin Anna Schäfer (hier mit Mathias Kopetzki) hat im Anschluss noch eine Nachbesprechung angeboten.

Das Stück »Aus dem Nichts« hat mit seinem Inhalt das Espelkamper Theaterpublikum bewegt. Das Ensemble rund um Hauptdarstellerin Anna Schäfer (hier mit Mathias Kopetzki) hat im Anschluss noch eine Nachbesprechung angeboten. Foto: Jan Lücking

Espelkamp (WB/JP). Dunkelheit und Stille herrschen im Neuen Theater – nach dem intensiven Politthriller »Aus dem Nichts« warten die Theaterbesucher bewusst mit dem Applaus, bis das Licht wieder angeht.

Die intensiven Szenen wirken nach. Dann steht das Publikum im Neuen Theater auf und applaudiert lautstark. Der Politthriller nach dem gleichnamigen Film von Fatih Akin überzeugte das Publikum in der Bühnenfassung des Euro-Studio Landgraf.

Überzeugend

In sehr nachdenklichen, bedrückenden und berührenden Szenen zeigte das Stück vor dem Hintergrund der Morde des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU) das Schicksal von Katja (Anna Schäfer), die durch einen rechtsterroristischen Nagelbombenanschlag ihren kurdischen Ehemann und ihren Sohn verliert.

Sehr überzeugend spielte Anna Schäfer die Rolle der verzweifelten Mutter, die ihren Schmerz über ihren unvorstellbaren Verlust mit Drogen zu betäuben versucht. Verzweifelt kämpft sie um das Ansehen ihres Mannes der als Übersetzer und Buchhalter für die türkischen Geschäftsleute in seiner Straße und für Strafgefangene tätig war. Schnell beschuldigten ihn die Ermittlungsbehörden, im Bereich der Organisierten Kriminalität tätig gewesen zu sein, sogar mit Drogen gedealt zu haben. Katjas Verdacht, dass der Anschlag kein Racheakt aus dem Milieu, sondern ein rechtsterroristischer Anschlag war, geht lange niemand nach. Katja wird selbst zum Opfer.

Es gibt eine Hausdurchsuchung und Geschäftspartner bespucken sie – haben die vermeintlichen kriminellen Machenschaften ihres Ehemannes doch dazu geführt, dass weitere Unschuldige durch die Bombenexplosion schwer verletzt wurden.

Hilflosigkeit

Das Stück besticht durch die überzeugende Darstellung von Anna Schäfer. Die Wut, die Verzweiflung und die Hilflosigkeit nach diesem brutalen Anschlag berühren das Publikum. Dem Ensemble gelang es auch, überzeugend mit mehrfach besetzten Rollen zu arbeiten. Durch Licht, Filmeinspielungen und Ton wurde die passende Atmosphäre auf der Bühne erzeugt.

Einspielungen

So zeigten Einspielungen auf einer großen Leinwand in der Mitte der Bühne zu Beginn des Stückes Szenen aus der Neonazi-Szene nach der Wiedervereinigung, um dem Publikum das Umfeld, in dem sich der NSU gründete, zu vermitteln.

Im Prozess gegen die Tatverdächtigen wird das junge Pärchen aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Ein gewiefter Verteidiger und ein mutmaßlich gefälschtes Alibi der Angeklagten lassen dem Gericht keine Wahl.

Doch allmählich wird klar, wie sehr der Verfassungsschutz durch V-Leute in die NSU-Morde verstrickt ist und das es niemals eine vollständige Aufklärung geben wird. Ergreifende Worte findet der Staatssekretär im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages, gespielt von Christian Meyer. Er verdeutlicht: »Das Staatswohl hat Vorrang vor Aufklärung.«

Am Ende wurden auf der Bühne Akten geschreddert, um diese Erkenntnis plakativ auf der Bühne zu inszenieren. Aufnahmen der Opfer der NSU-Morde und auch ein Bild des im Juni dieses Jahres ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke erinnern am Ende noch einmal an die Opfer rechtsterroristischer Straftaten.

Nachbesprechung

Nach dem Stück bot das Ensemble auf der Empore die Möglichkeit an, über das Gesehene zu sprechen. Etwa 20 Theaterbesucher nutzten die Gelegenheit, Fragen zu stellen und ihre Eindrücke zu beschreiben. »Ich fühle mich gerade etwas gelähmt. Ich kann das gar nicht beschreiben«, sagte eine Teilnehmerin. »Ich habe so etwas noch nie erlebt, dass mich ein Stück so anfasst«, war die Reaktion einer weiteren Theaterbesucherin. Das Ensemble stand für Fragen zur Verfügung und gab ebenfalls Einblicke in die Arbeit des Ensembles.

Die Besucher äußerten darüber hinaus ihre Betroffenheit über die Botschaft des Stücks. »Suchen Sie den Diskurs. Man darf sich nicht aus Angst zurückziehen«, ermutigte Hauptdarstellerin Anna Schäfer gegen Ende der Gesprächsrunde die Teilnehmer, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen.

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