Fr., 14.02.2020

Kriegsverbrechen: Antrag zur Namensänderung der Dr.-Max-Ilgner-Straße „Unfassbar und völlig unakzeptabel“

Dr. Max Ilgner (rechts) – hier mit Pastor Birger Forell – hat beim Aufbau Espelkamps mitgewirkt. Zuvor aber wurde er wegen schwerer Verbrechen im Zweiten Weltkrieg vom Militärgericht zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt.

Dr. Max Ilgner (rechts) – hier mit Pastor Birger Forell – hat beim Aufbau Espelkamps mitgewirkt. Zuvor aber wurde er wegen schwerer Verbrechen im Zweiten Weltkrieg vom Militärgericht zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. Foto: Felix Quebbemann (Repro)

Von Felix Quebbemann

Espelkamp (WB). Die Dr. Max Ilgner-Straße soll nach dem Willen von Gerhard Pollheide umgehend umbenannt werden. Dafür hat er jetzt an Rat und Verwaltung einen Antrag gestellt.

Der ehemalige Espelkamper, der nun in Lübbecke und in Spanien wohnt, erläutert in seinem Antrag: „Das NSDAP-Mitglied und der Nazi Dr. Max Ilgner ist ein wegen Plünderung und Raub verurteilter Kriegsverbrecher und war als Vorstandsmitglied der IG Farben und als Geschäftsführer der Bunawerke in Schkopau maßgeblich am 1941 durch die I.G. Farben erbauten rund 20 Hektar großen Bunawerk beim Konzentrationslager Auschwitz III Monowitz beteiligt.“

Zwangsarbeiter

Für den Bau des Werkes seien Zwangsarbeiter eingesetzt worden, von denen 20.000 bis 25.000 in diesem System der Vernichtung starben, schreibt Pollheide weiter. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Zwangsarbeiters beim Bau dieses Werkes habe drei Monate betragen. Das Arbeitslager habe bis zu 100.00 Häftlinge gezählt.

Pollheide sieht es in seinem Antrag als „unfassbar und völlig unakzeptabel an“, dass es 75 Jahre nach der Befreiung des Konzen-trationslagers Auschwitz in Espelkamp immer noch eine Straße gebe, die Dr. Ilgners Namen trägt. Pollheide schreibt weiter: „Egal, was Dr. Max Ilgner für Espelkamp getan haben soll – und das war meines Erachtens nicht viel – ist es völlig unakzeptabel, dass die Stadt Espelkamp ihm zu Ehren eine Straße mit seinem Namen benannt hat. Es ist wie eine Verhöhnung der vielen Opfer des Holocaust. Außerdem ist Ilgners Rolle zum Tode von Kurt Tucholsky bis heute ungeklärt. Es ist daher dringend an der Zeit, auch in Espelkamp die NS-Geschichte endlich komplett aufzuarbeiten. Das sind wir den Opfern schuldig.“

Verurteilung

Dr. Max Ilgner wurde 1945 von der US Army verhaftet und während des so genannten IG Farben-Prozesses vom US-Militärgerichtshof Nürnberg verurteilt – wegen „Plünderung und Raub“ zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren.

Nach seiner Entlassung half Ilgner dabei, Espelkamp aufzubauen. Dabei arbeitete er unter anderem mit seinem langjährigen Freund Pastor Birger Forell zusammen, wie es in der Festschrift „Birger Forell und Espelkamp“ des hiesigen Geschichtskreises heißt.

Pollheide sieht die Leistung Ilgners bei der Gründung Espelkamps als eher geringfügig an, Stattdessen betont Pollheide, der auch ehemaliges Ratsmitglied in Espelkamp ist, ausdrücklich die Schuld Ilgners.

Oskar-Schindler-Straße

Daher stellt er den Antrag, die Dr.-Max-Ilgner-Straße in Oskar-Schindler-Straße umzubenennen. Dieser neue Straßenname würde dem Gewerbegebiet und der ganzen Stadt gut tun und trüge dazu bei, die Erinnerung an die vielen Nazi-Opfer zu bewahren. „Das ist insbesondere in den heutigen Zeiten der zunehmenden Rechtsradikalität, auch verbunden mit dem immer stärker werdenden Antisemitismus, nicht nur zwingend geboten. Es ist eine dringende Aufgabe unserer Demokratie und unserer Gesellschaft. Niemals dürfen verurteilte Naziverbrecher durch Straßennamen geehrt werden, wie hier in Espelkamp geschehen“, schreibt Pollheide, der als Schriftsteller und Künstler tätig ist.

Oskar Schindler war ein deutschmährischer Unternehmer, der während des Zweiten Weltkrieges gemeinsam mit seiner Frau etwa 1200 bei ihm angestellte jüdische Zwangsarbeiter vor der Ermordung in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten bewahrte. Posthum erklärte der Staat Israel Schindler 1993 für die Rettung der Zwangsarbeiter zum „Gerechten unter den Völkern“.

Erneute Diskussion

Eine Namensänderung der Dr.-Max-Ilgner-Straße ist bereits in den 90-er Jahren im Rat diskutiert worden, führte aber letztlich nicht zur Umbenennung.

Der Antrag von Pollheide ist bei der Stadtverwaltung und den Ratsfraktionen eingegangen. Der städtische Pressesprecher Torsten Siemon teilt auf Nachfrage dieser Zeitung mit, dass es absolut legitim sei, einen solchen Antrag zu stellen. „Es gibt laut der Gemeindeordnung das Jedermanns-Recht.“ Demnach könne jeder einen Antrag an den Espelkamper Rat stellen.

Dies beziehe sich auch nicht nur auf Espelkamper Bürger. Dieser Passus kommt im aktuellen Fall zum Tragen, da der Antragssteller, der Schriftsteller Gerhard Pollheide, seinen Wohnsitz mittlerweile in Lübbecke und Spanien hat.

Inhaltliche Behandlung

Der Pollheide-Antrag werde nun erstmal in einer der nächsten Hauptausschuss-Sitzungen formell behandelt. Es wird zunächst entschieden, ob die Stadt überhaupt zuständig ist. „In diesem Fall sind wir das“, erklärt Siemon. Somit werde der Antrag vom Hauptausschuss zur inhaltlichen Behandlung weitergegeben an die zuständige Stelle – „in diesem Fall ist das der Stadtentwicklungsausschuss“, sagt Siemon.

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