Sa., 23.11.2019

Präventionsexperte berichtet beim Seniorenbeirat über Kriminalität gegen Ältere Anrufe falscher Polizisten nehmen zu

Betrugsversuche von falschen Polizisten nehmen stetig zu. Sie werden hochprofessionell organisiert und betreffen in den meisten Fällen ältere Menschen. Allein in NRW beträgt die Schadenshöhe in diesem Jahr bislang bereits 12,3 Millionen Euro.

Betrugsversuche von falschen Polizisten nehmen stetig zu. Sie werden hochprofessionell organisiert und betreffen in den meisten Fällen ältere Menschen. Allein in NRW beträgt die Schadenshöhe in diesem Jahr bislang bereits 12,3 Millionen Euro. Foto: dpa

Von Arndt Hoppe

Espelkamp (WB). Falsche Polizisten, falsche Wasserzählerableser, falsche Enkel: Tausende von Bürgern werden alljährlich Opfer von Telefonbetrügereien. »Und die Tendenz steigt«, sagt Michael Wehrmann. Der Kriminalkommissar hat jetzt den Espelkamper Seniorenbeirat besucht, um von dem Problem zu berichten. Denn er weiß: Die Opfer sind in den meisten Fällen ältere Menschen.

»Das ist der Grund, warum wir Herrn Wehrmann eingeladen haben. So können wir uns ein Bild machen und überlegen, ob wir zu dem wichtigen Thema einmal Veranstaltungen anbieten wollen«, sagte Beiratsvorsitzender Reinhard Rödenbeck, der den Fachmann in der Runde begrüßte. Wehrmann befasst sich seit 20 Jahren in der Abteilung Prävention und Opferschutz mit solchen Betrugsfällen speziell gegen Senioren. »Mein Schwerpunkt ist Verhaltensprävention« sagt er. Und die Zahlen und Fallbeispiele von denen der Experte berichtet, sind tatsächlich alarmierend.

Präventionsberater der Polizei Michael Wehrmann. Foto: Arndt Hoppe

Eigentlich weise die Kriminalstatistik der Polizei im Mühlenkreis die Jahre 2018 und 2019 als »eine sehr ruhige Zeit« aus, sagt Wehrmann. »Die einzige Ausnahme ist die Betrugskriminalität gegen ältere Menschen. Die macht uns erhebliche Probleme«, räumt der Beamte ein. Besonders »krass« sei die Zunahme bei den Fällen falscher Polizisten am Telefon. »Allein in NRW erreichen diese Fälle in diesem Jahr schon jetzt eine Schadenshöhe von 12,3 Millionen Euro. Bis zum Jahresende könnten es womöglich 15 Millionen sein«, sagt er.

»Ganze Call-Center in der Türkei«

Ein Grund für diese hohen Zahlen seien die hohen erbeuteten Summen, die durchschnittlich bei 20.000 bis 30.000 Euro liegen, aber manchmal bis zu 100.000 Euro betragen, wie der Experte berichtet. Ein weiterer Grund ist die große Fallzahl: »Es gibt ganze Call-Center, zum Beispiel in der Türkei. Die rufen Hunderttausende von Menschen in ganz Deutschland und Österreich an«, sagt Michael Wehrmann. »Auch bei uns im Kreis vergeht fast kein Tag, an dem uns nicht mindestens ein Fall angezeigt wird.« Dabei gebe es eine Dunkelziffer von nicht gemeldeten Fällen, die wahrscheinlich deutlich höher liege.

Im Seniorenbeirat berichtete Michael Wehrmann von diversen Fällen, die deutlich machten, wie professionell und zugleich perfide die Täter vorgehen. So gäben sich Anrufer als Polizisten oder Staatsanwälte aus und machen den Opfern weiß, dass ihr Geld auf der Bank nicht mehr sicher sei. Sie erzählen von geheimen Ermittlungen und reden den Betroffenen ein, dass sie »ihr Geld schützen« müssten. Wehrmann warnt eindringlich: »Wer es nicht innerhalb der ersten Minuten schafft aufzulegen, der hat fast keine Chance. So geschickt gehen diese Betrüger vor.«

»Sofort auflegen!«

Wehrmann gibt einige wichtige Hinweise zum Verhalten bei solchen Anrufen: »Spätestens wenn der Begriff Geld fällt, sollte man auflegen.« Das gelte sowohl für die falschen Polizisten, als auch für vorgebliche Verwandte, wie etwa beim bekannten Enkeltrick. Zwei Regeln seien überdies unbedingt zu befolgen: »Erstens: Lassen Sie sich nicht unter Zeitdruck setzen.« Das Aufbauen einer Drucksituation sei ein zentraler Teil der Masche. Mal werde ein vermeintlich geheime Ermittlung vorgetäuscht, mal werde Zeitdruck erzeugt (Der »Enkel« sagt: »Ich sitze hier beim Notar und brauche 50.00o Euro. Ich schicke einen Freund, der das Geld bei dir abholen kann.«). Hier schließt Wehrmanns zweite Grundregel an: »Geben Sie niemals einer fremden Person Geld.« Manch einer habe sogar vermeintliches Falschgeld vom Balkon geworfen.

Michael Wehrmann warnt jedoch alle, die glauben, auf so etwas würden sie niemals hereinfallen: »Einerseits gehen die Betrüger unglaublich geschickt vor. Und andererseits sind oft alte Menschen betroffen, die alleine, oft einsam sind und selten Anrufe bekommen.« Er nennt aber auch Beispiele, die zeigen, dass auch Leute, die noch mitten im Leben stehen, nicht vor solchen Tricks gefeit sind.

Auch ein Arzt wird Opfer

»Ein Arzt wurde von einem falschen Oberstaatsanwalt angerufen. Ihm wurde weiß gemacht, dass gegen einen Bankangestellten ermittelt werde. Der Arzt verabredete sich in der Bank mit einem ›jungen Staatsanwalt‹ und übergab ihm 12.000 Euro aus einem Schließfach.«

Einem falschen Verehrer sei eine Frau mittleren Alters zum Opfer gefallen. »Früher nannte man sie Heiratsschwindler, heute sagt man dazu im Fachjargon ›Love Spoofer‹«, sagt Wehrmann. Die Frau habe über Monate per Internet eine Beziehung zu einem Mann aufgebaut, der angeblich auf einer Bohrinsel im Golf von Mexiko saß. »Als ein Besuch in Deutschland verabredet war, sagte er, es sei eine Maschine kaputt gegangen. Er müsse sich 50.000 Euro leihen, um die Reise antreten zu können«, erzählt Wehrmann. Die Frau sei sogar in der Bank darauf hingewiesen worden, dass es sich um einen Betrugsversuch handeln könne. Aber sie bestand darauf, einen Kredit über 50.000 Euro aufzunehmen. Das Ergebnis sei das selbe gewesen wie bei allen Betrugsopfern: »Das Geld ist weg und die Betroffenen bekommen nichts davon je wieder.«

Reinhard Rödenbeck zeigte sich beeindruckt und sagte: »Was wir machen können: Wir können sensibilisieren.«

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