Paul Bolsenbroek schließt Musikhaus Lohmeier in Gestringen
Der Schlussakkord

Espelkamp-Gestringen (WB). Das Musikhaus Lohmeier in Gestringen kennt wohl jeder Musiker im Altkreis Lübbecke – und viele darüber hinaus – vom Musikschüler über den „Hobby­klampfer“ bis hin zum professionellen Virtuosen. Nach 36 Jahren schließt Paul Bolsenbroek nun endgültig sein Geschäft an der Gestringer Straße. Nach mehreren Räumungsverkäufen wegen Geschäftsverkleinerungen lädt Bolsenbroek für Freitag, 5. und Samstag, 6. Juni, zum „großen Schlussakkord“ ein.

Freitag, 29.05.2020, 11:00 Uhr
Mit 70 ist Schluss: Nach seinem runden Geburtstag schließt Paul Bolsenbroek endgültig das Musikhaus Lohmeier. Davor gibt es am 5. und 6. Juni beim großen Schlussverkauf noch Schnäppchen von Instrumenten über Zubehör bis zu Noten zu ergattern. Foto: Arndt Hoppe
Mit 70 ist Schluss: Nach seinem runden Geburtstag schließt Paul Bolsenbroek endgültig das Musikhaus Lohmeier. Davor gibt es am 5. und 6. Juni beim großen Schlussverkauf noch Schnäppchen von Instrumenten über Zubehör bis zu Noten zu ergattern. Foto: Arndt Hoppe

„Es war eine tolle Zeit, aber jetzt ist wirklich Schluss“, sagt der gebürtige Holländer, der an diesem Sonntag seinen 70. Geburtstag feiert. „Eine große Feier wird es natürlich nicht geben wegen der Corona-Auflagen“, sagt er. Die Pandemie hatte auch dafür gesorgt, dass er den Ausverkauf wegen Geschäftsaufgabe um gut zwei Monate verschieben musste. „Es war schon alles geplant und dann kam ab Mitte März der Lockdown. Ich hätte natürlich sagen können: Das war’s dann, ich mach erst gar nicht wieder auf. Aber so sang- und klanglos sollte es nicht sein.“

Der Liebe wegen

Dass er in Ostwestfalen im kleinen Gestringen einmal eine Familie und ein Musikgeschäft haben würde, hätte sich Paul als Junge nie träumen lassen. In Amsterdam geboren und aufgewachsen, zog die Familie nach Den Helder, als sein Vater, der bei der Marine war, dorthin versetzt wurde. „Nach der Schule habe ich zunächst bei einer Bank gearbeitet. Und das habe ich auch gern gemacht.“ Nachdem er schon eine Zeit lang nebenberuflich Musik machte, entschloss sich Paul Bolsenbroek, Profimusiker zu werden. „Mein Vater war nicht begeistert.“ Seine erste Band hieß De Branding Boys. „Später mit den Top Four war ich fast täglich in Clubs im Einsatz.“

Und verschlug es ihn dann nach Gestringen? „Ein Freund stellte mir damals Inge Lohmeier vor – die Freundin seiner Freundin. Wir sind regelrecht verkuppelt worden,“ erzählt Paul und lacht. „Dabei habe ich gesagt: Ich arbeite sechs Abend die Woche. Ich habe keine Zeit für so was.“ Doch als sich die beiden trafen, war es um sie geschehen. „Mein Vater war zuerst nicht erfreut, denn die Deutschen hatten ihn ins KZ gesteckt. Er fragte, ob es denn in Holland keine Frauen gebe.“ Und auch Inges Eltern seien nicht sofort begeistert gewesen: Holländer und dann auch noch Musiker?

Leidenschaft Musik

Doch die Liebe war stärker. Und so zog Paul Bolsenbroek 1976 nach Gestringen. „Ich habe im Betrieb meines Schwiegervaters Karl mitgearbeitet. Lohmeiers hatten eine Tankstelle und eine Werkstatt. Ich war für die Mofas und Rasenmäher zuständig,“ erinnert sich Bolsenbroek. „Wir hatten damals sieben Tage die Woche auf, machten nie Urlaub und der einzige freie Tag war Heiligabend.“ „Opa Karl“ betrieb noch lange, nachdem es die Tankstelle schon nicht mehr gab, bis ins hohe Alter seine Fahrradwerkstatt im Haus.

Dass zur Werkstatt und Tankstelle noch der Musikladen hinzukam, hatte Paul eigentlich nie angestrebt, auch wenn die Musik immer seine Leidenschaft blieb. In seiner neuen Heimat spielte er weiter in Bands. „Ich war Gitarrist beim Jazz Club Lübbecke. Später bin ich bei der Partyband Flashback eingestiegen. Mit den Jungs spiele ich immer noch zusammen.“ Im Jahr 1984 übernahm Bolsen­broek das Musikgeschäft eines Freundes aus Lübbecke, bevor er schließlich mit seiner Frau Inge das Musikhaus Lohmeier in Gestringen eröffnete.

„Wir haben mit dem Musikhaus auch sehr gute Zeiten gehabt. Früher konnte ich Instrumente vieler namhafter Hersteller bekommen, Gitarren von Gibson und Fender oder Schlagzeuge von Sonor. Und es gab auch Kunden dafür“, erinnert er sich. „Ich hatte alles da, was Musiker brauchten. Wenn einer reinkam und sagte, er wolle dies oder das, war er oft überrascht, dass ich es wirklich vorrätig hatte.“ Paul lächelte dann oft und antwortete: „Das ist schließlich das größte Musikgeschäft von Gestringen.“ Und es kamen auch manche Prominente in das Fachgeschäft. „Zum Beispiel waren die Soul Sisters hier, als sie in Espelkamp eine Auftritt hatten.“ In Gestringen ist Paul inzwischen längst tief verwurzelt. „Wenn zum Beispiel bei Addi Schaefer in der Alten Schule Musiker besondere technische Wünsche hatten, habe ich immer gerne mit Leihgaben geholfen.“

Fundierte Antworten

Die Musikbranche hat sich seit den frühen Jahren des Ladens massiv verändert, sagt Paul Bolsenbroek. Zunehmend hätten große Anbieter und stets wachsenden Riesen-Online-Händler den kleinen Geschäften zu schaffen gemacht. „Viele große Hersteller haben mich mit der Zeit gar nicht mehr beliefert, weil ich nicht eine verlangte Stückzahl an verkauften Instrumenten garantieren konnte“, sagt der Fachmann. Ein großes Plus, das ihn als Fachgeschäft gefragt machte, war dass Paul Bolsenbroeck zu allen Fragen fundierte Antworten geben konnte. „Ich bin zwar an keinem Instrument perfekt, aber ich habe in meinen Bands alles mögliche gespielt: Gitarre, Schlagzeug, Keyboards und im Spielmannszug hatte ich diverse Blasinstrumente gelernt.“ Auch in Sachen Bühnen- und Musiktechnik konnte er stets aus eigener Erfahrung beraten. Und für Beratung oder auch einen kleinen Schnack hat sich Paul immer gerne Zeit genommen. „Aber viele Leute schauen nur noch auf den Preis. Manche haben sich von mir beraten lassen und dann die Instrumente anderswo bestellt“, sagt er.

Wegen des sinkenden Umsätze hatte Paul Bolsenbroek schon seit 2018 die Ladenfläche und die Öffnungszeiten stark heruntergefahren. Seit einiger Zeit ist der Laden nur noch von Mittwoch bis Freitag, von 15 bis 18 Uhr geöffnet. „Das bleibt nur noch eine Woche so.“ Der große Räumungsverkauf ist dann am Freitag, 5. Juni, von 9 bis 12.30 und 14.30 bis 18 Uhr sowie am Samstag 6. Juni, von 9 bis 14 Uhr. „Danach gibt es keine Öffnungszeiten mehr“, erklärt Paul Bolsenbroek. Aber weil er ein Herz für Musiker hat, ergänzt er: „Weil das Gewerbe noch bis Ende des Jahres angemeldet ist, bin ich bis dahin in dringenden Fällen unter Telefon 05743/1398 erreichbar.“

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