Mo., 13.01.2020

„Der rechte Auserwählte“: Ensemble gelingt in Espelkamp Spagat zwischen Humor und Ernsthaftigkeit Boulevard mit Anspruch

Es kommt zur Eskalation, der Streit wird handfest: Noel (Stefan Jürgens) und Jeff (Volker Zack) geraten wegen Eifersüchteleien und komplett unterschiedlicher politischer Ansichten aneinander. Die anderen sind schockiert.

Es kommt zur Eskalation, der Streit wird handfest: Noel (Stefan Jürgens) und Jeff (Volker Zack) geraten wegen Eifersüchteleien und komplett unterschiedlicher politischer Ansichten aneinander. Die anderen sind schockiert. Foto: Jan Lücking

Von Jan Lücking

Espelkamp (WB). Die Hamburger Kammerspiele haben mit dem Schauspiel „Der rechte Auserwählte“ von Eric Assous im Neuen Theater in Espelkamp überzeugt. Dem Ensemble ist es gelungen, das Stück um das zen-trale Thema Rechtspopulismus ausdrucksstark auf der Bühne zu inszenieren – Boulevard mit Anspruch.

Melanie (Sina-Maria Gerhardt) und ihr Ehemann Greg (Ole Schloßhauer), der Sportjournalist ist, luden gemeinsame Freunde zu einem Abendessen in ihr Pariser Loft in der Nähe der Bastille ein. Das Paar ist seit zwölf Jahren verheiratet, hat zwei Kinder und ein großes Feriendomizil auf dem Land, das aber noch renoviert werden muss. Viele Klischees eines Pariser Upper-class-Pärchens wurden bedient. Jeff (Volker Zack) hat keine Arbeit, aber dafür ein großes Vermögen von seinen Eltern geerbt und wusste: „Das Mitleid hält sich in Grenzen, wenn man einen Job sucht und auf der Champs-Élysées wohnt.“

Ensemble bietet mitreißende Szenen

Die gemeinsame Freundin Charline (Helene Kowalsky) wurde begleitet von ihrem Verlobten Noel (Stefan Jürgens, Gründungsmitglied der Comedy-Sendung „RTL Samstag Nacht“) und wollte ihn vorstellen. Jeff war bis vor fünf Jahren mit Charline in einer Beziehung und wünschte sich immer noch, mit ihr zusammen zu sein. Greg hatte mit Charline eine kurze Affäre. Im Laufe des Abends entpuppte sich der anfangs höfliche und galante Noel als Rassist, Antisemit und Waffennarr – jede Menge Stoff also mit Potenzial zur Eskalation. Und so kam es dann auch.

Souverän gelang es dem Ensemble, das emotionale Chaos mitreißend in Szene zu setzen. Jeff (Volker Zack) ist verständlicherweise nicht begeistert davon, dass seine verehrte Charline samt Verlobtem auftaucht. Insbesondere Zack sorgte in seiner Rolle in vielen Szenen für Lacher, wenn er ganz unverblümt seine Ablehnung für Noel zum Ausdruck brachte. Zack (unter anderem durch seine einstige eigene Comedyshow in Sat. 1 bekannt) füllte seine Rolle als „wandelndes Paradoxon“ voll aus und verkörperte seine Figur urkomisch und überreizt.

Auf der Bühne befanden sich ein großes Sofa, Lampen und Sitzkissen. Bühnenelemente grenzten das Wohnzimmer von Melanie und Greg ab und eine transparente Rückwand ermöglichte den Blick auf den Balkon der Wohnung. Die Schauspieler wendeten sich in mehreren Szenen in direkter Ansprache an das Publikum, um den Zuschauern relevante Informationen über die Handlung mitzuteilen. Als sich herausstellte, dass Noel eine Pistole bei sich trug und rassistische und antisemitische Ansichten äußerte, waren Melanie, Greg und Jeff schockiert und die Protagonisten gerieten aneinander. Die Stimmung kippte. Es kam heraus, dass Noel einen Latino angeschossen und einfach auf der Straße liegen gelassen hatte, um Charline aus einer bedrohlichen Situation zu befreien. So lernte sich das Paar kennen.

Wortwitz und pointierte Unverschämtheiten prägten das Theaterstück

Es wurde laut und aggressiv auf der Bühne. Zwischen Noel und Jeff entwickelte sich ein handfester Streit. Charline verließ im Streit das Loft. Melanie war am Boden zerstört, als sie von der Affäre zwischen Charline und Greg erfuhr. Sie stellte ihrem Ehemann seinen gepackten Koffer hin und war völlig aufgelöst. Am Ende wurde jedoch alles gut. Melanie und Greg versöhnten sich und die Zuschauer erfuhren, dass Charline zu der Erkenntnis gekommen war, dass Noel mit seinen radikalen und populistischen Ansichten doch nicht zu ihr passte.

Es war ein gelungener Theaterabend. Das mit Sina-Maria Gerhardt, Stefan Jürgens, Helene Kowalsky, Ole Schloßhauer und Volker Zack prominent besetzte Ensemble schaffte es, Humor und das ernste Populismus-Thema überzeugend zu verbinden. Wortwitz und pointierte Unverschämtheiten prägten das Theaterstück.

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